Magdeburg l Die Einbrüche in das Bode-Museum in Berlin und das Grüne Gewölbe in Dresden haben gezeigt, wie anfällig auch vermeintlich gut gesicherte Kunstschätze gegenüber Einbrechern sein können. Matthias Fricke sprach darüber mit dem Experten für Gebäudesicherheit Karl-Gustav Günther.

Was macht die Einbrüche in Museen so attraktiv?
Karl-Gustav Günther:
Es handelt sich um unwiederbringliche Kunstschätze. Bei den Tätern spielt der kulturhistorische Wert in der Regel keine Rolle, sondern nur der finanzielle. Wenn ein Markt vorhanden ist und diesen gibt es, dann hat man auch die entsprechenden Absatzmöglichkeiten.

Wird dieser Markt eigentlich immer größer?
Der Markt war schon immer vorhanden. Nur die Möglichkeiten diesen Markt auch zu bedienen sind in jüngster Zeit gestiegen.

Warum?
Weil die Täter mehr Möglichkeiten haben auf solche Absatzmärkte zurückzugreifen und solche Taten zu begehen. Die Globalisierung und Vernetzung hat sich eben in sehr hoher Geschwindigkeit weiter entwickelt.

Wie sehen denn die klassischen Kunstdiebe von heute aus?
Das ist auf jeden Fall nicht mehr der klassische Ede der 50er Jahre, der mal eben im Museum etwas mitgehen lässt. Das sind heute gut organisierte Banden, die so strukturiert sind, dass solche Einbrüche gut geplant sind und am Ende die Verwertung gut gemanagt werden kann. Außerdem hat auch die Brutalität und Radikalität der Täter enorm zugenommen.

Wie erfolgt denn dieser Absatz? Man geht ja nicht einfach mit der Beute zum nächsten An & Verkauf ...
Das meinte ich. Wenn jemand Gold bei einem Einbruch stiehlt, ist es für ihn nur Gold. Für den Besitzer hängen aber Erinnerungen daran oder es sind eben kulturhistorische Werte. Solche Tätergruppen haben nunmal die Möglichkeiten innerhalb von zwei Stunden Gold einschmelzen zu lassen und dann ist es als Diebesgut kaum fassbar. Deshalb sind auch die Absatzstrukturen minutiös durchgeplant. Ich glaube kaum, dass es noch irgendwelche Tätergruppen gibt, die erst das hohe Risiko des Einbruchs eingehen und sich erst dann darüber Gedanken machen, wie sie die Beute umsetzen können.

Wenn die Diebe so gut strukturiert sind, gibt es überhaupt eine Chance sie zu fassen?
Ja, die gibt es. Ich kann selbstredend hier nicht auf die Details eingehen. Relevanter ist in jedem Fall, solch eine Tat zu verhindern. Ist das entwendete Gold ersteinmal eingeschmolzen, ist es ohnehin zu spät. Deshalb muss es erstens wirksame Sicherheitsvorkehrungen geben, die Einbrüche verhindern können. Zweitens sollten solche Taten dadurch zeitlich enorm verzögert werden und drittens alles erforderliche für eine zielführende Beweissicherung getan werden. Ich meine damit eine den Erfordernissen angepasste und auf dem Stand der heutigen Technik stehende Vídeoüberwachung. Also: Jede Sicherungskette ist so stark wie ihr schwächstes Glied.

Sind die Museen ausreichend geschützt?
Sagen wir es so: Jedes Museum oder Ausstellungsraum sollte ein umfassendes Sicherungs- und Schutzkonzept haben. Dieses umfasst alle baulichen, technischen, organisatorischen und personellen Vorkehrungen. Sollte ein solches Konzept umgesetzt sein, müsste es auch optimalen Schutz bieten.

Wer macht die Vorgaben?
Jedes Museum sollte eine Versicherung abgeschlossen haben und diese erstellt eben auch die Auflagen. Zusätzlich erstellt auch der Verband der Schadenverhütung (VdS) Richtlinien und Empfehlungen, wie solche Einrichtungen geschützt werden können. Die Sicherheitsbehörden haben in den letzten Jahren immer wieder auf die Gefahren hingewiesen. Leider ist es so, dass immer erst etwas passieren muss, damit es Veränderungen gibt.

