Dessau l Ein Wochentag im Technikmuseum „Hugo Junkers“ in Dessau. Einst befanden sich hier die Junkers-Flugzeugwerke. Heute spazieren Besuchergrüppchen durch die Ausstellung. In der weitläufigen Halle und im Außenbereich studieren sie Flugzeuge und Motoren, bummeln an Schautafeln zur Geschichte des Firmengründers Hugo Junkers vorbei.

Vor einem Exponat mit besonderen Proportionen bleiben alle Besucher stehen. 18,50 Meter lang. Spannweite 29,5 Meter. Die Außenhaut sieht aus wie ein eingeriffelter Alu-Koffer. „Die Ju 52 mit ihrem Wellblechrumpf ist natürlich ein Hingucker. Unser Besuchermagnet“, sagt Geschäftsführer Gerd Fucke (71). Der frühere Verkehrspilot ist stolz darauf, dass das Museum eines der letzten so gut erhaltenen Flugzeuge dieses Typs präsentieren kann.

Alte Ju nicht mehr flugfähig

In mehreren tausend Arbeitsstunden wurde es von ehrenamtlichen Mitarbeitern in mehreren Jahren überwiegend aus Originalteilen rekonstruiert. Fliegen kann die Ju nicht mehr. Dafür lassen sich im Museum die Sternmotoren begutachten, mit denen Tante Ju in den 1930er Jahren durchstarten sollte.

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Am 11. September 1930 setzt die Ju 52/1m in Dessau zu ihrem Jungfernflug an. Eigentlich war nur ein Rollversuch angedacht, sagt Gerd Fucke. Doch dann hob die Ju ab. Andere Quellen verzeichnen den offiziellen Erstflug am 13. Oktober 1930.

Entwickelt wird die anfangs einmotorige Frachtmaschine von Junkers-Chefkonstrukteur Ernst Zindel. 1500 Kilometer kann das Flugzeug zurücklegen, zwei Tonnen Last transportieren. Der Laderaum - für damalige Verhältnisse äußerst geräumig. Beladen wird die Ju von zwei Seiten. Sie gilt als „fliegender Möbelwagen“.

Doch die Maschine findet keinen Markt, nur fünf Exem-plare werden gebaut. Im März 1932 steigt die verbesserte dreimotorige Version Ju 52/3m, wie sie auch heute im Museum in Dessau zu sehen ist, erstmals in die Lüfte. Auf Betreiben der Lufthansa, die nach einem Passagierflugzeug sucht, war die Ju weiterentwickelt worden, sagt Museumsleiter Fucke. Es dauert nicht lange, bis das robuste Flugzeug zum Inbegriff für Zuverlässigkeit wird.

Die Lufthansa setzt auf sie. Die Fluglinie betreibt allein 80 Maschinen. Hinter Pilot und Funker sind in zwei Reihen mit dazwischen liegendem Gang bis zu 17 Sitze angeordnet. Nach heutigen Maßstäben ist bei der Beinfreiheit noch Potenzial. Im Gegensatz zu früheren Verkehrsflugzeugen bietet die Ju seinerzeit viel Komfort an Bord. Einen Waschraum, eine Toilette, Heizung. Wenn die drei Sternmotoren laufen, wird es allerdings im Flugzeug so laut, dass Unterhaltungen schwierig werden. Die Motoren sorgen für 250 Stundenkilometer Reisegeschwindigkeit, Flughöhe: maximal 3000 Meter.

Weltweit im Einsatz

In aller Welt ist die Ju im Einsatz. Bis 1952 werden insgesamt fast 5000 Flugzeuge vom Typ Junkers Ju 52 gebaut. 30 Fluggesellschaften in 25 Ländern nutzen sie. Die Nachfrage im Ausland ist schon Anfang der 30er hoch. Lizenzen werden etwa nach Frankreich und Spanien vergeben. Hoch ist auch der Bedarf als universeller Transporter der Luftwaffe. Rund 500 Tante Ju werden in der zivilen Luftfahrt eingesetzt. Die anderen Maschinen - sie dienen als Hilfsbomber, als Truppentransporter oder Sanitätsflugzeug.

Der Erfinder, Unternehmer und Visionär Hugo Junkers hatte die Firma 1895 in Dessau gegründet, 1933 wird er von den Nationalsozialisten aus dem Unternehmen gedrängt. Die Nazis halten ihn für politisch unzuverlässig bei der Einbeziehung seiner Flugzeug- und Motorenwerke in die geplante Aufrüstung. Junkers erhält Hausverbot in der eigenen Firma, verlässt Dessau und geht nach Süddeutschland. Dort wendet er sich dem Metallhausbau zu. Am 3. Februar 1935, seinem 76. Geburtstag, stirbt der Flugzeugpionier.

Zu Kriegsbeginn besitzt die deutsche Luftwaffe mehr als 500 Ju 52. Als die Kriegsproduktion auf Hochtouren läuft, werden allein 2800 gebaut. Nur rund 180 überleben den Krieg auf deutschem Boden und in den vormals besetzten Ländern. Auch in Kriegszeiten wird am Unkaputtbar-Mythos gebastelt. Man sagt, die Ju 52 konnten zerschossen sein, ihnen konnte ein halber Flügel fehlen. „Die flogen weiter und kamen trotzdem noch auf den Boden“, sagt Gerd Fucke.

