Weißenfels l Der Stiefel ist einen Meter hoch und ein Fuß Größe 65 passte locker hinein. Vor dem schwarzen Leder-Ungetüm hocken sechs „Musikmäuse“ vom Kinder- und Elternzentrum „Kleeblatt“ in Weißenfels (Burgenlandkreis). Die Drei- und Vierjährigen rubbeln und putzen, bürsten und wienern. „Der Schuh muss doch sauber sein“, sagt Emma ein bisschen außer Atem.

Es ist seit Jahren Brauch, dass Kinder vor dem Nikolaus-Tag ins Weißenfelser Schuhmuseum kommen, um zwischen den Ausstellungs-Vitrinen im ersten Stock des Schlosses spielerisch etwas über Schuhe zu erfahren.

Museumspädagogin Ilonka Struve hat das Kostüm einer Schuhmacherfrau übergestreift und liest den Kleinen etwas aus dem Buch „Kerzenmärchen und Feenhexe“ vor, für das sie selbst den Text geschrieben hat. „Illustriert wurde es von Kindern. Mehr als 200 Bilder, die Bezug zum Nikolaus haben, wurden von ihnen innerhalb eines Malwettbewerbs eingereicht“, sagt sie.

Dann setzen sich Yahia, Emma, Nele, Norbert, Mia-Sophie und Emil im Kreis zusammen und überziehen selbstgegossene Tannenbaum-Kerzen mit Gold-Flitter.

Dass Kerzen rein gar nichts mit Schuhen zu tun haben, sei ein Trugschluss, erklärt Struve, die seit acht Jahren im Museum arbeitet: „Denn Schuster und Schneider waren im Mittelalter die Einzigen, die mit Kerzen hantieren durften. Zu groß war die Gefahr, dass halbe Städte durch offenes Feuer abbrennen – was ja auch vorkam.“

Die Schuhausstellung in Weißenfels ist so alt wie das Museum im Schloss – 100 Jahre. „Seit 500 Jahren werden Schuhe bei uns hergestellt“, sagt Angela Sengewald, die „Schuh“-Kuratorin. Und die 63-Jährige weiß, wovon sie spricht, hat sie doch zu DDR-Zeiten selbst im VEB „Banner des Friedens“ Schuhfacharbeiterin gelernt.

„Weißenfels war das Zentrum der Kinder- und Jugend-schuhproduktion“, erzählt sie. „Jedes Kind, jeder Jugendliche hatte bis 1990 Schuhe, hergestellt in unserem Leit-Betrieb, an den Füßen.“

Doch Schuh-Mekka war die Stadt im Süden Sachsen-Anhalts schon viel Jahre zuvor. „Ende des 19. Jahrhunderts gab es 120 Schuhfabriken bei uns“, weiß Sengewald. „Einige waren klein und es arbeiteten dort nur vier, fünf Handwerker.“

Basketballstar Dirk Nowitzki

Die Schuhausstellung reicht jedoch noch viel weiter zurück. „Unser Schatz ist die Sammlung von rund 100 Barock-Schuhen.“ Auf besonderes Interesse stoße bei den Museums-Besuchern auch die „Promi-Ecke“ mit den Fußbekleidungen von Künstlern, Sportlern und Politikern. Da stehen zum Beispiel die Größe-54-Sportschuhe vom Basketballstar Dirk Nowitzki neben den Hochhackigen von Filmschauspielerin und Sängerin Nina Hagen.

Aber auch die Berliner Schriftstellerin Gisela Steineckert ist vertreten, ebenso wie Sängerin, Tänzerin und Moderatorin Dagmar Frederic. Schuhe von Helmut Kohl und George W. Bush stehen Leder an Leder in den Vitrinen.

„Schustersfrau“ Struve kümmert sich in der Vorweihnachtszeit um bis zu zehn Kindergruppen. Dabei werden nicht nur das Leder auf Hochglanz gebracht und Weihnachtskerzen gezogen, „wir basteln aus Luftballons auch Tannenbaumkugeln“.

Und natürlich werden einige Schuhe auch gefüllt. „Aber nicht mit Süßigkeiten“, sagt die Museumspädagogin. „Davon bekommen die Kinder zu Hause schon genug. Unser Nikolaus verschenkt Theaterkarten. Seit 30 Jahren für dasselbe Stück an jedem 26. Dezember – Frau Holle.“ „Und immer klappt irgendetwas nicht“, schmunzelt die 58-Jährige. „Mal reißt das Kopfkissen auf und alle Federn fliegen auf einmal herunter. Ein anderes Mal bricht die Kulisse zusammen. Aber am meisten Lacher hat es gegeben, als der Goldregen für die fleißige Marie nicht langsam auf sie herunterrieselte, sondern – wuff – alles auf einmal. Nur die Schuhe haben ein bisschen Glitzer abbekommen.“

Interessant sei, dass niemand die Pechmarie spielen wolle. Es sei etwas Wunderbares, in einem alten Gemäuer besondere Geschichten zu erleben, schwärmt Ilonka Struve und mit Blick auf die Ausstellung sagt sie: „Schuhe haben doch etwas ganz Besonderes. Für Frauen sind sie etwas Herrliches, für Männer die Hölle.“

Männer im Schuhtrend

Doch dann korrigiert sie sich gleich: „Naja, Männer holen ja in jüngster Zeit ganz schön auf. Männer achten immer mehr auf den Schuhtrend. Sie bevorzugen aber eher die sportliche Note. Und es komme auch schon mal vor, dass ein Mann in Stilettos zu einer Veranstaltung des Schuhmuseums komme.

Einer der Lieblingssätze der Museumspädagogin ist „Gib einer Frau die richtigen Schuhe und sie kann die Welt erobern“. „Der stammt aber nicht von mir, den hat US-Filmstar Marilyn Monroe einst gesagt.“

Auf Platz zwei ihrer Schuh-Spruch-Hitliste stehe eine alte indianische Lebensweisheit: „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Für solche tiefsinnigen Worte sind die „Musikmäuse“ und die Kinder der anderen Einrichtungen, die gern ins Museum kommen, noch zu klein. Aber bei den besonders gefragten Kostümführungen durch die Schuhsammlung kann Struve die Lebensweisheiten gut anbringen. „Wer nach dem Rundgang dann noch Lust hat, kann sich von mir aus den Füßen die Zukunft voraussagen lassen.“ Das „Fuß-Horoskop“ sei allerdings nicht allzu ernst zu nehmen. Aber, wer daran glaubt ...

Die sechs vom „Kleeblatt“-Zentrum haben genug geputzt. „Kommt der Nikolaus wirklich?“, fragt Mia-Sophie. „Natürlich! So schön, wie ihr heute alle die Schuhe blank gerubbelt habt“, antwortet Struve. Und die Kleinen sind zufrieden.

Wer das Schuhmuseum besuchen möchte, kann sich hier vorab im Internet informieren: www.weissenfels-museum@web.de