Magdeburg l Karsten Sommerwerk war 16 Jahre alt, als seine Leidenschaft für die Geschichte, die sich unter unseren Füßen verbirgt, begann. In der Familien-Bäckerei in Mücheln war ein Bodendenkmalpfleger des Kreises gern gesehener Kunde, vor allem aber Gesprächspartner für den geschichtsinteressierten jungen Sommerwerk. Es folgte die Teilnahme an einer Grabung in Quenstedt. „Davon war ich total begeistert, vor allem, weil es da vier bis fünf Fundschichten gab“, erinnert sich Sommerwerk. „Und ich bin bis heute dabei geblieben.“

Mittlerweile ist der Diplom-Geologe seit knapp 34 Jahren als Bodendenkmalpfleger ehrenamtlich in Sachsen-Anhalt tätig. Damit hat er die offizielle Erlaubnis, im südlichen Saalekreis nach archäologisch wertvollen Funden zu suchen. Mit Sonde. „Aber die ist eher eine Ergänzung“, sagt Sommerwerk.

Mehr als 80 Prozent Metall-Schrott

Der Gang über frisch gepflügte, noch nicht besäte Felder und die Suche nach Keramikscherben oder Feuersteinen käme viel öfter vor. Erst, wenn es zum Beispiel bei Flächengrabungen Anzeichen für bronzezeitliche Hügel gibt, kommt der Metalldetektor zum Einsatz. Doch mit Schatzgräber-Sucher hat das oft wenig zu tun. „Ich würde sagen, mehr als 80 Prozent ist Metallschrott“, so Sommerwerk. Doch es gibt sie, die besonderen Funde. So war der 61-Jährige zu Beginn der 1990er Jahre unter anderem dabei, als in Neumark-Nord im Süden Sachsen-Anhalts die Überreste eines Waldelefanten entdeckt wurden.

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Heute gilt die Grabungsstätte als bedeutendste europäische Fundstelle für Fossilien aus der letzten Zwischeneiszeit. So wie Sommerwerk engagieren sich in Sachsen-Anhalt rund 400 Bodendenkmalpfleger ehrenamtlich. Interessierte können sich beim Landesamt für Denkmalpflege bewerben, erhalten dann Schulungen und später einen Ausweis, der es ihnen erlaubt, nach Bodendenkmälern zu suchen. Aber: Um mit der Sonde über Sachsen-Anhalts Äcker zu laufen, bedarf es einer Sondergenehmigung. Die wird vor allem an langjährige, erfahrene Ehrenamtliche erteilt. Die Sondler im Auftrag des Landes haben spezielle Gebiete, die sie nach archäologischen Funden absuchen dürfen. Per GPS-System werden dann der Fund und seine Koordinaten erfasst und anschließend ans Landesamt weitergeleitet.

Denn: In Sachsen-Anhalt gibt es eine Schatzregel, wonach Bodenfunde mit der Entdeckung, sollte ihr Eigentümer nicht mehr ermittelt werden können, Eigentum des Landes werden (§ 12 Abs. 1 Denkmalschutzgesetz SA). Was nahezu immer der Fall ist. Denn wer soll bei Fundstücken, die seit 2000 Jahren oder länger unter der Erde liegen, noch den Besitzer ermitteln können?

Auch Mike Meilick ist im Frühjahr und Sommer öfter mit Schippe, Schaufel und Sonde als Ehrenamtler in der Börde unterwegs. „Ich wollte raus in die Natur und geschichtliche Zusammenhänge verstehen“, sagt der 43-Jährige. Doch genau die sind oft nur noch schwer herzustellen. „Die Hobby-Sondengänger, die einfach mal freudig drauflos buddeln, sind ein riesen Ärgernis“, sagt Meilick. „Sie zerstören nicht selten unwiderruflich ein Stück Geschichte.“

Während Meilick und seine Kollegen fein säuberlich jede Stelle dokumentieren und die Fundstücke bei ihrem Gebietsreferenten abliefern, gehen viele Hobby-Sondengänger weniger bewusst mit Bodenschätzen um. „Die gehen auf die Äcker und bringen die Fundstücke in den seltensten Fällen zum Archäologen, ein Blick bei Ebay genügt“, sagt Meilick. Das größte Problem: Wenn ein besonderes Fundstück dann nicht dokumentiert ist, wird der Fund seiner Identität beraubt. Auch, wenn sich der Raubgräber später strafrechtlich verantworten muss, ist das für die Geschichte im Boden irrelevant. Es fehlen dann schlichtweg Vergleichsstücke. Die geschichtlichen Zusammehänge, die besonders auch Meilick interessieren, die sind kaum noch herstellbar.

Grundsätzlich gilt: „Die Straftat beginnt mit dem Bodeneingriff“, erklärt Alfred Reichenberger vom Landesamt für Denkmalschutz. Solange die Hobby-Sondengänger nur mit dem Metalldetektor den Boden absuchen, machen sie sich nicht strafbar. Erst, wer den Spaten ansetzt, bekommt Ärger.

