Magdeburg (dpa) l Mit Namen und Datum, frischen Blumen, Fotos, Kerzen oder Kuscheltier davor – Straßenkreuze für Unfallopfer sind nach Ansicht von Psychologen ein wichtiger Ort der Trauerbewältigung für Hinterbliebene. Von den Behörden genehmigt sind die Kreuze jedoch nicht. Aus Pietätsgründen werden sie in Sachsen-Anhalt von der staatlichen Straßenbauverwaltung geduldet, soweit sie den Verkehr nicht gefährden, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Die Anzahl der Straßenkreuze im Land sei nicht bekannt, teilte ein Sprecher des Verkehrsministeriums mit.

Für Hinterbliebene wichtig

Für die seelische Gesundheit von Hinterbliebenen können diese Orte sehr wichtig sein. "Bei dem Verlust eines geliebten Menschen, der plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen wird, spüren Angehörige eine ganz große Unfassbarkeit und Ohnmacht", erläutert die Psychologin Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Besonders schlimm sei das bei jungen Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten – und plötzlich herausgerissen werden. Rituale, etwas selbst zu tun und ein Kreuz am Straßenrand aufzustellen, sei für Hinterbliebenen wichtig. "Um nach dem schmerzlichen Verlust wieder das Gefühl von Kontrolle über ihr eigenes Leben zu erlangen und das Unbegreifliche greifbar zu machen", sagte sie.

Zudem helfe es Betroffenen, zusätzlich zum Grab auf dem Friedhof, einen authentischen Gedenkort zu haben, an dem das Unfallopfer die letzten Sekunden seines Lebens verbrachte, erklärte die Persönlichkeitspsychologin. In seltenen Fällen würden Kreuze – wie auch großflächige Plakate – als Symbol der Mahnung vor den Gefahren im Straßenverkehr aufgestellt, ergänzte Wolf.

Bei Baumaßnahmen, wenn Straßen verbreitert oder Radwege gebaut werden, erhalten Angehörige oft Post. "Sie werden um die Entfernung oder vorübergehenden Abbau beziehungsweise Versetzung der Unfallkreuze gebeten", sagt ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Wenn die Aufsteller nicht bekannt sind, gilt weiter Pietät: Die Unfallkreuze werden in den Straßenmeistereien eingelagert und auf Nachfrage auch wieder herausgegeben.

Kreuze werden toleriert

Allerdings sind für den Bereich der Kreisstraßen und Gemeindestraßen, die nicht die staatliche Straßenbauverwaltung obliegen, die kommunalen Gebietskörperschaften verantwortlich, wie der Ministeriumssprecher betonte. In Magdeburg wird es nach Angaben eines Sprechers so gehandhabt: "Wir tolerieren die Kreuze und haben bisher auch noch keine Entfernung veranlasst." Lediglich im Zuge des Ausbaus der Bundesstraße 1 musste vor Jahren ein Kreuz aus bautechnischen Gründen weichen, wie der Stadtsprecher sagte. Entfernt wurde es nicht - nur versetzt.

Zuletzt hatte es am Sonnabend einen tödlichen Unfall in Sachsen-Anhalt gegeben. Im Harz starb dabei eine Frau.