Halle (dpa) l Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nimmt die Vergabe von Ehrendoktor-Titeln während der Nazi-Zeit und in der DDR unter die Lupe. Damit beschäftigt sich die Rektoratskommission zur Aufarbeitung der Universitätsgeschichte in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Maßstäbe und Anforderungen für die Vergabe von Ehrendoktor-Titel veränderten sich mit den Zeiten. "Fakt ist, jede Ehrenpromotion ist durch die jeweiligen Regierungen 1933 bis 1945 und 1949-1989 politisch überprüft oder sogar angeregt worden", sagte der Leiter der Kommission, der Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Deshalb werde nun geprüft.

Hintergrund ist eine Kleine Anfrage des Linken Landtagsabgeordneten Hendrik Lange, der in Halle von Rot-Rot-Grün für den Posten des Oberbürgermeisters nominiert wurde. Lange wollte wissen, ob noch immer nationalsozialistisch belastete Personen als Ehrendoktoren geführt werden. Als umstrittenes Beispiel gilt der preußische Generalfeldmarschall August von Mackensen, der von den Nazis für Propagandazwecke instrumentalisiert wurde.

Die Universität beauftragte die Rektoratskommission zur Aufarbeitung der Universitätsgeschichte mit der Spurensuche bei der Vergabe von Ehrendoktorwürden.

Die Arbeit habe gerade begonnen. Noch gebe es keine verlässlichen Angaben, sagte Stengel. Die Ehrenpromotionen sind das jüngste Projekt der Kommission, die sich mit der Vergangenheitsaufarbeitung beschäftigt. Es gibt sie seit Dezember 2012. Im November 2013 organisierte die Universität eine Gedenkveranstaltung für Universitätslehrer, die zwischen 1933 und 1945 aus politischen oder rassischen Gründen entlassen wurden. Im Zuge der Vorbereitung gründete sich die Kommission. Sie fand heraus, dass damals 39 Hochschullehrer von der Universität geflogen sind.

"27 wegen jüdischer Vorfahren. Bekennende jüdischen Glaubens waren nur 6 von ihnen", sagte der Professor für Neuere Kirchengeschichte. Weitere sechs Uni-Lehrer mussten wegen ihrer jüdischen Ehefrauen gehen, vier aus politschen Gründen und zwei wegen ihrer Homosexualität.

"Zu der Gedenkveranstaltung kamen viele Nachfahren der damals Weggejagten. Und man hat gespürt wie tief die Verletzungen bis heute bei ihren Nachfahren noch sind", sagte Stengel. Über das Schicksal der damals Verfemten, von denen einige emigrierten, einige ins Konzentrationslager kamen und anderen sich umbrachten, gibt es eine umfangreiche Publikation.

Seither arbeitet die Kommission weiter an der Zeit von 1945 bis 1989. "Wir haben über 160 Menschen, die von 1945 bis 1961 politisch verfolgt, disziplinarisch belangt oder von der Universität entfernt worden sind. Einige sind umgekommen", sagte Stengel.

Über ein Beispiel entsteht derzeit unter Leitung des emiritierten Professors Gerhard Lampe ein Doku-Drama. "Es geht um die Zerschlagung des "Spirituskreises" 1958", sagte Stengel. Zum "Spirituskreis" versammelten sich regelmäßig Professoren, um sich auszutauschen und zu debattieren. "Die Stasi führte den Kreis als operativen Vorgang "Ketzer"", sagte Stengel.

Für die Zeit nach 1961 bis zum Mauerfall 1989 gibt es noch keine endgültigen Angaben. "Nachforschungen beim Universitäts-Archiv und bei der Stasi-Unterlagenbehörden haben bisher Hinweise zu etwa 200 Fällen ergeben" sagte der Professor, der die Aufarbeitungskommission leitet. "Ich mache das aus Idealismus und weil ich das für richtig und wichtig halte", betonte er. Ihm liege vor allem daran, die Opfer stärker in den Focus zu rücken. "Denn einen breiten gesellschaftlichen Diskurs hat es dazu trotz Rehabilitationen noch nicht gegeben", sagte Stengel.

Auch andere Universitäten haben sich intensiv mit ihrer Vergangenheit befasst. So gab es an der Universität Jena anlässlich des 450-jährigen Jubiläums 2008 drei Publikationen mit insgesamt 3500 Seiten. "Da hat eine Senatskommission zehn Jahre dran gearbeitet", sagte ein Sprecher. An der Universität Leipzig entstand neben umfangreichen Publikationen ein digitales Ehrenbuch für die Opfer der Diktaturen des 20. Jahrhunderts.