Es ist ja auch immer eine Frage des Geldes. Kommunen sind oft klamm, oder Stiftungen können auch nicht immer ins Volle greifen. Wie teuer ist denn so eine Museums-Sicherung?
Da gibt es keinen Standardwert. Selbstredend ist es preiswerter, wenn im Neubau gleich alles berücksichtigt wird. Das ist aber eher selten der Fall, weil es sich meist um ältere Gebäude handelt. Bei der Nachrüstung gibt es immer Probleme, gerade bei der mechanischen Sicherung. Das kostet alles Geld. Wir reden unter Umständen auch von fünfstelligen oder sechsstelligen Beträgen.

In Dresden gab es da aber schon Schwierigkeiten, trotz der recht hohen Sicherheitsanforderung?
Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Zu dem Fall möchte ich mich auch nicht äußern. Es zeigt aber, wie alle Sicherheitsvorkehrungen ineinander übergehen müssen. Das betrifft zum Beispiel die Perimetersicherung (Zäune), den Außenhautschutz (Wände, Türen, Fenster), den elektronischen Innenraum-Schutz und die Videoüberwachung. Falls Täter die Perimetersicherung mit Beleuchtung und die Außenhautsicherung angreifen, müssen sie in dem Moment technisch erfasst werden und die Alarm- und Interventionskette muss anlaufen.

Hollywood zeigt, wie es geht. Da gibt es Temperaturänderungssensoren in Räumen, Laserstrahlen und alle möglichen technischen Raffinessen. Sind diese realistisch?
Ja, je nach dem. Technisch ist viel möglich. Was Temperaturänderungen betrifft, solche Sensoren hat jeder sogar zu Hause. Zum Beispiel als passive Infrarotmelder, die das Licht an- und ausschalten. Das heißt, der Sensor misst die Umgebungstemperatur. Wenn ein Objekt erfasst wird, welches eine höhere Temperatur von mindestens drei Grad Celsius hat, dann wird zum Beispiel das Licht eingeschaltet. Das funktioniert auch in Räumen. Auch Lasertechnologie gibt es. Sie können davon ausgehen, dass vieles davon auch eingesetzt wird. Es gibt auch Überwachungstechnik mit künstlicher Intelligenz.

Wie funktioniert das?
Das sind selbstlernende Systeme, wie zum Beispiel die Gesichtserkennung. Sie analysieren, ob die Personen auch tatsächlich zu dieser Zeit an diesem Ort gehören oder nicht. Erfasst wird auch, wie sich die Person bewegt. Es gibt ein sogenanntes Loitering. Das ist englisch für Herumlungern. Wenn also eine Person ungewöhnlich lange sich an einem bestimmten Ort aufhält, wo man normalerweise zügig vorbei geht, dann wird das System darauf aufmerksam. Die Logik des Videosystems erkennt also, dass sich die Person auffällig verhält. Eine Aufnahme wird dann an die Zentrale zur Auswertung geleitet.

Wird das schon eingesetzt in Deutschland?
Ja, mehrere Hersteller bieten das schon an. Es gibt zum Beispiel auch virtuelle Zäune, die über Videotechnik Alarm auslösen. Für den Innenbereich gibt es durchaus Kameratechnik, die gestochen scharfe Videosequenzen auch unter extrem schlechten Bedingungen liefert.

Gibt es solche Technik auch schon in Sachsen-Anhalt?
Dazu möchte ich keine Auskunft geben.

Sie müssen ja nicht sagen, wo genau ...
Ich bleibe vage. Es ist vorstellbar, dass es solche Technik gibt. Es ist für die Ausstellungshäuser immer ein Balanceakt. Auf der einen Seite wollen sie die Werke der Öffentlichkeit als Original zeigen, auf der anderen Seite besteht natürlich immer die Gefahr eines Diebstahls oder Vandalismus. Es wird alles Mögliche entwendet wenn es nicht entsprechend gesichert ist.