Magdeburg l Die Einsatzgebiete von 3D-Druck sind beinahe grenzenlos. Astronauten an Bord der ISS drucken sich Ersatzteile kurzerhand selbst. In Dubai hat ein 3D-Drucker nach 17 Tagen ein ganzes Haus ausgespuckt. Weltweit einmalig.

Mit einem Produkt aus dem Drucker ganz groß raukommen? Guter Plan, dürfte sich auch das junge Unternehmen Urwahn bei seiner neuesten Entwicklung gedacht haben. 2017 in Magdeburg gegründet und mittlerweile von zwei Investoren unterstützt, bringt Urwahn (Ur steht für Urban, wahn für wahnsinnig) nun das erste 3D-gedruckte E-Bike auf den Markt. „Das war schon länger unser Traum. So etwas gibt es weltweit in dieser Form noch nicht“, sagt einer der Firmen-Chefs, Sebastian Meinecke.

Edle Räder mit Namen wie Stadtfuchs und Platzhirsch hat Urwahn im Programm. Die elektrifizierte Platzhirsch-Variante soll nun den boomenden E-Bike-Markt aufmischen. Mehr als jedes vierte in Deutschland verkaufte Fahrrad ist schon ein E-Bike – Tendenz steigend. „Der Markt ist höchst lukrativ. Und mit dem gedruckten E-Bike wollen wir Technologievorreiter sein“, sagt Meinecke.

Kühn geformte Stahlrahmen

Klasse statt Masse, das ist der Anspruch. 4500 Euro kostet das Gefährt in der Standard-Variante. „Nicht viel teurer als ein gutes Elektrorad. Und dafür hat unser E-Bike noch Seele und Philosophie“, findet Meinecke. Die Vorbestellungen laufen, im Sommer werden die ersten E-Bikes aus dem Drucker ausgeliefert.

Produziert wird ausschließlich in Deutschland. Gedruckt wird in Dresden bei einer Firma, die normalerweise für Kunden aus der Auto- oder Luftfahrtindustrie arbeitet. Gelötet wird in Leipzig, endmontiert in Magdeburg. Das Rad hat durch den Druck keine Schweißnähte, wirkt sehr organisch. Der Akku, der eine Reichweite von 80 Kilometern ermöglicht, und die Steuerungseinheit sind in den Stahlrahmen integriert. Ein GPS-Tracker sitzt im Lenker. Nur der Antrieb kommt noch nicht aus dem Drucker. Er wird vom Spezialisten Mahle Ebikemotion in Spanien hergestellt.

Die Geschäftsräume von Urwahn verbergen sich in einem unscheinbaren zweistöckigen Haus in Magdeburg-Nordwest. Wer eintritt, atmet Start-up-Luft. Schicke Fahrräder mit markanter „Softride“-Rahmenform hängen an der Wand. An dem obligatorischen Kickertisch vorbei geht es zu den Arbeitsplätzen. Sechs Leute gehören zum Kernteam. Hier und bei den Partnern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in Kopenhagen und Rotterdam gehen die Bestellungen ein. Im unteren Geschoss des Firmensitzes befindet sich eine kleine Werkstatt. Teile und Komponenten liegen akkurat geordnet in den Regalen. Nur zwei Rahmen liegen im Augenblick bereit. Minimalismus ist Programm. Wer „On-Demand“ – also nur nach Bedarf – produziert, braucht kein großes Lager, sagt Meinecke. Dadurch bleibe man maximal flexibel. Bau- und Konstruktionspläne entstehen ohnehin am Rechner. Gedruckt werden Teile auch in der Magdeburger Werkstatt. Allerdings nur aus Plastik und zur Ansicht.

Vier bis acht Wochen dauert es in der Regel, bis der Kunde sein individuelles Rad erhält. „Wir können im Monat 20 bis 30 Bikes herstellen“. Luft, um diese Menge nach oben zu erweitern, gibt es noch. Das sei auch das Ziel für dieses Jahr.

Am Firmensitz ist auch ein Mini-Show-Room untergebracht. Wer eine Probefahrt vereinbaren möchte, kann das online tun. Momentan kommen mehr und mehr Kunden vorbei – mal aus Bayern, mal aus Norddeutschland –, sagt Meinecke. Zum Test geht es meist in den Magdeburger Wissenschaftshafen. Spätestens dann sind die meisten angefixt, sagt der Urwahn-Chef und grinst.

Um ein größeres Netzwerk zu erschließen und die Absatzzahlen in diesem Jahr zu pushen, lotet das Magdeburger Unternehmen gerade Möglichkeiten aus, einen weiteren strategischen Partner ins Boot zu holen. Einen hohen sechsstelligen Betrag haben zwei Bestandsinvestoren schon in das Unternehmen gesteckt. Sie trauen Urwahn einiges zu. Der Blick auf den Markt stimmt ebenso optimistisch.

Kunden begeistern sich verstärkt für E-Bikes

Das Bewusstsein für neue Mobilität wächst. Auch der E-Bike-Markt wird sicherlich weiter wachsen, sagt David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Für viele Hersteller dürfte der 3D-Druck in Zukunft wichtiger werden, prognostiziert der Experte. Drucken sei momentan allerdings noch nicht günstiger als die herkömmliche Fertigung und komme derzeit nur bei kleineren Serien zur Anwendung.

Die Urwahn-Macher zumindest haben genau kalkuliert. Sebastian Meinecke ist optimistisch, dass der elektrifizierte Platzhirsch und die Urwahn-Räder in Kürze richtig durchstarten. In einigen Jahren möchte er die Fahrräder aus Magdeburg auf allen Kontinenten herumdüsen sehen, sagt er. Das Portfolio des Unternehmens soll genauso wachsen wie das Team. Meineckes Vision: Wenn die Schlagworte „3D-Druck“ und „Fahrrad“ fallen, sollen die Leute sofort an „Urwahn“ denken.