Magdeburg l Viele der ehemaligen Fabrikhallen stehen leer, Pflanzen wachsen durch zerborstene Fenster. Im Schwermaschinenkombinat „Ernst Thälmann“ (Sket) in Magdeburg arbeiteten einst mehr als 13.000 Menschen. Als das Ende der DDR kam, verloren Tausende ihre Arbeit. Am Ende standen gescheiterte Sanierungsideen, horrende Verluste. Die Treuhand hatte mehr als eine Milliarde D-Mark in das Unternehmen gesteckt. Am Standort in Buckau sind heute Nachfolgegesellschaften mit einigen hundert Mitarbeitern zu finden. Die Narben von damals, sie verheilen nur langsam. Das gilt nicht nur für viele Industrie-Brachen in Sachsen-Anhalt, Thüringen oder Sachsen, sondern auch für unzählige Menschen, die damals im Berufsleben standen. „Für all das, was nach der Wende negativ gelaufen ist, muss die Treuhand als Symbol herhalten“, sagt der Historiker Marcus Böick von der Ruhr-Universität Bochum. Böick ist in Hettstedt aufgewachsen, er befasst sich seit Jahren intensiv mit der Treuhand.

Für Ostdeutsche, die damals zwischen 20 und 40 waren, sei die Treuhandanstalt ein Symbol für die vermeintliche Unterwerfung des Ostens durch den Westen. Während Jüngere kaum etwas mit der Behörde anfangen können, verbinden viele Ältere die Treuhand mit Abwicklung, Abzocke, Deindustrialisierung, Bereicherung und Korruption.

Die 1994 aufgelöste Superbehörde – für Böick ist sie zudem eine Art „erinnerungskultureller Zombie der Wiedervereinigung“. Will heißen: Bis heute wird über den von der Treuhandanstalt vollzogenen Umbau der Wirtschaft bitterlich gestritten. Für Kritiker ist die Organisation zum Inbegriff des Ausverkaufs der DDR geworden. Andere sehen in ihrer Arbeit eine alternativlose Erfolgsgeschichte.

Bilder

Bald 25 Jahre ist es nun her, dass die umstrittene Ex-Treuhand-Chefin Birgit Breuel das Schild der Behörde in einem symbolischen Akt am Eingang der Treuhand in Berlin demontierte. Für den Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch ist das „Desaster der Treuhandanstalt“ bis zum heutigen Tag Ursache für den Frust, der bei vielen Ostdeutschen herrsche. Im Bundestag fordern Linke und AfD-Fraktion die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses.

Treuhand-Experte Böick glaubt, dass ein weiterer Ausschuss die Gräben nur noch tiefer werden lassen würde.

Dass die Forderungen kurz vor den Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern auftauchen – für ihn kein Zufall. „Das Thema Treuhand kommt gerade mit Macht zurück.“ Die AfD versuche, den Linken Konkurrenz als Vertreterin ostdeutscher Interessen zu machen, meint er. Das vermeintliche Treuhand-Desaster passe in die Wahlkampfstrategie der AfD. „Die da oben zocken euch ab, die machen, was sie wollen.“ Mit diesem Narrativ könne man Wählerstimmen ziehen, analysiert Böick. Fakt ist: Die 1994 aufgelöste Treuhand hat bleibende Spuren hinterlassen. Nicht nur in den Köpfen. Von zuletzt rund 12.000 Betrieben in der DDR hat sie 6000 privatisiert, etwa 1000 an frühere Eigentümer zurückgegeben und 3700 abgewickelt.Häufig übernahmen westdeutsche Unternehmer das Ruder. Firmen standen im Verdacht, sich die Konkurrenz aus dem Osten vom Leib halten zu wollen. Kapitalinteressen hätten in vielen Fällen überwogen, sagen Treuhand-Kritiker. Die Idee hinter der Treuhand – ursprünglich war sie eine andere. Unter der Regierung Modrow am 1. März 1990 gegündet, war es zunächst das Ziel, das Volksvermögen zu wahren und im Interesse der Allgemeinheit zu verwalten. Wirtschaftsleitende Funktionen sollte die Treuhand nicht ausüben. Drei Monate später dann stimmte die Volkskammer dem Treuhand-Gesetz zu: Nun ging es um die Privatisierung des volkseigenen Vermögens.

