Wernigerode l Gernot Eisermann sitzt seit 13.30 Uhr in seinem Büro im Amt. Dienstplan für April, Anfrage vom Verwaltungsamt, Arbeitsnachweise der Kollegen: abgehakt. Sehnsüchtig geht der Blick nach draußen. Der 37-Jährige würde am liebsten sofort seinen Kleinbus starten. Doch der staubtrockene „Bürokram“ gehört nun mal auch zu seiner Arbeit, denn er ist gleichzeitig Sachgebietsleiter der Stadtjugendpflege in Wernigerode und hat den Hut für die siebenköpfige Abteilung auf. Damit ist es auch an ihm, die Werbetrommel für den Job zu rühren, der für ihn und seine Kollegen, wie er versichert, „eine Berufung“ ist. Bevor der gebürtige Kölner als Streetworker auf Achse ist, muss noch die Präsentation zum „Tag der sozialen Arbeit“, der heute weltweit begangen wird, fertiggestellt werden.

Wernigerode setzt auf junge Generation

Jede Menge Material dafür hat er ja, denn Wernigerode hat in Eisermanns Augen Vorbildwirkung: „Hier wird echt mehr als anderswo für die Jugend gemacht.“ Durch den Kontakt mit anderen Sozialarbeitern und die Treffen im Landesverband des DBVS (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit) weiß er: Wernigerode steckt viel Herzblut in die Jugendarbeit und setzt dabei auf Nachhaltigkeit. Gleich vier Jugendtreffs sind in städtischer Hand. Mit rund 80 Kindern und Jugendlichen pro Öffnungstag sind diese gut besucht. Was nicht verwundert, wenn man das vielfältige Angebot sieht: Kreativwerkstatt, Fitness, Ausflüge, Tischtennis, Line Dance, Töpferwerkstatt, Kino, Eislaufen – jeder kann, keiner muss.

Apropos müssen. Gernot Eisermann muss los. Draußen wird es langsam dunkel. Es ist Zeit für die obligatorische Runde mit dem stadtbekannten Jugendpflege-Bus. An die 100 Teenager erreichen er und seine zwei Streetworker-Kollegen so. Motto: Augen auf, Ohren auf! „Ein Streetworker muss wissen, wo und was in seiner Stadt los ist.“ Zuerst geht es zum Skaterplatz. Als die Jungs und Mädchen, die in einem Container vor dem Nieselregen Schutz suchen, Eisermann entdecken, ist die Freude groß: „Gernot, gut, dass du da bist! Unser Container ist undicht. Und das Schloss hat auch einer kaputtgekloppt. Wir müssen doch abschließen, sonst kommen die Penner rein.“

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Halfpipes rauf und runter

Tobi (12) und seine Freunde sind fast jeden Tag hier zu finden. Bis die Sonne untergeht und auch am Wochenende geht es die Rampen und Halfpipes rauf und runter. Den Platz teilen sie sich mit den älteren BMX-lern. „Die Großen sind manchmal ganz schön krass drauf und wollen uns verjagen“, behauptet Danni (12). „Dann gibt es Zoff. Aber Gernot hat gesagt, wir müssen uns vertragen und miteinander reden, wenn es Probleme gibt.“

Eisermann, den jeder duzen darf und von dem viele die Handynummer haben und in entsprechenden WhatsApp-Gruppen mit ihm Kontakt halten, verspricht, sich um ein neues Schloss zu kümmern. Aber er nimmt die Kids auch in die Pflicht: „Was haltet ihr davon, wenn wir statt des geplanten Ausfluges am 24. uns hier treffen und eine Aufräumaktion starten? Dann räumen wir den Müll weg, machen den Container wieder flott und hinterher wird schön gegrillt!“ Danni, Tobi und die anderen sind Feuer und Flamme: „Coole Idee! Abgemacht! Wir sagen den anderen Bescheid.“

Und weiter geht‘s - zum Sportplatz am Kohlgarten, danach zum Edeka Burgbreite und zum Kaufland, wo sich für gewöhnlich die Älteren zwischen 14 und 18 treffen. Die größte Straßenclique zählt über 30 Jungs und Mädchen. Ei-sermann, der seit elf Jahren in Wernigerode als Sozialarbeiter lebt und arbeitet, wurde von seiner jungen Klientel längst als „Wossi“ eingebürgert. Viele kennt er schon seit Jahren – die meisten mit Spitznamen. Für alle würde er zwar nicht die Hand ins Feuer legen („Es gibt überall solche und solche.“), aber für die meisten: „Das sind fast alle normale junge Menschen mit ganz alltäglichen Sorgen, Nöten und Ängsten. Die wenigsten davon sind Problemfälle oder gar kriminell.“

