Gewalt in der Pflege – Auch Patienten sind betroffen

Nach Angaben des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQB) ist auch Gewalt von Pflegekräften an Patienten keineswegs selten. Bei einer Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen gaben 40 Prozent der Teilnehmer zu, sich innerhalb des letzten Jahres mindestens einmal so verhalten zu haben, dass dies dem Kriterium von Vernachlässigung oder Misshandlung entsprechen würde. In einer ähnlichen Befragung in Hessen räumten dies sogar 72 Prozent der Pflegekräfte ein.

Am häufigsten wurden dabei psychische Misshandlung, pflegerische und soziale Vernachlässigung bis hin zu mechanischer Fixierung (Festschnallen am Bett) und medikamentöser Freiheitseinschränkung genannt.

Laut einem Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen von 2014 kamen freiheitsentziehende Maßnahmen wie die Fixierung zuletzt bundesweit oft vor – teilweise auch ohne richterliche Genehmigung.

Das Risiko für Patienten, Opfer von Vernachlässigung oder Misshandlungen zu werden, ist in Krankenhäusern und Heimen deutlich höher als in der ambulanten Pflege.

Bekannt wurde zuletzt etwa der Fall eines Pflegedienstes in Krakow am See (Mecklenburg-Vorpommern). Der Betreiberin wurde vor Gericht Freiheitsberaubung in mehreren Fällen, Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung und Betrug vorgeworfen. Die Einrichtungen der Angeklagten wurden geschlossen.

Magdeburg l Erst vor wenigen Wochen bedrohte in den Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg ein Patient eine Krankenschwester nach Medikamentenmissbrauch mit einem Messer. „Es gelang der Schwester, den Mann in ein Zimmer einzusperren“, sagt Klinik-Seelsorger Hans Bartosch. Später entschuldigte der Patient sich sogar. Trotzdem bleibe für die Schwester eine höchst verunsichernde Erfahrung.

Vorfälle wie diese sind extrem, räumt Bartosch ein. Dennoch beobachtet der Seelsorger in Gesprächen mit den Teams seiner Klinik eine bedenkliche Zunahme von Übergriffen von Patienten auf Pflegekräfte. Die Palette reicht von verbalen Attacken über sexuelle Belästigungen bis zu körperlichen Übergriffen, sagt Bartosch. „Entgleisungen und Unverschämtheiten kommen fast wöchentlich vor.“ Schwesternschülerinnen müssten sich Sätze anhören wie: ‚Komm her, auf meiner Matratze ist noch Platz, ich habe bezahlt.‘ Er kenne Fälle, in denen Patienten Pflegern mit den Worten „Schweinefraß“ den Teller vor die Füße geworfen hätten, sagt Bartosch. Andere bauten sich bei Untersuchungen bedrohlich auf.

Das Phänomen ist nicht auf die Stiftungen beschränkt, betont der Seelsorger. Ähnliches sei in fast allen Kliniken zu beobachten. Tatsächlich hatte erst Mitte Juni im baden-württembergischen Waiblingen ein betrunkener 45-Jähriger seiner Rettungs-Sanitäterin von der Trage aus ohne Vorwarnung ins Gesicht geschlagen. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein meldete Anfang Juni eine alarmiernde Zunahme von Beschimpfungen und Gewaltandrohung in Arztpraxen und Notfallaufnahmen. Es handele sich um einen gesamtgesellschaftlichen Trend, sagte Kammerpräsident Henrik Herrmann gegenüber Journalisten.

70 Prozent berichten von körperlicher Gewalt

Den sieht auch Seelsorger Bartosch: „Das Miteinander ist rauer geworden“, sagt er. Trotzdem ist Gewalt durch Patienten an Pflegekräften ein bislang wenig untersuchtes Phänomen. Das liegt auch daran, dass es schwer zu fassen ist – wann handelt es sich um einen Streit, wann schon um eine Entgleisung? Viele Betroffene schämen sich zudem, Übergriffe anzusprechen. Daten auf Landesebene fehlen dann auch weitgehend. Eine gemeinsame Untersuchung der „Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege“ (BGW) mit dem Hamburger Uni-Klinikum kam 2017 allerdings zu eindeutigen Ergebnissen:

79,5 Prozent von fast 2000 befragten Pflegekräften in Bayern, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gaben an, im vorangegangenen Jahr Ziel von Patienten-Übergriffen geworden zu sein. 94 Prozent berichteten von Verbal-Attacken, 70 Prozent gar von körperlichen Übergriffen wie beißen, kratzen, schlagen. Besonders häufig ist Gewalt demnach in Kliniken, Heimen für Behinderte und Demenzpatienten sowie in psychiatrischen Einrichtungen. Zu ähnlichen Ergebnissen kam der Pflegereport 2017 der AOK: Hier berichteten 71 Prozent der Mitarbeiter stationärer Einrichtungen von verbaler und 63 Prozent von körperlicher Gewalt, 12 Prozent von sexueller Belästigung.

Die Folge: Viele Betroffene gehen angespannter zur Arbeit. Rund ein Drittel fühlt sich laut BGW-Studie durch Übergriffe stark belastet. Die AOK fordert, das Thema aus der Tabu-Ecke zu holen, in der es mitunter noch stecke: „Unternehmen müssen offen damit umgehen, gezielt Gewaltprävention fördern oder Deeskalationstrainings anbieten“, sagte René Bethke, Leiter des Betrieblichen Gesundheitsmanagements der AOK.

Gewaltprävention für Leitungspersonal

Das Sozialministerium hat das Thema nach eigenen Angaben schon länger auf der Agenda: „Einrichtungen, in denen es zu Gewalt kommt, müssen Konzepte zu deren Vorbeugung vorlegen“, sagte Sprecher Andreas Pinkert. Damit solche Strategien greifen, müssten sie vom Personal aber auch eingeübt werden, betonte das Ministerium. Eine erst zum 1. Juli 2019 in Kraft getretene Verordnung sieht zudem vor, Leitungspersonal und Beschäftigte künftig möglichst einmal pro Jahr zur Gewaltprävention schulen. Dass Gewalt dabei von beiden Seiten ausgehen kann, auch das berücksichtigt die Verordnung: Die Fortbildungen schließen auch Übergriffe von Pflegekräften auf Patienten ein.