Die Aufgabe war gewaltig – und undankbar: Aus einer in vielen Teilen maroden Planwirtschaft sollte eine Marktwirtschaft nach dem Vorbild der BRD werden. Das Problem: Veraltete Industrieanlagen waren allgegenwärtig, Exportmärkte in den sozialistischen Bruderländern brachen weg. Und dann der „D-Mark-Schock“: Löhne und Gehälter werden im Zuge der Währungsunion im Juni 1990 im Verhältnis 1:1 umgestellt. Ein Schock auch für die ostdeutsche Industrie. Viele Betriebe waren vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr wettbewerbsfähig. Der westdeutsche Top-Manager Detlev Rohwedder wird im Juli 1990 Vorsitzender der Treuhandanstalt. Die von ihm geprägte Formel: „Schnelle Privatisierung, entschlossene Sanierung, behutsame Stilllegung“. Im April 1991 wird er ermordet. Birgit Breuel folgt ihm nach.

Die heute 81-Jährige bedauerte kürzlich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, die Behörde habe Fehler gemacht und vielen DDR-Bürgern sehr viel zugemutet: „Wir hatten nicht die Zeit, uns mit ihren Biografien ausreichend zu beschäftigen.“ Unter Breuel wurde das Tempo verschärft. Zu Hochzeiten 1992 wurden in einigen Monaten 300 bis 400 Betriebe von der Treuhand privatisiert, sagt Marcus Böick. Besonders hart traf es Sachsen-Anhalt. Hier gab es zu DDR-Zeiten viele große, aber auch veraltete Betriebe. Der Strukturwandel war enorm. Deutschlandweit waren 80 Prozent der Betriebe Ende 1992 bereits privatisiert und abgewickelt. Auch auf Druck der Politik.

Nicht zuletzt einige spektakuläre (Betrugs-)Fälle bleiben beim Rückblick auf die Treuhand-Arbeit in Erinnerung. Etwa der des ehemaligen Chefs der Magdeburger Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG), Lutz Frohnecke. Der einstige Vizepräsident des Magdeburger Regierungspräsidiums war verurteilt worden, weil er bei der Ausschreibung um ein Magdeburger Sanierungsgebiet einer Firma aus Salzgitter Millionenaufträge verschafft hatte. Weiteres prominentes Beispiel: Der Verkauf der Leuna-Raffinerie an den französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine. Auch hier sollen Schmiergelder geflossen sein. Weitere ominöse Fälle: Der Werften-Skandal, bei dem dreistellige Millionenbeträge an Ostfördermitteln im Westen versickerten. Oder die umstrittene Auflösung von Interflug.

Und das Fanal für die Abwicklung ostdeutscher Arbeitsplätze: Der Kampf der Bergleute im thüringischen Bischofferode gegen die Schließung ihres Kaliwerkes 1993. Selbst der Hungerstreik, an dem sich über 300 Kumpel beteiligten, brachte nichts. Das Aus für die Grube und für knapp ein halbes Dutzend anderer ostdeutscher Kali-Standorte war zementiert – weil die Treuhand den Plan gefasst hatte, die Ost-Gruben mit dem Kali-Monopolisten des Westens, der „Kali und Salz AG“, zu verschmelzen. Kritiker sagen, dabei sei eine am Boden liegende Firma aus dem Westen auf Kosten einer ostdeutschen saniert worden. Von K+S wird seit 1993 auch das Werk in Zielitz (Landkreis Börde) betrieben.

Und wie ist die Situation der Ostländer heute, was bleibt von der Treuhand? Der wirtschaftliche Aufholprozess dauert an. Konzernzentralen sind im Osten Mangelware, aus den Betrieben wurden oft verlängerte Werkbänke. Im Schnitt werden niedrigere Löhne als im Westen gezahlt. Die immensen sozialen und kulturellen Kosten der Treuhand-Arbeit begleiten uns bis heute, sagt Marcus Böick.