Sozialarbeiter braucht Vertrauen

Seine Arbeit hat viel mit Vertrauen zu tun, ist der diplomierte Sozialarbeiter überzeugt. „Die Beziehung muss vorsichtig und mit viel Fingerspitzengefühl aufgebaut werden.“ Erst lässt man sich nur mal sehen, über kurz oder lang kommt man ins Gespräch, findet einen Draht. „Irgendwann ist es normal, dass man auftaucht und die Leute kommen bestenfalls von sich aus auf einen zu.“

So wie gerade am Edeka. Die Jugendlichen rennen zum Bus und fragen, ob sie kurz reindürfen, denn es ist kalt draußen. Es wird über Gott und die Welt geplaudert, das 0:0 von Eintracht Braunschweig bei St. Pauli und die „geile Party“ bei Michi. Gernot Eisermann, ein echter Kenner der Musik- und Sport-Szene, muss sich unbedingt noch das Neueste von „187 Strassenbande“ anhören – einer angesagten Hip-Hop-Gruppe aus Hamburg. „Fett, wa?“, grinst Jessi (16). Der Streetworker hat einen Kopfhörer im Ohr, runzelt die Stirn. „Es gibt Schlimmeres.“ Doch wenn es rassistisch, sexistisch oder extrem politisch wird, sagt er: Stopp, bis hierher und nicht weiter! „Es ist wichtig, Grenzen zu setzen“, betont er. „Ich bin keiner von ihnen, kein Kumpel, sondern Sozialarbeiter. Und der hat Prinzipien, deckt keine Straftaten oder den Missbrauch von Alkohol und Drogen und hat irgendwann Feierabend.“

Die Gruppe zieht es wieder nach draußen. Nur Alex, der bis jetzt geschwiegen hat, bleibt wie vorher per WhatsApp vereinbart im Bus. Mit ihm will Eisermann noch eine kleine Runde drehen und sich unterhalten. Alleine. Hintergrund ist ein Streit innerhalb der Clique, der seit dem vergangenen Wochenende schwelt, wie Eisermann mitbekommen hat. Stein des Anstoßes war die simple Frage, welches Handy angesagt ist, und welches nicht.

Kleine Runde mit dem Bus wirkt Wunder

Der Streetworker hakt nach: „Was ist denn los mit Dir?“ Der Junge erzählt, was ihm auf dem Herzen liegt. Und das ist weit mehr, als das „falsche“ Handy zu besitzen. Die Freundin hat Schluss gemacht, die Stimmung ist am Boden, die Eltern nerven und überhaupt ist alles Scheiße. Eisermann hört zu und bietet an, am Abend noch einmal vorbeizukommen – „zum Quatschen, wenn du magst“.

Als die Autotür zufällt und es Richtung Jugendcafé weitergeht, verrät der Streetworker, dass der Bus manchmal Wunder wirkt: „Ich weiß nicht warum, aber sitzen die Jungs oder Mädchen erst mal hier drinnen und wir fahren ne Runde, öffnen sie sich.“ Für viele ist es einfach nur wichtig, dass jemand da ist und zuhört. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin der Einzige, mit dem sie reden können oder wollen. Das ist eigentlich traurig, aber besser so, als dass sie sich verloren und einsam fühlen.“

Die Kinder und Jugendlichen auf der Straße fühlen sich oft gebrandmarkt, weiß Eisermann aus elf Jahren Sozialarbeit in Wernigerode. Viele stammen aus Hartz-IV-Haushalten, sind Haupt- oder Realschüler, einige besuchen eine Sonderschule oder leben im Heim. Ältere haben oft gebrochene Lebensläufe. „Trotzdem wollen sie nicht wie der letzte Bodensatz der Gesellschaft behandelt werden, sondern dazugehören. Sie suchen Anerkennung und Geborgenheit.“

Streetworker wird innig umarmt

So ging es vor Jahren auch Patrick. Er begrüßt Gernot Eisermann mit einer innigen Umarmung. „Er war auch mal einer meiner Jugendlichen“, strahlt der Streetworker über den Erfolg seiner Arbeit. Der 23-Jährige, der sich inzwischen im Jugendcafé ehrenamtlich engagiert, hält große Stücke auf seinen einstigen Wegbegleiter: „Alle kann der Gernot nicht retten, aber er versucht es. Immer wieder. Von solchen Weltverbesserern kann es nie genug geben.“