Magdeburg l Gespannt sieht der Halle-Attentäter Stephan B. auf seinen Monitor im Magdeburger Landgericht. Gezeigt wird das von ihm selbst aufgenommene Anschlagsvideo. Bisher hat er es nur einmal kurz bei seinem Haftprüfungstermin in Karlsruhe gesehen. In dem mit der Kamera an seinem Helm aufgenommenen Film fabuliert er unter anderem, dass der Holocaust nie passiert und die Quelle allen Übels der Jude sei.

Der Angeklagte grinst und scheint die Aufnahmen sichtlich zu genießen. Einem der 21 Anwälte der Nebenklage reicht es. Er schaltet das Mikrofon ein und sagt: „Ich möchte die Aufmerksamkeit des psychiatrischen Sachverständigen auf das Grinsen des Angeklagten richten.“

Später in dem etwa 30-minütigen Film beschimpft sich der Angeklagte immer häufiger selbst, mit Worten wie: „Versager!“ oder „Einmal Verlierer, immer Verlierer“. Diese Szenen findet er am Ende offensichtlich weniger erfreulich. Er grinst zumindest nicht mehr. Als die Schüsse auf die beiden Opfer, die Passantin Jana L. (40) und den im Döner-Imbiss anwesenden Kevin S., gezeigt werden, hat der Angeklagte die Hände verschränkt und verzieht keine Miene. Er zeigt keinerlei Reue, wie schon bei seinem Geständnis am ersten Tag.

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Die Nebenkläger im Saal führen die Szenen hingegen an die Grenze des Erträglichen. Viele sind sprachlos, andere haben Tränen im Gesicht oder nehmen die Hände vor die Augen. Mehrere junge Frauen verlassen den Saal. Eine 28-Jährige bleibt. Auch sie lässt ihren Tränen freien Lauf. Später sagt sie: „Ich habe das Video ja schon vorher einmal gesehen. Aber so im Gerichtssaal ist das nochmal etwas ganz anderes.“ Auch die Studentin Christina Feist drückt fest die Hand des neben ihr sitzenden Dresdener Rabbiners Akiva Weingarten. Später sagt sie dazu: „Ich wollte das Video unbedingt bis zum Ende ansehen. Dann habe ich mir aber gesagt: Ich muss nur raus.“ Da war der Film aber schon fast zu Ende.

Die sechs anwesenden Opferbetreuer können zwar versuchen, Ängste und Unsicherheiten zu nehmen, doch nicht immer gelingt das. Auch der Rabbiner Weingarten ist zu den Terminen in Magdeburg gefahren, um mehreren jüdischen Gläubigen aus der Synagoge in Halle Beistand zu leisten. Er sagt: „Alle, die hier sitzen, könnten tot sein.“ Er meint die 43 Nebenkläger.

Anwalt Erkan Görgülü zeigt sich angesichts der Brutalität des Gezeigten ebenfalls betroffen. Der 36-Jährige vertritt den Vater des durch Stephan B. erschossenen 20-jährigen Kevin S. Der Attentäter hat den jungen Handwerker im Kiez-Döner mit mehreren Schüssen regelrecht hingerichtet, obwohl er um sein Leben flehte. „Kevins Vater hat das schlimme Video noch am Tag des Anschlags gesehen“, sagt der Anwalt. In der Mittagspause an jenem 9. Oktober hatte der Vater noch mit seinem Sohn telefoniert. Er sagte, dass er sich nur einen Döner holen wollte. „Als mein Mandant von dem Anschlag erfuhr, machte er sich Sorgen“, so der Anwalt. Dann erhielt der Vater von einem Bekannten das Video per Whatsapp geschickt. Der Anwalt: „Er wusste nicht, ob er es ansehen soll. Doch dann wollte er Gewissheit.“ Auf dem Video erkannte der Vater dann seinen Sohn wieder, an der Kleidung und seiner Stimme. Psychisch am Ende, habe Kevins Vater nun viel auf den Prozessstart gesetzt. Erkan Görgülü: „Er wollte dem Mörder seines Sohnes einmal in die Augen sehen und hoffte, dass es ihm besser geht. Doch das Gegenteil war der Fall.“ Schon am ersten Tag verlies der Hallenser den Saal. Es sei für ihn unerträglich gewesen.

Im Gerichtssaal erfährt Görgülü auf Nachfrage beim Angeklagten, ob sein Kampf, von dem er da immer rede, denn jetzt beendet sei, nur: „Kein Kommentar.“

Lieber redet Stephan B. über seine selbstgebauten Waffen und belehrt die Anwälte: „Sie haben ja gar keine Ahnung davon.“ So erzählt er freimütig, dass er eigentlich immer ein ganzes Magazin verschießen wollte, und ergänzt: „Es kamen aber nur vier Schuss heraus.“ Der Verschlusshebel habe irgendwie nicht gepasst.

Und als einer der 21 Nebenklage-Anwälte von Stephan B. wissen will, welche Foren im Internet er genau besucht habe, wird der Angeklagte schnippisch: „Das sage ich Ihnen nicht. Ich werde doch andere nicht in die Pfanne hauen.“

Nach vier Stunden Befragung durch den Bundesanwalt und Nebenklage-Vertretern geht der zweite Prozesstag zu Ende. Das Gericht hat bis Mitte Oktober geplant. Außerdem sind bislang 147 Zeugen benannt. Der Prozess soll nächste Woche Dienstag fortgesetzt werden.