Magdeburg l Eigentlich sollte es im Jahr 2014 eine ganz normale Vorsorgeuntersuchung der Lunge werden. Doch die Lunge von Angelika Berschneider war völlig in Ordnung. Allerdings stellten die Ärzte fest, dass ihr Herz schwer geschädigt war: Herzrhythmusstörungen, zwei Löcher. „Am Donnerstag bekam ich die Diagnose, schon am Montag musste ich ins Krankenhaus.“ Ihr wurde ein Defibrillator eingesetzt. Das automatische Mini-Elektrogerät reagiert, wenn es zum lebensbedrohlichen Herzflimmern oder -flattern kommt. Außerdem wurde ein Mitra-Clip eingesetzt, damit die Herzklappe besser schließt.

„Trotz der Eingriffe und einer Reha ging es mir ab Dezember 2014 immer schlechter. Ich konnte gerade mal zehn Meter weit laufen, dann war die Luft weg.“ Sie habe sich gesagt: „Mensch, reiß dich doch am Riemen“, erzählt die Magdeburgerin. „Aber es wurde immer schlimmer.“

Grund war die Vergrößerung ihrer linken Herzkammer und die damit verbundene Ausdünnung der Herzwände.

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Die letzte Option

Das Spezialisten-Team der Kliniken für Herzchirurgie sowie Kardiologie und Gefäßchirurgie sah keine andere Möglichkeit, als der 65-Jährigen zu erklären, dass es äußerst ernst ist und alle konservativen Mittel ausgeschöpft sind. „Ein Kunstherz sei für mich sozusagen die letzte Option. Zumindest, bis ich mit einer Transplantation an der Reihe bin“, so Berschneider. „Ich habe nicht lange überlegt, sondern sofort gesagt: ich mache es.“

Wohl auch deshalb, weil ihr Arzt kein Blatt vor den Mund genommen hatte: Wenn Sie sich dagegen entscheiden, sind Sie in vier Wochen tot.“

„Die erste Herzverpflanzung vor 50 Jahren war ein Meilenstein“, sagt Professor Jens Wippermann, der die Klinik für Herzchirurgie an der Magdeburger Universitätsklinik leitet. Aber der Trend gehe inzwischen ganz eindeutig zum Kunstherz. Und der Chef der Herzklinik, Professor Christian Braun-Dullaeus ergänzt: „Am, Ende ist diese künstliche Pumpe für die meisten Herzpatienten die letzte Möglichkeit, ihr Leben zu verlängern.“

Beide Mediziner wissen, dass es mehrere Gründe dafür gibt, warum immer weniger transplantiert wird. Wippermann: „Es gibt immer weniger Spender. Daran ist nicht zuletzt die sogenannte Zustimmungslösung in Deutschland schuld. Also der Umstand, dass Organe nur entnommen werden dürfen, wenn ein potenzieller Spender ausdrücklich zugestimmt hat.“

260 Transplantationen

Waren es 2016 deutschlandweit noch rund 400 Herzverpflanzungen sind es in diesem Jahr nur noch 260.

Der zweite Umstand sei, dass das „Ventrikuläre Unterstützungssystem – kurz VAD oder Kunstherz genannt – immer besser wird“, sagt Braun-Dullaeus.

Am Uniklinikum in Magdeburg wird traditionell nicht transplantiert. Dafür gebe es in Leipzig, Hannover und Berlin Spezialisten, so Herzchirurg Wippermann. „Das soll auch so bleiben. Wir wollen den Kollegen nicht ins Handwerk pfuschen.“

Herzzentrum notwendig

Aber was beide Herz-Mediziner anmahnen, ist der Aufbau eines Herzzentrums am Universitätsklinikum. „Es wäre wünschenswert, wenn beide Kliniken auch räumlich enger zusammenrücken können“, sagt Braun-Dullaeus. Fachlich sei das schon lange der Fall.

Seit 20 Jahren arbeiten die Herzchirurgen schon in einer „Übergangslösung“ – in Containern.

