Biere/Magdeburg l Der dritte Prozesstag um den Totschlag in Biere am Landgericht Magdeburg startet hektisch: Eine Saalverlegung verzögert den Beginn. Doch trotz anfänglicher Schwierigkeiten fällt das Gericht gestern ein Urteil gegen die 64-jährige Angeklagte.

Sie hat im vergangenen August ihren Ehemann während einer körperlichen Auseinandersetzung in der gemeinsamen Wohnung in Biere (Salzlandkreis) mit einem Küchenmesser erstochen. Der Tatvorwurf hat sich bestätigt: Sie wurde des versuchten Totschlags wegen Unterlassung schuldig gesprochen.

Während der Richter das Urteil verliest, umklammert die Angeklagte das Taschentuch in ihrer Hand. Ihre Strafe: Ein Jahr Gefängnis zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. In dieser Zeit muss die 64-Jährige jeden Wohnungswechsel mitteilen; weitere Auflagen gibt es nicht. Das Gericht erklärt das Urteil damit, dass die Messerstiche Notwehr gewesen seien, die Angeklagte aber weder Hilfe leistete noch holte. Dadurch habe sie sich der Unterlassung schuldig gemacht. Der Versuch wurde festgestellt, weil ihr Mann, wie sich in dem gerichtsmedizinischen Gutachten herausstellte, bereits vor der Tat in einer sehr schlechten körperlichen Verfassung war. Dementsprechend sei nicht sicher, ob er mit medizinischer Hilfe überlebt hätte.

„Um es ganz ausdrücklich zu sagen: Das ist kein verkappter Freispruch“, betont Richter Dirk Sternberg. „Wir gehen davon aus, dass die Tat sowie das Verfahren Frau S. bereits genug zugesetzt haben“, begründet er die milde Strafe. Ferner käme ihr zugute, dass sie nicht vorbestraft ist, während der Tat erheblich alkoholisiert war und Todesangst litt. Die 64-Jährige sei zudem geständig, kooperativ gewesen und bereue die Tat. Außerdem geht das Gericht nur von bedingtem Vorsatz aus und sieht den Totschlag als minderschweren Fall an.

Der Strafverteidiger sowie die Staatsanwaltschaft haben nun die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen. Für Staatsanwalt Arnold Murra nicht ausgeschlossen: „Im Haus muss geprüft werden, ob eine Revision infrage kommt“, teilt er mit.