Magdeburg l Im ersten von Marco Tullner (CDU) als Bildungsminister verantworteten Schuljahr droht nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW in vielen Schulformen eine historisch schlechte Unterrichtsversorgung, verbunden mit häufigeren Ausfällen als vor den Sommerferien. Die Personalausstattung werde entgegen der Ankündigung des Bildungsministers nicht besser, sondern knapper sein als im vergangenen Schuljahr, sagte Vorsitzende Eva Gerth.

Grundschulen warnen vor massiven Problemen

„Eine solche Situation hatten wir an den allgemeinbildenden Schulen noch nie“, fügte sie hinzu. „Wir haben Angst davor, wie das neue Schuljahr anlaufen soll. Es wird chaotisch werden“, fürchtet auch Claudia Diepenbrock, Vorsitzende des Sekundarschul-verbandes. Der Grundschulverband warnt ebenfalls vor massiven Problemen. „Die wenigsten Schulen sind auskömmlich ausgestattet“, sagte Vorsitzende Thekla Mayerhofer. Für ihre Annahmen führen die Lehrerverbände mehrere Gründe auf:

• So konnte das Landesschulamt von 370 im Frühling ausgeschriebenen Stellen 100 bis jetzt nicht besetzen. An Förderschulen etwa seien es nur 18 von 36 gewesen.

• Laut Grundschulverband werden zweitens 2500 Schüler mehr an den Grundschulen erwartet, weil deutlich mehr Kinder eingeschult werden, als die vierten Klassen verlassen. Ihnen stehe kein entsprechender Zuwachs an Lehrern gegenüber. Im Gegenteil: Das Bildungsministerium habe den bisher geltenden Personalbedarf der Schulen rechnerisch sogar abgesenkt und spare damit Lehrer ein.

Skepsis bei Koalitionspartnern

• Drittens sind laut GEW seit Amtsbeginn des Bildungsministers zwar 900 Lehrer eingestellt worden, gleichzeitig aber ebenso viele Kollegen ausgeschieden. Das Land habe zudem die Verträge von 180 Sprachlehrern nicht verlängert. Viele von ihnen hätten im vergangenen Jahr noch den Unterricht mitabgedeckt, sagt Eva Gerth.

• Nicht zuletzt hätten viele Pädagogen wegen Lehrermangels bereits im vergangenen Schuljahr zahlreiche Überstunden angehäuft, die spätestens im laufenden Schuljahr abgebaut werden müssen.

Skeptisch beobachten auch auch die Koalitionspartner die Entwicklung: „Die Sorgen der Lehrerverbände teilen wir“, sagte SPD-Fraktionschefin Katja Pähle. Man brauche jetzt sehr schnell eine flexible Neuausschreibung der freien Stellen und einen Maßnahmenplan, um schnell Quer- und Seiteneinsteiger zu gewinnen. Wolfgang Aldag, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, warnte vor einer „Bruchlandung“ im neuen Schuljahr und forderte verlässliche Zahlen aus dem Bildungsministerium. Thomas Lippmann, bildungspolitischer Sprecher der oppositionellen Linken, kritisiert den Verzicht des Bildungsministers auf die Veröffentlichung von Zahlen vor Schuljahresbeginn, wie in den vergangenen Jahren üblich. Tullner verantworte den „schlechtesten Start in ein Schuljahr“ und wolle Fakten verschweigen, sagte er.

Minister: Versorgung stabiler als zuletzt

Marco Tullner weist Kritik zurück: „Wir werden stabiler als im letzten ins neue Schuljahr starten“, sagte er. Zahlen zur Unterrichtsversorgung würden nach Schulbeginn gemessen, eine Prognose sei unseriös. Aktuell geht das Bildungsministerium demnach beispielsweise von 2500 bis 3000 Schülern mehr aus als im vergangenen Schuljahr (174.000). Durch Doppelanmeldungen könnte die Zahl aber noch sinken. Offen gebliebene Stellen will der Bildungsminister mit zwei Ausschreibungen im September und Dezember besetzen.

Unterstützung bekommt Tullner vom Chef des Philologenverbands, Thomas Gaube: Der Bildungsminister bemühe sich die Lage zu verbessern, sagte er. Er könne aber nicht die Versäumnisse der vergangenen Jahre auf einen Schlag beheben.