Magdeburg (dpa) l Bücher, PC, Schreibtisch – das Büro von Stadtarchivar Christoph Volkmar in der Magdeburger Mittagstraße ist schlicht. Doch wenn der Historiker von seinem neuesten Projekt erzählt, findet er die schönsten Bilder. "Blühende Metropole" "Puzzleteilchen" und ein "Knoten im Teppich der Vormoderne". Was Volkmar da plant, ist nicht weniger, als die mittelalterliche Stadtgeschichte neu zu schreiben.

Der 41-jährige Historiker will ein digitales Archiv schaffen und darin Dokumente aus den Jahren zwischen 1513 und 1631 zusammentragen, aus denen kaum etwas bekannt ist. 1631 im 30-jährigen Krieg wird die Stadt fast vollständig zerstört, den "Hiroshima-Moment" nennt es Volkmar. Magdeburg sei ein Bollwerk der Protestanten gegen den Kaiser gewesen, "wie bei Asterix", schiebt Volkmar nach.

Magdeburg leidet an Amnesie

Der Zerstörung fallen nicht nur etliche Magdeburger zum Opfer, auch das Stadtarchiv wird niedergebrannt. "Das lange 16. Jahrhundert ist das dunkle Zeitalter für Magdeburger Überlieferungen". Wer hat regiert? Wie sah der Alltag der Menschen in der Stadt aus? Wegen der fehlenden Quellen bleiben viele Fragen offen. Volkmar spricht von Magdeburg wie von einer Kranken. Sie leide an einer Amnesie, die er zu heilen sucht, indem er den Inhalt des Archivs wieder besorgt.

Darum geht er auf Spurensuche und durchforstet europäische Archive nach Dokumenten mit Magdeburger Bezug. Erst online, und wenn sich ein "Verdacht erhärte", dann macht sich Volkmar auf den Weg. Einen ersten Schatz hat er dabei schon gehoben. Einen Brief des Politikers und Physikers Otto von Guericke entdeckte er gleich zu Beginn des Projekts in Braunschweig. Das Schriftstück des berühmtesten Sohns der Stadt stellte sich als das älteste bisher bekannte heraus.

Magdeburg als Berlin des Mittelalters

Und dann sei da etwa die Geschichte eines Seeräubers in der Biskaya: "Ein fieser Franzose", der ein Schiff mit den Waren Magdeburger Kaufleute auf dem Weg von Hamburg nach Lissabon ausrauben wollte. Ein Briefwechsel über die Verhaftung des Seeräubers verrät Volkmar kleine Details über den Handel der Stadt. Der florierte. Etwa 35.000 Einwohner hatte Magdeburg Anfang des 17. Jahrhunderts. Es sei "das Berlin des Mittelalters" gewesen, Reichsstadt, Bischofssitz, berichtet der Experte. Zahlreiche neugegründete Städte nahmen sich das Magdeburger Stadtrecht zum Vorbild.

Heute wirkt Magdeburg eher pragmatisch als weltstädtisch. Zu Zeiten der DDR sei die Stadt "radikal neu gedacht worden, wenn man es freundlich formuliert". Unfreundlich ausgedrückt könnte man es Tabula rasa nennen. Magdeburg, die Stadt des Schwermaschinenbaus, sei "die westlichste Großstadt des sowjetischen Imperiums" gewesen. Einen Anschluss an die Jahrhunderte alte Geschichte suchte die SED-Führung nicht.

Auf Spurensuche in Magdeburg

Volkmar freut sich darum heute über jede noch so kleine Referenz an die Geschichte der Stadt. Wenn er durch die Straßen spaziert und Miniaturmodelle von kleinen Kirchen findet zum Beispiel, oder wenn neue Gebäude nach alten benannt werden, wie der Katharinenturm. Das Geschäftshaus aus Glas und Stahl ist benannt nach einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert. "Das macht dann etwas mit den Bürgern und ihrer Identität – zu wissen, wie es war", glaubt Volkmar. "Hier haben wir die Chance, richtig etwas Neues zu erzählen".

Dass Magdeburger Antworten auf die vielen Fragen der Stadtgeschichte suchen, will auch Enno Bünz merken. Bünz ist Historiker und hat selbst viele Vorträge in Magdeburg über die verlorene Historie gehalten. Jedes Mal sei er auf eine wissbegierige Zuhörerschaft gestoßen. Bünz lehrt in Leipzig, den Stadtarchivar kennt er seit vielen Jahren. Sein Projekt verfolgt er mit Begeisterung.

Bei digitalen Archiven mitwirken

Die wissbegierigen Magdeburger will auch Volkmar in das Projekt einbeziehen. Im Frühjahr soll es einen Aufruf geben, der sich an freiwillige Unterstützer richtet, die in den digitalen Archiven auf Spurensuche gehen wollen. Auch Studenten sollen in das Projekt eingebunden werden.

Mit 1000 Dokumenten plant Volkmar in der digitalen Datenbank. Zwei Jahre soll das Projekt laufen, mit 125.000 Euro wird es vom Land Sachsen-Anhalt gefördert. Die Grenzen des Projekts sind Volkmar bewusst, es bleibe alles fragmentarisch, aber mit "kleinen Puzzleteilchen" wolle er die Stadtgeschichte wieder auf halbwegs soliden Grund stellen. Erste Ergebnisse sollen im Sommer 2019 online gehen. Dass es in Magdeburg kaum Quellen gibt, habe auch etwas Positives, sagt Volkmar. "Egal was wir finden, es ist toll. Weil wenn nichts da ist, dann ist auch wenig viel."