Überlebende berichten von psychischen Folgen des Anschlags
Zwei Menschen ermordete der Attentäter von Halle. Zahlreiche andere Menschen haben noch immer damit zu kämpfen, was sie an dem Tag erlebt haben. Vor Gericht berichten sie von ihren Problemen.

Magdeburg (dpa/sa) - Zahlreiche Überlebende des Halle-Attentats haben noch immer mit schweren psychischen Folgen des Anschlags zu kämpfen. Im Prozess um den Anschlag sagten am Dienstag und Mittwoch insgesamt neun Menschen aus, die das Attentat aus nächster Nähe miterlebt hatten. Nur einer davon gab an, die Geschehnisse ohne größere psychische Folgen überstanden zu haben. Die anderen Betroffenen berichteten von Schlafstörungen, Panikattacken, Konzentrationsschwächen und anderen Leiden. Bei vielen traten die Probleme erst einige Wochen nach dem Anschlag auf.
Vor dem Oberlandesgericht Naumburg läuft seit dem 21. Juli der Prozess gegen den Sachsen-Anhalter Stephan Balliet. Die Verhandlung findet aus Platzgründen im Landgericht Magdeburg statt. Der 28 Jahre alte Angeklagte hatte zu Prozessbeginn eingeräumt, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, in der Synagoge von Halle ein Massaker anzurichten. Dort feierten 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Nachdem er nicht in die Synagoge gelangt war, erschoss der Mann eine zufällig vorbeikommende 40 Jahre alte Passantin und später einen 20-Jährigen in einem Dönerimbiss.
"Ich will einfach mein Leben zurück", sagte am Mittwoch vor Gericht eine Zeugin, die den Mord an der 40-Jährigen vor der Synagoge gesehen hatte. Sie war einige Sekunden nach dem Mordopfer und ebenso zufällig an der Synagoge vorbeigelaufen und berichtete von einem schweren Trauma. Ihr Familie habe ihr bei der Bewältigung helfen können, doch sie habe noch immer mit dem Tag zu kämpfen. Sie hoffe, dass der Angeklagte nicht auch nur noch einen Tag in Freiheit leben werde. Wie schon am Dienstag gab es im Gerichtssaal Applaus für die Aussage der Zeugin.
Der Wachmann der Synagoge, der den Angriff auf einem Sicherheitsmonitor als erster bemerkt hatte, berichtete von Schlafstörungen, die einige Monate nach dem Attentat aufgetreten seien. Auch seiner 83 Jahre alten Mutter, die ebenfalls in der Synagoge gewesen war, habe der Anschlag schwer zugesetzt.
Eine 24 Jahre alte Studentin aus Berlin, die zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge gewesen war, sagte, bei ihr sei eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Die habe sie in den Monaten nach der Tat teils am Arbeiten und Studieren gehindert. Die 24-Jährige, die erst vor eineinhalb Jahren fürs Studium aus Polen nach Berlin gezogen war, sagte, dass der Anschlag eine stärkere Frau aus ihr gemacht habe. Sie habe sich entschlossen, ihren Traum in Deutschland zu studieren und zu leben, nicht von dem Täter zerstören zu lassen.
"Ich möchte mein Studium hier beenden, ich möchte hier leben und dieser Anschlag wird mich mit Sicherheit nicht daran hindern, dass ich die Synagoge besuche und meinen Glauben lebe." Auch sie bekam Applaus. Die 24-Jährige war Teil eine Gruppe junger Juden aus Berlin, die Jom Kippur gemeinsam in einer kleineren Gemeinde feiern wollte, unter anderem um etwas "Energie", wie der Rabbi der Gruppe am Dienstag gesagt hatte, dorthin mitzubringen. Das sei von der Gemeinde in Halle, in der es viele ältere Menschen gebe, mit großer Begeisterung aufgenommen worden.
Ebenfalls Teil dieser Gruppe war eine 30 Jahre alte Doktorandin aus Paris. Auch sie sprach in einer äußerst emotionalen Aussage von schweren psychischen Problemen. Sie erneuerte außerdem die Kritik mehrerer Zeugen vom Dienstag am Umgang der Polizei mit den Gläubigen. Vom Eintreffen der Polizei bis zur Unterbringung am Abend sei das Verhalten unprofessionell und vor allem äußerst unsensibel gewesen. Sie kritisierte unter anderem den Abtransport der Synagogen-Besucher in einem normalen Linienbus, der zudem lange im Blickfeld von Reportern gestanden habe.
Für die religiösen Bräuche an ihrem höchsten Feiertag, etwa das koschere Essen oder, dass sie weder Ausweispapiere noch Handys bei sich trugen, hätten die Polizisten kein Verständnis gehabt. Auch habe sich niemand von der Polizei um die Unterbringung gekümmert. Verwundert sei sie außerdem gewesen, dass die Polizei die Synagoge nicht bewacht habe, wie sie es in Berlin und anderen europäischen Großstädten täten. Das Verhalten der Polizei sei für viele ein zweites Trauma an diesem Tag gewesen. Der Polizei-Einsatz ist auch Thema in einem Untersuchungsausschuss des Landtags zu dem Anschlag. Grünen-Rechtsexperte Sebastian Striegel kündigte an, die Aussagen der Zeugen im Ausschuss zu thematisieren.