Magdeburg l Ob die katholische Kirche im Bistum Magdeburg die gleichen Personalprobleme hat, wie die Protestanten im Land und welche Ideen es gibt, die Lage in den Pfarreien zu entspannen, wollte Volksstimme-Reporter Bernd Kaufholz vom Personaldezernent der Diözese Thomas Kriesel wissen.

Wie sieht es aus? Steht der römisch-katholischen Kirche im Land das Wasser personell bis zum Hals?
Thomas Kriesel:
Wir haben gegenwärtig 50 Priester im aktiven Dienst. Eine Definition, wie viel es sein müssten, gibt es in der Katholischen Kirche nicht.

Ich entnehme aber ihrer Mimik, dass es zu wenig sind.
Im Verständnis der letzten 200 Jahre und mit Blick auf Westeuropa sind es deutlich zu wenig.

Priester, also Männer, die die Weihe erhalten haben, sind ja nur die eine Seite der katholischen Medaille, die andere sind die Pfarreien und die Anzahl der Pfarrer, also Priester, die Pfarreien leiten.
Wir haben 44 Pfarreien im Bistum Magdeburg. Nach bisherigem Verständnis hieße das, 44 Pfarreien gleich 44 Pfarrer. Derzeit sind es aber nur 32. Priester sind nicht nur klassisch in den Pfarreien und Gemeinden tätig, sondern arbeiten zum Beispiel auch als Seelsorger in Krankenhäusern oder Gefängnissen.

Mit anderen Worten: Ihnen geht es nicht besser, als den evangelischen Glaubensbrüdern?
Ja. Aber es ist nicht vergleichbar. Die katholische Kirche definiert sich iel stärker durch eine lebendige Gemeinde im Gottesdienst. Nur zwei Besucher eines Gottesdienstes wäre für uns eine Katastrophe. Würde es sich dabei um eine klassische Gemeinde handeln, müssten wir davon ausgehen, dass diese katholische Gemeinde innerhalb einer Pfarrei nicht mehr lebensfähig ist.

Evangelische Pfarrer fahren Kilometer übers Land, um die weit verstreuten Gläubigen zu besuchen oder in den Dorfkirchen Gottesdienste abzuhalten. Wie sieht es bei den Katholiken aus?
Ganz ähnlich. Pfarrer Andreas Lorenz zum Beispiel ist für die Pfarreien Gardelegen und Salzwedel zuständig. Das Gebiet mit seinen sieben Kirchen, das er betreut, ist eineinhalbmal so groß wie das Saarland. Er sagt ganz konsequent: Am Wochenende werde ich nur drei Messen feiern. Das heißt aber nicht, dass in den anderen Gemeinden nichts passiert. Da versammeln sich die Gemeinden mit einem hauptamtlichen, pastoralen Mitarbeiter oder einem ehrenamtlichen Gottesdienstleiter zur Andacht.

Was geschieht in Orten, in denen die Gemeinde kaum noch oder gar nicht mehr zusammenkommt?
In solchen Fällen sind wir konsequent: Diese Kirchen werden aufgegeben. Seit 2005 waren es 80 Gotteshäuser. Aber man muss dazu sagen, dass es sich dabei überwiegend nicht um klassische liturgische Räume, also Kirchen, gehandelt hat. Viele waren Umbauten, zum Beispiel ehemalige Garagen oder Ställe.

Um Kirchen auszulasten, gibt es in einigen Orten Vereinbarungen mit evangelischen Gemeinden.
Richtig. Es gibt beispielsweise jetzt in Loburg eine Vereinbarung, nachdem unsere eigene Kirche aufgegeben wurde, dass die Katholiken des Ortes die evangelische Kirche mitnutzen. Solche Absprachen gibt es aber auch in umgekehrter Richtung. Sie sind beileibe nichts Neues. Es begann damit, dass 1945, 1946 katholische Umsiedler in unseren Raum kamen. Schon damals hat die evangelische Kirche mit großer Bereitwilligkeit ihre Räume zur Verfügung gestellt.

Immer weniger Pfarrer, aber die Verwaltungsarbeit nimmt nicht ab. Im Gegenteil. Gibt es Zukunftsmodelle, um die Pfarrer zu entlasten?
Wir versuchen über Laienleitungsteams die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Mit dabei ist ein Priester als Moderator. Dadurch soll das christliche Leben lebendig gehalten werden. Der Bischof sagt dort, wo er keinen Priester hat: Ich kann euch keinen schicken. Aber ihr könnt ein Leitungsteam bilden. Ich beauftrage das und ihr nehmt bitte für mich die Leitung der Pfarrei wahr.

Kommt dabei die klassische Seelsorge nicht zu kurz?
Da muss man erst einmal den Begriff „Seelsorge“ definieren. Das ist eine typisch deutsche Tradition, die wir den Preußen zu verdanken haben. Daraus ergab sich, dass in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beide Kirchen sehr hauptamtliche Kirchen geworden sind. Die Frage ist ja nun grundsätzlich: Sind Seelsorger nur diese hauptamtlichen oder geweihten Personen? Nach dem Verständnis des 2. Vatikanischen Konzils (1962–1965), das sich zugegeben erst allmählich durchsetzt, sagen wir: Jeder Getaufte ist auch Glaubenszeuge und Verkünder. Die Not, die wir heutzutage haben, weil das Modell der vergangenen 200 Jahre nicht mehr funktioniert, treibt uns dazu, dass wir genau an dieser Stelle wieder ins Denken kommen. Ziel ist es, dass Getaufte sagen: Wir sind Kirche. Und nicht nur da, wo ein Priester ist.

Zum Beispiel?
Wenn in der Altmark drei ältere Damen zusammenkommen, um gemeinsam den Rosenkranz zu beten, dann ist dort Kirche.