„Es ist eine politische Entscheidung“, betont Wippermann. Die hygienischen Bedingungen seien indiskutabel, zum Beispiel hätten die Vierbett-Patientenzimmer keine Nasszellen und in einem Mehrbettzimmer unter den Blicken anderer Kranker am einzigen Waschbecken zu stehen und die Toilette auf dem Flur, sei schließlich nicht jedermanns Sache. Braun-Dullaeus spricht gar von „Spitzenmedizin unter denkbar unwürdigen Rahmenbedingungen“.

„Wenn man in unserem Land eine moderne, leistungsfähige Herzmedizin haben möchte, müssen dafür auch die Voraussetzungen geschaffen werden.“ Dazu gehörten große Intensivzimmer ebenso wie gut ausgestattete Labore.

Top-Leistungen

„Trotz aller Widrigkeiten bringen beide Kliniken Top-Leistungen bei der medizinischen Versorgung“, lobt der Ärztliche Direktor Jan L. Hülsemann seine Kollegen.

Angelika Berschneider wurde am 16. April 2015 in der Herzchirurgie operiert. Sie war damit die erste Frau, die in der Uniklinik ein Kunstherz eingesetzt bekam.

Inzwischen betreuen die Magdeburger Herzmediziner 22 Patienten, denen ein sogenanntes VAD, bestehend aus einem Schlauch und einer Metallpumpe, implantiert wurde.

„Natürlich hatte ich Angst“, erinnert sich die Frau, die viele Jahre lang bei einer Wohnungsgesellschaft gearbeitet hatte. „Aber ich habe an meine Kinder und Enkel gedacht. Ich wollte einfach noch nicht von der Welt gehen.“

3160 Umdrehungen

In ihrer linken Herzkammer pumpt seit mehr als zweieinhalb Jahren ein „linksventrikuläres Unterstützungssystem“ mit 3160 Umdrehungen das Blut in ihre aufsteigende Hauptschlagader. Und die 67-Jährige fühlt sich wie neu geboren.

„Klar, als ich auf der Intensivstation lag und die Schmerzen groß waren, ich befürchtet habe, anderen zur Last zu fallen und die Angstschübe kaimen, habe ich schon das eine oder andere Mal gedacht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich aus der Narkose nicht wieder aufgewacht wäre.“ Doch heute sei sie froh, dass sie sich 2015 für das Leben entschieden habe.

„Ich fühle mich sehr gut. Es ist ein Wunder. Ich bin aktiv und versuche, ein normales Leben zu führen.“

Eine aktive Patientin

Und auch Kardio-Techniker Christoph Maeß lobt die Patientin, die sich alle drei Monate zur Kontrolle in der Herzchirurgie vorstellen muss. „Frau Berschneider ist eine sehr aktive Patientin. Sie lebt nicht für ihre Krankheit, sondern mit ihr.“

Die Magdeburgerin gehöre nicht zu den Kunstherz-Patienten, die nur zu Hause sitzen, immer dicker würden und dadurch Probleme bekämen, weil die künstlichen Pumpen überfordert würden. Und die 67-Jährige bestätigt: „Ich halte mich durch Behindertensport beim VSB 1980 fit.“

Und auch vor längeren Reisen schreckt sie nicht zurück: „Ich war schon zweimal mit der ,Aida‘ unterwegs. Auf der Ostsee und nach Norwegen.“ Natürlich sei der jeweilige Schiffsarzt darüber informiert gewesen, wer da an Bord geht. „Und auch in den Orten, die das Kreuzfahrtschiff anlief, wussten die Ärzte über mein Kunstherz Bescheid.“

Angelika Berschneider schaut zuversichtlich in die Zukunft. Sie wartet darauf, dass sie im Herzzentrum Berlin ein Spenderherz bekommt. „Bis 65 kommt man auf die Liste. Ich hatte Glück, dass ich damals gleich angemeldet wurde.“ Dann wirft sie ihre schwarze Tasche mit den Antriebs-Akkus, die zehn bis zwölf Stunden halten und dem Steuersystem für das VAD über die Schulter und fährt (natürlich selbst) nach Hause.