Hintergründe zum Casting-Sport

Casting-Sport: Der Begriff leitet sich von dem englischen Wort „cast“ ab und bedeutet so viel wie „werfen“. Bei dem Sport werfen die Akteure mit Angelruten Gewichte oder Fliegen möglichst präzise ins Ziel oder sehr weit.

Wettkampf: Erstmals als wettkampfmäßiges Turnier wurde der Sport 1864 in den USA ausgetragen. 1923 fand in Berlin das erste Turnier in Deutschland statt. In Gera war Casting zeitweise sogar als Schulsport vertreten.

Erfolgreichste Sportlerin: Bislang erfolgreichste Athletin mit 72 Weltmeister- und 42 Europameisterschaftschaftstiteln ist Jana Maisel. Die Geraerin trat bis 2012 für Sachsen-Anhalt an und kam mit ihren Erfolgen sogar ins Guinnessbuch der Rekorde.

Verein: Der Sport wird vom Deutschen Anglerfischerverband (DAFV) betrieben. Die Meisterschaften werden vom Weltverband, der International Casting Sport Federation (ICSF), organisiert. Bis 2007 gab es abwechselnd jedes Jahr eine Europa- und eine Weltmeisterschaft. Seither wurden nur noch Weltmeisterschaften angesetzt. Die nächste ist in Schweden. Auf dem Plan steht 2019 Japan.

Disziplinen: Insgesamt gibt es neun. Unter anderem Fliege-Ziel (Wurf auf Wasserbassin), Fliege-Weit mit einer und zwei Händen, Gewicht Präzision (Wurf auf Scheibe mit 75 Zentimeter Durchmesser) und Gewicht-Weitwerfen.

Haldensleben l Leise peitschen die dünnen Angelruten durch die Luft. Dann folgt ein lautes Klack. Das Gewicht, nur 7,5 Gramm schwer, landet präzise auf einer Zielscheibe am Boden der Turnhalle in Haldensleben. Was höchst ungewöhnlich aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Hier bereiten sich im Wintertraining gerade amtierende Weltmeister auf das nächste internationale Turnier im Sommer 2018 in Schweden vor. Die Chancen für eine Qualifikation und einen Titel stehen nach Meinung des Haldensleber Trainers Jens Spindler sehr gut.

Drei Sportler erhielten Gold

Allein bei der letzten Meisterschaft vor einem halben Jahr gingen mit dem deutschen Nationalteam sechs von neun Sportlern aus Sachsen-Anhalt an den Start. Drei von ihnen „fingen“ sich bei dem Trockenangeln, offiziell Casting genannt, Gold ein. Das waren Nathalie Strauch, Erek Kelterer (beide aus Haldensleben) und Jens Nagel aus Anhalt-Bitterfeld.

Sie brachten aus Polen auch zwei Vize-Weltmeistertitel und eine Bronze-Medaille mit nach Hause. Allein der Leistungssport-Stützpunkt in Haldensleben durfte sich über zehn Medaillen freuen. Trainer Jens Spindler sagt stolz: „Man kann durchaus sagen, dass wir hier in der Börde eine Weltmeisterschmiede haben.“

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Weitere Stützpunkte für den Castingsport gibt es auch noch in Ermsleben (Harz), Wörbzig (Anhalt-Bitterfeld), Halle, Weißenfels und Hohenmölsen (beides Burgenlandkreis).

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Lobby für das Casting fehlt

Trotz des Medaillen-Regens gibt es weder Live-Übertragungen im Fernsehen noch Anfragen von Sportreportern aus aller Welt. Hin und wieder berichten nur lokale Medien über die Erfolge. „Uns fehlt einfach die Lobby. Der Sport wird kaum wahrgenommen“, erklärt Spindler. So bleiben die Sportler auch bei den Meisterschaften weitgehend unter sich. Dabei treten rund hundert Teilnehmer aus 16 Nationen bei den Meisterschaften in bis zu neun Disziplinen und Mehrkämpfen an. Und das deutsche National­team ist bei den Medaillenvergaben immer ganz vorne mit dabei. Nur die Tschechen haben laut Klaus-Jürgen Bruder, Betreuer in der Landesauswahl, eine Rutenspitze vorne. Deutschlandweit gibt es rund 500 Sportler, die Casting als Leistungssport ­betreiben. Dem Hobby selbst gehen weit mehr Menschen nach. Denn wie der Schießsport von der Jagd kommt, hat auch der Casting-Sport seine Wurzeln im Angeln. Dabei geht es nicht um das Fangen von Fischen, sondern um genaues oder weites Werfen von Fliegen oder Gewichten mit den Angelruten. Bruder: „Bei den Wettkämpfen, die auf Rasenplätzen ausgetragen werden, müssen die Castingsportler viele Wurftechniken aus der Praxis des Angelns ausführen.“

In Schweden an Erfolge anknüpfen

In sechs Disziplinen werfen die Frauen und Männer tropfenförmige Kunststoffgewichte, in drei weiteren werden künstliche Fliegen aus Draht und kleinen Federteilen jeweils auf die Ziele in die Weite geworfen.

