Eisbrecher im Einsatz

Der Eisbrecher mit dem Namen „Stier“ kommt derzeit auf dem Mittellandkanal rund um Magdeburg zum Einsatz. Er zerstört Scholleneis, um eine Fahrrinne für die Binnenschiffe freizuhalten.

Das Schiff ist bereits seit 67 Jahren im Einsatz. Es wurde 1951 auf der Bauwerft Hitzler in Lauenburg (Schleswig-Holstein) gebaut. Die Länge des Schiffes beträgt 27,98 Meter, die Breite 6,60 Meter. Der maximale Tiefgang wird mit 1,76 Metern angegeben.

Das Wasserschifffahrtsamt (WSA) Magdeburg hat insgesamt vier Eisbrecher im Einsatz, die das Offenhalten der Häfen und Kanalstrecken garantieren sollen.

Zwei der Schiffe sind direkt in Magdeburg stationiert für die Magdeburger Häfen, das Wasserstraßenkreuz und den Mittellandkanal. Ein Eisbrecher liegt in Aken, um für das WSA Dresden die Elbehäfen oberhalb der Saalemündung sowie die Schutzhäfen offen zu halten. Auch im Hafen Tangermünde ist ein Eisbrecher stationiert, der die Häfen Arneburg, Wittenberge und Dömitz offenhält.

Niegripp l „Leinen los!“ übertönt der Ruf von Uwe Zemlin Donnerstagfrüh um 5 Uhr das kraftvolle Brummen des 600-PS-Schiffsmotors. Der Decksmann hat das Signal für freie Fahrt auf die Brücke gerufen. An der Kaimauer des Außenbezirkes Niegripp der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung Magdeburg bebt der „Stier“. Dann ruckt das stählerne Kraftpaket an. Eis knirscht, dann bricht es.

Ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, drückt der Eisbrecher rückwärts, dann wieder vorwärts. Er macht sich frei. Fast wie von unsichtbarer Hand wird der „Stier“ geführt. Die gehört Schiffsführer Thomas Peter. Seit 1987 hat er das Patent. Normalerweise lenkt Peter den Stromaufsichtsboot-Schlepper „Niegripp“. Doch jetzt ist Winter. Da steht der Magdeburger auf der Brücke des „Stiers“. Hier ist es wohlig warm. Draußen sind 12 Grad minus. Der kalte Ostwind macht daraus fast 20 Grad minus.

Erfahrene Männer an Bord

Der Schiffsführer hat erfahrene Männer an seiner Seite. Uwe Zemlin ist Geräteführer auf einem Baggerschiff. 43 Jahre ist der Bootsmann dabei. Der gebürtige Wusterwitzer wohnt auch ganz nahe: am Schiffshebewerk Rothensee. Der Liebe wegen hat es ihn hierher verschlagen.

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Der warme Motorenraum im Bauch des „Stiers“ ist das Reich von Rüdiger Bolsmann. „67 Jahre alt sind Schiff und Maschine. Aber sie tun ihren Dienst gut und zuverlässig“, sagt der Gerwischer.

„Eisbrecher waren schon von kleinauf die Welt von Christian Mineif aus Derben. „Erst als Hobby, mit meinem Bruder. Jetzt soll es auch beruflich so werden“, sagt der Decksmann. Er will Schiffsführer werden. „Das braucht Zeit und Ausbildung. Ich muss noch viel lernen.“

Runde vor der Schleuse Niegripp

Der Eisbrecher dreht seine erste Runde vor der Einfahrt zur Schleuse Niegripp. Sie verbindet den Elbe-Havel-Kanal mit der Elbe. Nach der zweiten Runde gibt Schiffsführer Peter Signal. Die Schleusenbesatzung öffnet das Tor.

Minuten später ist der „Stier“ auf der Elbseite. Am Bug steht Außenbezirksleiter Ulf Möbius. Er schaut in die vom Vollmond und den Lichtmasten am Ufer aufgehellte Nacht in Richtung Elbe. Der „Stier“ kommt flott voran. „Das ist hier alles Softeis“, sagt Möbius. Das Eis ist kaum drei, vier Zentimeter dick. Die im Fluss treibenden Schollen erinnern an „Törtchen“. Das Wasser hat 0,3 Grad. „Bei der Titanic damals hatte das Wasser vier Grad“, schmunzelt Möbius. Ok, dafür hat die Elbe nicht so eine Tiefe wie der Nordatlantik.

