Magdeburg (sh) l  Sie nahm die Berichte von Augenzeugen – von der Küchenfrau bis zum General – auf. Daraus solle – nach dem erhofften Sieg – ein Doku-Epos der heroischen Verteidigung der Stadt Stalins gegen die faschistischen Eindringlinge entstehen. Die Historiker taten an und hinter der Front ihre Arbeit. Nur veröffentlicht wurde nicht. Die „Stalingrad-Protokolle“ verschwanden in den Archiven.

Erst 70 Jahre nach der Schlacht kamen sie ans Licht. Für die Russen galt der Stalin-Befehl: „Keinen Schritt zurück!“ Einige Auszüge aus den Gesprächsprotokollen zeigen, wie brutal der Kampf um Stalingrad geführt wurde.

Hauptmann Iwan Wassiljewitsch Maxim zum Häuserkampf: „Unsere sibrische Komsolmolzin Soja Rokowanowa vollbrachte bei uns eine Heldentat. (...) Als die Deutschen in überlegener Stärke das Haus stürmten, um es abzuriegeln, warfen Soja Rokowanowa und ein Kommandeur ständig Granaten aus einem Fenster auf die Köpfe der Hitlersoldaten. Die Deutschen hauten sich hin. Der Weg ins Haus war versperrt, sie rollten vom Haus weg.

Nach wenigen Minuten regneten Brandgranaten auf das Haus, und es begann zu brennen (...). Nachdem dieses Haus den Deutschen am dritten Tag wieder abgejagt worden war, fanden wir darin die verkohlten Leichen unserer Helden, darunter auch die von Soja Rokowanowa. (...) Sie wusste, dass die Gefangenschaft bei den Faschisten schlimmer ist als der Tod, und wollte lieber verbrennen, als sich gefangennahmen zu lassen.“

Agrafena Petrowna Posd- njakowa, Arbeiterin im Stadtkomitee der Partei zum Überlebenskampf der Zivilisten: „Am 17. September brannte es bei uns. Das ganze Viertel brannte ab. (...) Ich saß mit meiner Familie im Graben, aber unser Häuschen war ganz. Gegen elf Uhr brach wieder ein Feuer aus, ein ganz gewaltiges – furchtbar war das. Wir saßen beim Abendbrot. Einer von uns schnappte sich Sachen, der andere die Kinder, wir wollten raus. Die Deutschen machten die Tür zu und riefen: ,Schlafen, Russki, schlafen!‘ Wir mussten durchs Fenster klettern und die Kinder durchs Fenster werfen.“

Über die Truppenführung

Armeegeneral Wassili Tschuikow über die Truppenführung: „Was die nationale Zusammensetzung der Truppe betrifft – es waren Russen, viel Sibirjaken. Etwa 70 Prozent waren Russen, 10 Prozent Ukrainer, der Rest anderer Nationalität. Am besten kämpften die Russen (...)

Wir saßen in der Schlucht. Er (der Feind) bombardierte uns, schoss auf uns, legte Feuer, wusste, dass dort der Gefechtsstand der Armee war. Es befanden sich dort acht Benzintanks. Sie strömten alle aus. Das Öl flutete den Unterstand des Artilleriechefs. Alles loderte auf, das Wolgaufer brannte auf einer Länge von einem Kilometer. Drei Tage brannte es ununterbrochen. Wir hatten Angst zu ersticken, zu verbrennen, ob einer kommt und uns lebendig rausholt? Wir rannten zu einem anderen Gefechtsstand (...).“

Alexander Koschkarjew, Sekretär des Parteibüros im 339. Regiment über die ideologische Motivation: „Wie wurde die parteipolitische Arbeit in Stalingrad durchgeführt? (...) Hier hat man etwas Neues eingeführt: Jeder Soldat musste ein eigenes Konto eröffnen, auf dem er individuell über die von ihm getöteten Soldaten Buch führte. Dieses persönliche Konto wurde zum wesentlichen Stimulus für den sozialistischen Wettbewerb, wer die meisten Deutschen tötetet. Wir überprüften dann diese Konten, und wenn darin keine getöteten Fritzen waren, redeten wir den Genossen ins Gewissen.“

Quelle: Jochen Hellbeck; Die Stalingrad-Protokolle; S. Fischer Verlag 2012, ISBN 978-3-10-030213-7