Lizenzentzug nach Absturz

Bis 2018 existierten von der Ju 52 weltweit noch acht flugfähige Exemplare. Am 4. August stürzte in den Alpen eine von der Schweizer Ju Air betriebene Maschine dieses Typs ab. Die beiden Piloten und 18 Insassen starben. Der Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle wird in den kommenden Wochen publiziert. Schweizer Medien berichteten vorab, die beiden Piloten hätten das Oldtimerflugzeug zu tief gesteuert und bereits vor dem Unfall ein risikoreiches Verhalten an den Tag gelegt. Der Absturz vor zwei Jahren hatte für den Betrieb in der Schweiz Konsequenzen: Die Ju 52 verlor die Lizenz für den kommerziellen Betrieb.

Auch eine in Deutschland lange prominente Ju stellte 2018 ihre historischen Rundflüge ein. Grund: Die weitere Finanzierung konnte nicht gesichert werden. Die Maschine mit dem Namen „Berlin Tempelhof“ und mit dem amtlichen Luftfahrtkennzeichen D-AQUI war von der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung vor allem für Rundflüge ab Hamburg eingesetzt worden. Jährlich zählte die historische Maschine rund 10 000 Passagiere. Das Lufthansa-Flugzeug soll demnächst in einer eigenen Ausstellungshalle am Paderborn-Lippstadt Airport zu sehen sein.

Mit der Tante Ju in Dessau hat der nun ausrangierte Lufthansa-Oldtimer übrigens einiges gemeinsam. Er wurde auch in Norwegen während des Zweiten Weltkrieges eingesetzt – allerdings zu zivilen Zwecken. Und nur dem Einsatz von Flugzeug-Enthusiasten war es zu verdanken, dass beide Ju 52 für die Nachwelt erhalten werden konnten ...

Ju 52 versanken 1941 im Eis

Es ist das Jahr 1940, Zweiter Weltkrieg, deutsche Truppen besetzen Norwegen. In der Schlacht um Narvik toben See-, Land- und Luftgefechte, zehn deutsche Zerstörer gehen verloren. Die deutschen Streitkräfte sind eingeschlossen und benötigen Nachschub über den Luftweg. Am 13. April 1940 landen elf Ju 52 auf dem zugefrorenen Hartvikvatnet, ein zwei Kilometer von hohen Bergen umgebener See. Die Transsportflugzeuge sind in Oslo gestartet, haben die 1000 Kilometer in fünf Stunden bewältigt. Dann fliegen englische und norwegische Luftwaffe einen Angriff nach dem anderen. Die Deutschen Truppen ziehen sich zurück. Zurück bleiben die Transportflieger. Sie werden beschossen, eine spätere Bergung der norwegischen Armee scheitert.

Im Mai 1941 beginnt die Schneeschmelze. Die als unverwüstlich geltenden Maschinen versinken im Hartvikvatnet - und bleiben dort mehr als 40 Jahre. Dass heute eine dieser Ju 52 im Technikmuseum „Hugo Junkers“ in Dessau besichtigt werden kann, ist drei Flugzeug-Enthusiasten aus Norwegen zu verdanken. Sie bergen 1983 eine der Maschinen unter größter Anstrengung aus 50 Metern Tiefe. Das Flugzeug ist erstaunlich gut erhalten. Die Restaurierung weckt damals das Interesse anderer Länder an der Bergung der übrigen Maschinen. Im Juli und August 1986 holt ein deutscher Verein vier Ju 52 aus rund 75 Metern Tiefe. Sie werden von Schlamm befreit, in ihre Einzelteile zerlegt. Zwei der restaurierten Ju 52 stehen heute im Ju-52-Museum in Wunstorf, ein Rumpfteil ist im Luftfahrt-Museum Laat zu sehen. Zwei geborgene Maschinen blieben in Norwegen. Rumpf und sonstige Teile gelangten 1995 aufgrund guter Kontakte von einem Militärmuseum aus Oslo ins Museum in Dessau. Nach Norwegen wurde im Gegenzug eine sowjetische MIG 21 geschickt.

Peter Schenke ist einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter, die für die Rekonstruktion zuständig waren. „Es war erst mal schwierig, einen Gesamtüberblick über die Teile zu bekommen“, erinnert er sich. Mehr als 10 000 Arbeitsstunden kamen insgesamt über die Jahre zusammen. Seit 1999 war die teilrestaurierte Ju in der Museumshalle zu bestaunen. Tragflächen wurden in der Folge angebaut, die Ju erhielt ihre charakteristische Farbe. „Wir haben bewusst nicht den Zustand aus Wehrmacht-Zeiten hergestellt“, sagt Schenke. Als Behelfsbomber besaß das Flugzeug etwa eine Luke für die Geschütze. Die wurde verschlossen. Im Dessauer Museum ist die Ju heute als zivilen Zwecken dienende Maschine zu bestaunen. 

Altersschnitt 74

Derzeit arbeiten ehrenamtlich tätige Mitarbeiter in Dessau an neuen Projekten. Schenke steht vor dem Nachbau einer Junkers J1. Nur drei Konstruktionspläne stehen zur Verfügung. 1915 war sie das erste verspannungslose und freitragende flugfähige Ganzmetallflugzeug der Welt. Große Steigungen konnte sie aufgrund des schwachen Motors und des hohen Eigengewichts nicht fliegen. Elegant sieht sie jetzt schon aus. Im kommenden Jahr soll die Maschine fertig sein. Schenke kommt wie viele seiner Kollegen aus der Metall-, Elektroindustrie oder aus dem Motorenbau. Die meisten sind Rentner. Altersschnitt des Teams? „Etwa 74“, sagt Peter Schenke. Sie alle eint die Passion für Flugzeuge. Viele kommen aus Dessau und Umgebung. Nicht wenige haben für die Firma Junkers gearbeitet. Neben der J1 wird bereits an weiteren Projekten für die Zukunft getüftelt. Die Rekonstruktion der Ju 52 aus Norwegen - sie bleibe dennoch etwas Besonderes, so Schenke.