Obwohl es schon bessere Jahre für das Team aus Sachsen-Anhalt gab, stellten auch vor einem halben Jahr bei der Weltmeisterschaft in Polen die Sachsen-Anhalter mehr als die Hälfte der Starter. „Wir hoffen natürlich, dass wir in diesem Jahr in Schweden an die Erfolge anknüpfen können“, sagt Klaus-Jürgen Bruder. Nur stehe es angesichts fehlender Sponsoren nicht gerade rosig um das Landes-Team. „Wenn es im nächsten Jahr tatsächlich nach Japan und im Jahr darauf nach Südafrika geht, könnte es mit der Finanzierung eng werden“, befürchtet der Trainer.

Eric Kelterer aus Barleben (Landkreis Börde) hat fünf WM-Titel

Der 44-jährige Berufssoldat aus Barleben wirft nur mit seinen eigenen, selbst gebauten Angelruten. Und das ganz offensichtlich sehr erfolgreich: Bei den Weltmeisterschaften holte er bereits fünf Goldmedaillen, zweimal Silber und zweimal Bronze. Er ist auch Europameister und Vize-Europameister. 25-mal war Kelterer auch schon deutscher Meister.    

Durch einen Freund war der Barleber 1982 zum Angel-Hobby gekommen und trat in den Deutschen Anglerverband (DAV) ein. Nur ein Jahr später nahm er bereits an der DDR-Meisterschaft teil und wurde 1990 das erste Mal deutscher Meister im Trockenfischen.

Im nassen Element bevorzugt Kelterer das Meeresangeln. Seine Fähigkeiten im Trockenangeln helfen da aber nur bedingt. „Naja, ich kann den Pilker immerhin weiter werfen als die anderen“, meint er. Allerdings ist das beim Fischen von der Bordwand eines Kutters unnötig.

Wichtig ist für ihn nur, dass er, egal ob im Wasser oder auf dem Trockenen, mit seiner eigenen, selbst gebauten Rute angelt. Das ist sein zweites Hobby. „Ich investiere darin jede freie Minute“, sagt er.

Seinen ersten WM-Titel erreichte er 2006. „Das ist schon beeindruckend, wenn für dich das erste Mal die Hymne gespielt wird“, sagt er. Bei der letzten WM in Polen ertönte sie für ihn erneut. Und auch 2018 hofft er auf weiteres Gold.

Jens Nagel aus Wörbzig im Landkreis Anhalt-Bitterfeld

Für den 46-jährigen Werkzeugmacher aus Wörbzig in Anhalt-Bitterfeld gab es in den letzten Jahren kaum ein Turnier, bei dem er nicht eine Goldmedaille nach Sachsen-Anhalt holte. 40 Weltmeistertitel hat der Vater von zwei Töchtern inzwischen gesammelt. Bei der Zahl der deutschen Meistertitel muss er schon länger überlegen. Bei der WM in Polen im vergangenen Jahr erreichte er Gold und Bronze. „Das könnten schon hundert sein“, sagt er. Vor 36 Jahren hat seine Leidenschaft für das Angeln ihn zum Trockenfischen geführt. Sein damaliger Freund hat ihn mit zum Turniersport, wie das „Casting“ damals hieß, mitgenommen.

Jens Nagel: „Zu DDR-Zeiten haben wir zum Anfang sogar ausrangierte Verkehrsschilder als Zielscheiben genommen. Später hat sich dann alles weiterentwickelt, als das Land internationale Wettkämpfe gefördert hat.“ Seine beeindruckendste Weltmeisterschaft war im Jahr 2007 in Irland. „Das war an einem alten Schloss und wir haben auf einem Golfplatz die Meisterschaften gehabt“, schwärmt der Angler. Dabei hat der Familienvater für das echte Fischen gar keine Zeit. Seine beiden Töchter habe er für das ungewöhnliche Hobby aber nicht begeistern können. „Die Mädels haben leider keinen Draht dazu gefunden“, sagt er.

Nathalie Strauch aus Haldensleben (Landkreis Börde)

Die 22-Jährige hat allein bei der letzten Weltmeisterschaft in Polen fünf Medaillen abgeräumt, davon zweimal Gold. Die Forstwirtin trainiert seit 2011 fest im Team der Haldensleber mit und war bei der letzten Weltmeisterschaften eine der drei Frauen im deutschen Nationalteam.

„Natürlich will ich auch in diesem Jahr bei der WM in Schweden wieder dabei sein“, sagt sie. Zusammen mit ihrer 20-jährigen Schwester Josephin geht die Trockenanglerin ihrem ungewöhnlichen Hobby nach, ohne in den letzten Jahren je einen Fisch an Land gezogen zu haben. „Ich hatte zwar mal einen Jugendfischereischein. Jetzt bin ich aber nur noch beim Casting“, sagt sie. Einmal in der Woche trainiert die junge Frau mit der Angelrute Ziel- oder eben Weitwerfen. Nathalie Strauch: „Vor den Wettkämpfen sind wir dann natürlich häufiger beim Training.“

Ihr Freund, den sie vor etwa zwei Jahren kennengelernt hat, habe zunächst gar nicht gewusst, was sie da eigentlich für einen Sport betreibt. Er musste Casting-Sport erst einmal googeln. „Inzwischen begleitet er mich auch zu den Wettkämpfen“, sagt die 22-Jährige. Schon mit 10 Jahren machte die junge Frau für eineinhalb Jahre ein paar „Trockenwürfe“. Nach einer Pause ging es dann 2011 richtig mit dem Wettkampftraining los.