Schwimmwesten sind Pflicht

Sicherheit wird dennoch groß geschrieben. Die Besatzung trägt Schwimmwesten. Sie öffnen sich automatisch, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen. Die Kons­truktion soll sicherstellen, dass sich der Körper immer nach oben dreht. „Gesicht und Mund sind so immer über Wasser“, sagt Möbius. Das sei wichtig, bei Unfällen, wenn jemand ins Wasser stürze und ohne Bewusstsein sei.

Auf der Elbe sind Eisbrecher zumeist nicht unterwegs. Erst wenn der Fluss zum Stillstand kommt. Dann könnte Eisdruck auf Brücken und Deiche zum enormen Risiko werden, erläutert Möbius.

Selbst Sprengen möglich

Selbst Sprengen kann dann in Frage kommen, als letzter Ausweg, um Schlimmeres zu verhindern. Wie 1985/86, als die Eisenbahnbrücke bei Wittenberge von dem aufgestauten Eis bedroht wurde, erinnert sich Möbius. Er ist ein alter Fuchs, wie seine Stier-Mannschaft. Seit 1983 ist er in Niegripp, zunächst als Bauleiter im Elbbereich, seit 1990 als Außenbezirksleiter, von da ab auch für die Kanäle.

Auch der Winter 1995/1996 war knifflig. „Da staute sich das erste Mal wieder seit dem Krieg das Eis bis zum Domfelsen in Magdeburg“, so Möbius.

„Das Eis auf der Elbe kann man nie von der Mitte aufbrechen“, erklärt Möbius. Eisbrecher müssen dann vom Oberlauf aus, von Hamburg-Geesthacht beginnend, das über viele Kilometer aufgestaute Eis brechen.

1951 in Dienst gestellt

Der „Stier“ hat das schon gemacht. Er stammt von dort, wurde 1951 in Dienst gestellt. Seine 145 Tonnen können bei Bedarf um bis zu 40 Tonnen erhöht werden. Dann krachen unter dem Eigengewicht des Schiffes schon mal 80 Zentimeter starkes Eis, wenn auch oft nicht im ersten Anlauf.

Kurz vor 6 Uhr fährt der „Stier“ in die Schleuse Hohenwarthe ein. Sie ist Teil des Wasserstraßenkreuzes Magdeburg. Es dämmert. Der „Stier“ und seine Besatzung lassen sich über die Schleuse Hohenwarthe fast 19 Meter auf Trogbrückenniveau bringen. Weiter geht es, Rothensee kommt in Sicht. Die Sonne geht auf. Es ist 6.56 Uhr. Das erste Frachtschiff, die „Anna Krieger“ kommt ihnen entgegen. Der Schiffsführer grüßt, wohl auch, weil der Eisbrecher ihm den Weg erleichtert.

„Es ist nur leichtes Eis, aber für die Schiffe schon ein Problem. Darum sind wir da“, sagt Ulf Möbius. Die Kanäle im Großraum Magdeburg sind wegen der schwierigen Schiffbarkeit der Elbe von großer Bedeutung. Rund zehn Millionen Tonnen Fracht werden jährlich über den Mittellandkanal pro Jahr befördert. Ein großer Teil bleibt in Haldensleben, weiß Ulf Möbius. Der Industriehafen Magdeburg schlägt ebenfalls stattliche Mengen auf. Rund drei Millionen Tonnen gehen weiter, unter anderem über den Elbe-Havel-Kanal.

Bei Elbeu ist das Eis dicker

Im Bereich Elbeu wird das Eis plötzlich dicker. Zehn Zentimeter etwa. Der Abschnitt bis Haldensleben ist am anfälligsten für stärkeres Eis. Weiter geht es Richtung Vahldorf. Es ist 7.27 Uhr. „Da ist der ,Seebär‘“, ruft Thomas Peter. Der Eisbrecher kommt aus Bülstringen. Jeder beackert seinen Abschnitt.

„Aber wir helfen uns auch, wenn es mal dicke wird“, schmunzelt Möbius.

Freie Fahrt für Lastkahn

Der „Stier“ kehrt um. Er überholt die „Bolero“ und macht ihm die Strecke eisfrei. Der Kaptän des 100 Meter langen und voll beladenen Lastkahns grüßt und tuckert weiter zum Trog der Schleuse Hohenwarthe auf Niveau des Elbe-Havel-Kanals. Sein Heimathafen: Amsterdam.

Der „Stier“ kehrt wieder um in Richtung Vahldorf. Die Minusgrade sorgen dafür, dass das aufgebrochene Eis schon wieder gefriert.