Gefahrenabwehr durch den Metalldetektor

Die Objekte der Raubgräber sind aufgrund ihres illegalen Beschaffens für den seriösen Kunsthandel wertlos. Und so sind Handelsplattformen im Netz der erste Anlaufpunkt für das Geschäft der Raubgräber. So wollte auch ein 37-jähriger Querfurter Ende 2018 mehrere archäologische Bodenfunde auf einer Internet-Plattform verkaufen. Das Landesamt für Denkmalpflege erhielt einen Hinweis und erstattete Anzeige beim Landeskriminalamt, das Ermittlungen wegen des Verdachts der Unterschlagung einleitete – mit Erfolg. So wurde bei dem Mann neben zahlreichen Artefakten unter anderem auch eine bedeutende Bronzetasse sichergestellt. Vermutlich war der Mann zuvor mit Metalldetektor im Süden Sachsen-Anhalts unterwegs gewesen und hatte die Funde illegal aus dem Boden gehoben und mitgenommen. Das größte Ärgernis auch hier: Durch die Entnahme aus dem Boden wissen Wissenschaftler nicht mehr genau, wo die Tasse gefunden worden ist – eine geschichtliche Einordnung ist kaum noch möglich.

Verlässliche Zahlen zu Raubgrabungen gibt es nicht. Sowohl auf Bundes- als auch Landesebene wird dazu keine Statisitk geführt. Doch ein Blick in Foren und nicht zuletzt auch bei YouTube, wo sich immer mehr Sondengänger eine eigene Fan-Basis schaffen, lassen vermuten, dass die Zahl der illegalen Schatzsucher in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist.

Neben der Suche nach archäologischen Funden auf Äckern und Waldgebieten gibt es auch Spezialisten wie Torsten Heise*, der seinen richtigen Namen zwar nicht in der Zeitung lesen will, aber gern über seinen Job als Kampfmittelbeseitiger redet.

Seit 2016 ist der Altmärker für ein privates Unternehmen im Einsatz. Das rückt an, wenn Bauvorhaben geplant sind und sichergestellt werden muss, dass unter der Erde keine Gefahr in Form von Bomben oder anderen Waffen lauert. Heises bisher größter Fund mit der Sonde: eine 250-Kilogramm-Weltkriegsbombe in Plauen.

Auch er ist sauer auf die Hobby-Schatzsucher - aus anderen Gründen: „Viele haben Familie und bringen dann mal eben scharfe Munition, die sie auf dem Acker gefunden haben, nach Hause mit und packen die in die Vitrine. Das ist unverantwortlich.“ Besonders beliebt bei Militärfans mit der Sonde: Colbitz in der Letzlinger Heide. Hier wurden in den vergangenen 25 Jahren mehr als 25000 Tonnen Kampfmittel geborgen.

Weniger gefährlich, dafür umso überraschender ist die Suche mit der Sonde für Thomas Bernhardt. Der Staßfurter hat sich der Unterwasser-Suche mit dem Metalldetektor verschrieben. Seine Homepage verrät auch, wonach er da in den meisten Fällen sucht: ring-sucher.com.

Der Ehering-Sucher aus Staßfurt

Erst vor kurzem reiste der Salzländer nach Leipzig. Ein junges Ehepaar hatte ihn kontaktiert, der Bräutigam hatte seinen Ehering in einem großen Badesee verloren. Bernhardt, ausgestattet mit Neoprenanzug und speziellem, wassertauglichem Metalldetektor, fand den Ring nach langer Suche tatsächlich. „Das Paar war so glücklich, hat sich tausendmal bedankt und Tränen in den Augen gehabt“, beschreibt Bernhardt seinen Lohn. Denn kosten tut die Suche nichts. Nur die Anfahrtskosten lässt er sich erstatten. Ein Finderlohn, dessen Höhe der Auftraggeber selbst festlegt, kann, muss aber nicht entrichtet werden. Die Suche, die schon mal fünf bis sieben Stunden in Anspruch nehmen kann, vergleicht er mit dem Öffnen eines Überraschungs-Eis. „Man weiß einfach nie, was einen erwartet. Da gibt es immer Spannung, Spiel und Spaß.“

Inzwischen haben sich die Fähigkeiten Bernhardts herumgesprochen. So kommt es schon mal vor, dass Deutsche aus dem Urlaub aus Griechenland oder der Türkei anrufen und fragen, ob er hinfliegen und nach einem verlorenen Ring suchen könne. Bernhardt lacht. „Das ist dann selbst mir zu weit.“

Denn für Bernhardt ist die Suche im Wasser ein reines Hobby. „Es geht nicht ums Geld. Die Leute sind unendlich dankbar, wenn ich ihre Ringe wiederfinde, also kann ich mit der Sonde was Gutes tun.“