Magdeburg l Wingolf Trippler steht in seiner Werkstatt unweit des Ottersleber Friedhofs in Magdeburg. Vor ihm liegt ein Granitstein - vorn poliert, die Seiten Natur behauen. Der Steinmetzmeister hält eine Folie mit hauchdünnem Blattgold in der Hand. Er legt das 23,5-karätige Edelmetall auf die Schriftzüge, die eingraviert sind. Dann drückt er das Gold in die Buchstaben und Zahlen.

Im Hintergrund arbeitet Francis Willegeroth an einem kleineren Grabstein. „Meister, wo soll das Ornament genau hin?“, fragt der Geselle. „Unten, mittig“, kommt die Antwort von der Werkbank.

Trippler hat ab 1970 zwei Jahre lang den Steinmetz-Beruf erlernt und 1976 seinen Meister gemacht. „Mit Stein zu arbeiten, hat mir schon immer Spaß gemacht“, sagt der 66-Jährige. „Dem Stein ein Gesicht zu geben nach den individuellen Vorstellungen der Kunden, das hat schon was.“

Ganz von Ungefähr kommt die Liebe zum Granit allerdings nicht. Denn bereits Vater Gerhard Trippler hatte an selber Stelle seinen Steinmetzbetrieb.

„Er war ein Schotte“

Trippler junior, der viele Jahre bei der Restauration des Magdeburger Doms mitgeholfen hat, blättert in der Chronik: „Mein Vater kam 1947 auf die Idee, sich selbstständig zu machen und einen Handwerksbetrieb aufzubauen.“ Im Januar des folgenden Jahres kaufte der 26-Jährige von der Gemeinde Ottersleben (damals das größte Dorf Deutschlands) ein Ackergrundstück. „Gemeinsam mit meinem Großvater und einem Handwagen zog mein Vater los, um Trümmersteine für den Bau einer Werkstatt zu sammeln.“

„Zweispitz“ zum groben Bearbeiten der Rohsteine, „Fläche“ zum Einebnen der grob behauenen Fläche, „Scharreisen“ zur Endbearbeitung und „Stockhammer“ zur Nachbearbeitung von Flächen wurden als Grund-Werkzeuge jedes Steinmetzbetriebes angeschafft. Ein Geselle wurde eingestellt. Und das Geschäft lief, denn „gestorben wird immer“. Der gute Ruf sprach sich herum. Nach und nach wurde Technik angeschafft, um die körperlich schwere Arbeit zu erleichtern.

„Mein Vater wurde zu DDR-Zeiten gedrängt, sich einer PGH anzuschließen“, erinnert sich Wingolf Trippler. Doch er sei standhaft geblieben. Auch, als sich die meisten anderen Betriebe zur PGH zusammengeschlossen hatten.

„Schon damals“, erinnert sich Trippler junior, „hat es den einen oder anderen Kunden gegeben, der nicht nur Namen, Geburts- und Sterbedatum auf dem Letzte-Ruhe-Stein hinterlassen wollte. „Dass sinnige Leitsätze, besondere Bemerkungen, Sprüche oder Lebensweisheiten in Stein gemeißelt wurden, war zwar nicht die Regel, aber es gab sie.“

Ganz klar, dass sich der Steinmetzmeister auch an spezielle Wünsche für Inschriften erinnert, die an ihn herangetragen wurden. „Da kam eine Frau zu mir, die wollte unbedingt in den Stein einer Stele schneiden lassen ,Er war ein Schotte‘. Wie sich im Gespräch dann herausstellte, meinte die Hinterbliebene damit nicht die Nationalität des Verblichenen, sondern - sagen wir mal besonders sparsam.

In einem anderen Fall war der Wunsch der Hinterbliebenen, dass der Spitzname des Verstorbenen auf dem Grabmal verewigt werden sollte: „Er war der Prinz von Sudenburg.“

Zwar seien der Phantasie der Kunden keine Grenzen gesetzt, aber nicht alles, was gewünscht wird, könne umgesetzt werden. „Da gibt es klare Grenzen. Zum Beispiel, wenn es um Anklänge an rechtsextreme Zeichen geht.“ So habe der Wunsch bestanden, ein bestimmtes Symbol auf dem Stein anzubringen - „in Richtung Thor Steinar. Da habe ich mich bei der Friedhofsverwaltung erst mal schlau gemacht, ob das geht.“

Unverrichteter Dinge musste ein Mann wieder gehen, der für seinen Schreibtisch einen kleinen Granitquader gravieren lassen wollte - mit einem Hakenkreuz.

Der Grabmal-Geschmack habe sich in den vergangenen Jahren verändert, weiß der Stein-Experte. „Die Wünsche gehen mehr in Richtung dunkel und immer mehr Hinterbliebene setzen auf eine pflegeleichte Variante bei der Grabgestaltung. Das heißt, dass neben einer Einfassung im selben Design wie der Stein auch immer öfter Abdeckungen mit Granitplatten nachgefragt werden.“

Und noch etwas hat der Steinmetz beobachtet: „In letzter Zeit geht man wieder von der Grünen Wiese ab und besinnt sich mehr auf eine namentliche Bestattung im Urnen- oder Erdgrab.“ Trotzdem ist die Anzahl der neu aufgestellten steinernen Grabmale rückläufig. Von 1991 bis 2006 ist sie in Deutschland von rund 400 000 auf 200 000 gesunken.

Madonna aus Muschelkalk

Granit ist seit vielen Jahren das häufigste Material für Grabsteine. Die Zeit, da teurer Carrara-Marmor bestellt wurde, sei vorbei. „Wir bekommen unser Material vorgefertigt in unterschiedlichen Formen, Größen und Farben“, sagt der Chef des Vier-Mann-Betriebes.

Auch Schrift mit dem 23,5-Karat-Blattgold sei nicht mehr so häufig gewünscht. „Der Zeitgeschmack geht eher in Richtung Metallschrift oder gehauen eingearbeitete Schrift.“

Draußen, vor der Bürotür, sitzt eine lebensgroße, trauernde Madonna aus Muschelkalk. Sie hat viele Jahre auf dem wenige Schritte entfernten Ottersleber Friedhof gestanden. Als das dazu gehörende Grab eingeebnet worden war und niemand Interesse an der Skulptur hatte, fand sie auf dem Trippler-Hof ein neues Zuhause und begrüßt die Hinterbliebenen, die sich beraten lassen wollen, durch welche Schrift und Ornamentik etwas vom Wesen des Verstorbenen sichtbar gemacht werden kann.