Haldensleben/Schönebeck/Staßfurt l Die Trillerpfeifen sind in Haldensleben weithin zu hören. „Doktor Timm, das Sie jetzt weggehen, ist nicht schlimm. Wir sind noch hier“, rufen Mitarbeiter der Ameos-Kliniken. Gemeint ist die Freistellung des Ameos-Regionalgeschäftsführers Lars Timm durch die Führung des Klinikbetreibers. Sie war kurz zuvor bekannt geworden.

Mit dem Schritt zieht Ameos offenbar die Reißleine im eskalierenden Konflikt mit den Arbeitnehmern – doch der Reihe nach. Seit sechs Uhr trotzen gestern allein in Haldensleben rund 70 Beschäftigte der Kälte, hängen Transparente auf und marschieren durch die Straßen. Am Mittag halten sie eine Kundgebung ab, so wie bei Warnstreiks unzählige Male in den vergangenen drei Monaten. Die Qualität indes ist neu: Es ist der erste Tag eines unbefristeten Arbeitskampfes, der landesweit an vier Standorten ausgetragen wird.

Bestreikt werden auch die Häuser Aschersleben-Staßfurt, Bernburg sowie Schönebeck. Die Gewerkschaft Verdi spricht bei mehr als 600 Streikenden von der „erwartet hohen Beteiligung“. 99,7 Prozent der Verdi-Mitglieder hatten sich zuvor für unbefristete Streiks ausgesprochen, nachdem Ameos Verhandlungen über Tariflöhne kategorisch abgelehnt hatte.

Der jetzt freigestellte Regional-Geschäftsführer Timm stand dabei besonders in der Kritik. Timm hatte Gespräche mit Verdi ausgeschlossen, mit der Schließung von Abteilungen und dem Abbau von 800 Jobs gedroht. Im Zusammenhang mit Warnstreiks wurden unter ihm mindestens 14 Mitarbeiter gekündigt.

Montag (27. Januar) nun teilte Ameos mit, der Geschäftsführer sei „per sofort“ von seiner Funktion freigestellt worden. Begründung: „Die von Timm angestoßene Diskussion zur möglichen Schließung von Kliniken entspricht weder unseren Zielen noch unserer Unternehmensphilosophie“. Vollzieht Ameos einen Kurswechsel?

Timms Posten übernimmt mit Frank-Ulrich Wiener jedenfalls der als erfahren geltende Regional-Geschäftsführer von Ameos Nord. Wiener sagte Montag: „Dialog ist die Überschrift.“ Er werde Gespräche mit den Beschäftigten und ihren Vertretungen führen. Bedarf für Gespräche mit Verdi sieht auch Wiener indes vorerst nicht. Von Ameos ausgesprochene Kündigungen würden derzeit beklagt, daher könne man sich auch dazu nicht äußern. Wie Timm hält auch der neue Geschäftsführer Konzentrationen und Spezialisierungen für notwendig. „Das bedeutet aber nicht pauschal Arbeitsplatzabbau.“ Zu den Auswirkungen des Streiks sagte Wiener: Patienten müssten keinerlei Einschränkungen befürchten. „Wir sind voll leistungsfähig.“

Geschäftsführer: Differenzen mit Ameos

Eher Stil- als Kurskorrektur also? „Ja“, glaubt ein Betriebsrat. „Die Belegschaft jubelt über den Weggang von Timm, das ist aber nur ein gewonnenes Gefecht, der Krieg ist nicht entschieden.“ Ein Mediziner mutmaßt, Timm musste nur gehen, weil er am Auftrag der Geschäftsführung scheiterte, Streiks zu verhindern. Timm selbst stellt das anders dar: Er sei es gewesen, der gekündigt habe, und zwar bereits am 27. Dezember. Timm räumte aber ein, zwischen ihm und Ameos habe es Differenzen gegeben. Laut Gutachten müsse Ameos Standorte und Fachabteilungen eigentlich konsequent zusammenlegen. „Über diese Brücke will Ameos aber nicht gehen.“

Ameos bekräftigte gestern, noch nie ein Klinikum geschlossen zu haben. Mehr als 80 Millionen Euro habe Ameos in Standorte in Sachsen-Anhalt investiert. „Es sei angemerkt, dass Ameos gemeinnützig wirtschaftet.“ Grundsätzlich würden keine Ausschüttungen an das Aktionariat vorgenommen. Ameos gehört laut Verdi mehrheitlich der Beteiligungsgesellschaft Carlyle. Geldgeber seien ausländische Pensionskassen und Rentenversicherer.

Gibt es durch die Hoffnung ausländischer Anleger auf Rendite Konflikte mit der Gesundheitsversorgung in Sachsen-Anhalt? Betriebsräte befürchten das. Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) erhielt gestern eine Unterlassungsandrohung von Ameos. Wie die Volksstimme erfuhr, soll sie nicht mehr behaupten, Ameos führe Gewinne aus seinen Standorten im Osten an die Gesellschafter ab.

Die Ameos-Gruppe ist auch am Kauf der insolventen Burgenlandklinik interessiert. Grimm-Benne sagte Montag: „Wer Krankenhäuser für Millionen kaufen kann, kann auch seine Leute tarifgerecht entlohnen.“ An wen die Burgenlandklinik geht, will der Gläubigerausschuss in dieser Woche entscheiden.