American Football in Sachsen-Anhalt

Die Virgin Guards (deutsch: Jungfrauenbeschützer) gründeten sich 1995 als Football-Abteilung des Magdeburger SV 90. Der Name spielt auf das Magdeburger Stadtwappen und die Magdeburger Jungfrau an. Im vergangenen Jahr sind sie aus der Oberliga Ost in die Regionalliga aufgestiegen und gehen somit im April 2018 in der dritthöchsten Spielklasse an den Start. Auch dank ihrem neuen Coach Harald Völkel, der ein wahrer Glücksgriff für den Verein ist und auch schon High-School-Teams in den USA trainieren durfte.

Der Kader für die Saison besteht derzeit aus etwa 60 Spielern. Als Aufsteiger gibt es für die Garde erstmal nur ein Ziel: den Klassenerhalt. "Wir wollen versuchen, uns in dieser Saison im Mittelfeld zu etablieren und nichts mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben", sagt Pressesprecher Marcus Hellriegel.

Die Spiele der Guards finden im Heinrich-Germer-Stadion statt. Trainiert wird dienstags und donnerstags ab 18.45 Uhr auf dem Sportplatz Bodestraße.

Neben den Virgin Guards gibt es mit den Halle Falken, den Wernigerode Mountain Tigers und den Wittenberg Saints drei weitere Footballteams in Sachsen-Anhalt, die jedoch in der Landesliga spielen. (sk)

Magdeburg l Maurer, Chirurgen und Informatiker - unter dem Helm sind alle gleich. Im Gegensatz zu den Millionären der US-amerikanischen Footballliga NFL (National Football League) gehen die Spieler der Magdeburger Virgin Guards neben ihrer großen Leidenschaft ganz normalen Berufen nach. Warum also sollte nicht auch ein schmächtiger Journalist mit den Zwei-Meter-Hünen auf dem Feld stehen können?

Eiseskälte, Flutlicht und 30 Kerle, die mir das Gegenteil beweisen wollen. Ich bekomme einen Helm, Shoulderpads und ein strahlend rotes Trikot. "Eigentlich bekommen das die Quarterbacks im Training, damit die Spieler wissen, dass er nicht attackiert werden darf", erklärt mir Marcus Hellriegel. Der 27-Jährige ist Spieler und Pressesprecher zugleich. "Du bekommst allerdings heute das Rote, damit die Jungs wissen, wen sie umhauen müssen."

Langsam zittern mir die Knie und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es an der Kälte oder seinem Spruch liegt.

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Durch Zufall zum Football

Wie viele Spieler kam Marcus durch Zufall zum Football. Seit 2010 studiert er in Magdeburg Werkstofftechnik. "Ich habe mir damals das Sportangebot der Uni angeschaut, habe den Football-Kurs entdeckt und mich eingeschrieben." Ein Jahr später spielte er schon im Herrenteam der Guards. "Mit Einsatz und Willen kann aus jedem ein solider Footballer werden. Ich war früher auch unsportlich und ein totaler Körperklaus und bin jetzt ein recht guter Tight-End geworden."

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Nun, Einsatz und Willen bringe ich mit aufs Feld. Dazu noch Helm und Schulterschutz - was kann schon passieren? Begonnen wird mit Aufwärm- und Dehnübungen. Was mir auffällt: alle Kommandos sind auf Englisch. Obwohl ausschließlich deutsche Spieler auf dem Platz stehen. "Ready go!", "Set! Hut!" und Zahlenkombinationen werden über das Feld gerufen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Fast jeder. Ich reihe mich einfach ein und mache nach, was mein Vordermann tut, und versuche nicht völlig wie ein Anfänger zu wirken.

Seit etwa drei Jahren ist in Deutschland ein regelrechter Hype um die amerikanische Lieblingssportart entstanden. Fernsehsender wie ProSieben Maxx und Sat.1 übertragen regelmäßig Livespiele. Dazu ist das Angebot über Streamingdienste wie DAZN deutlich angestiegen. Davon profitieren auch die Guards, wie Marcus erzählt: "Es ist schon ein Anstieg zu spüren. Wir haben nun wieder um die 300 Zuschauer pro Spiel und auch zu den Probetrainings kommen nun 100 Leute zum Ausprobieren. Sonst waren es vielleicht 40."

Der starke Zuspruch ist auch in der Jugendabteilung zu spüren. In dieser Saison gehen sie mit drei Jugendteams an den Start. Zwei Bambini-Teams im Alter von sechs bis zehn und elf bis 14 sowie die U19-Mannschaft, in der die Spieler ab 16 Jahren spielen und auch schon mal bei den Männern reinschnuppern dürfen. Künftig soll auch eine U16-Mannschaft aufgebaut werden, um den Durchmarsch für Jugendspieler komplett zu gewährleisten. "Für 15-Jährige ist es bei uns gerade etwas schwierig. Sie sind zu alt für Bambinis, dürfen aber auch noch nicht bei der U19 mitspielen. Daher können sie nur trainieren, aber nicht spielen", erklärt Marcus.

Für mich geht es nun an die ersten Drills (Übungen). Dafür teilen sich die Defense (Abwehr) und Offense (Angriff) Spieler auf. Ich reihe mich bei den Receivern (Passempfänger) ein. Ich mache kurze Trippelschritte, sprinte los und bekomme den Ball vom Quarterback (quasi der Spielmacher) gepasst. Überraschenderweise fange ich direkt den ersten Pass. Denkt sich auch der Rest des Teams: "Good Catch!" ruft mir der Quarterback zu.

Allgemein steht der Teamgedanke im Vordergrund. Nach jeder Übung wird sich abgeklatscht und das Team versammelt sich im Kreis und streckt die Arme nach oben zum Schlachtruf.

Angst vor dem Tackle

Nun stehe ich meiner größten Angst gegenüber: dem Tackling. Mein Übungspartner ist Fabian Krämer. 2,01 Meter und 118 Kilo schwer. Marcus passt mir den eiförmigen Ball zu. Ich, gerade noch aufs Fangen konzentriert, blicke nach oben und sehe Fabian auf mich zustürmen. Muskeln anspannen? Ball wegwerfen? Flüchten? Fabian nimmt mir die Entscheidung ab und trifft mich mit seiner Schulter auf Höhe meines Brustkorbes. Ich schlage auf dem Boden auf und höre den Kunststoff des Helmes scheppern. Ich sehe Sterne, aber es ist auch ein klarer Nachthimmel. "Fumble!", ruft ein Scherzkeks von der Seite. Fabian reicht mir beide Hände, zieht mich hoch und schlägt mir liebevoll auf den Helm: "Good Job!"

Aber Football ist keineswegs bloße Kraft und Gewalt. Das merke ich beim Abschlussspiel. Da geht es um das Einstudieren zahlreicher Taktiken und Spielzüge. Jeder Spieler, egal ob Angriff oder Abwehr, sollte ungefähr 30 Spielzüge kennen, die sich wie ein Baukastensystem beliebig variieren lassen. "Da guckt man sich auch schon mal etwas bei der NFL ab", gibt Marcus zu. Die gucken sie häufig sonntags gemeinsam. Zum Superbowl sind die Spieler in der ganzen Stadt verteilt. Mittlerweile gibt es ja einige Super-Bowl-Partys in Magdeburg. 

Für mich war das Training eine Erfahrung mit einschlägigen Eindrücken. Allerdings werde ich es künftig doch eher beim Football-Spielen auf der Playstation belassen.

Weitere Informationen zu den Virgin Guards Magdeburg gibt es unter: www.virginguards.com