Das Festival auf einen Blick

Das Festival findet vom 14. bis 16. Juni statt. Eröffnet wird es am Freitag um 16 Uhr. Abends gibt‘s Musik mit den Spielleuten des SV Germania Gernrode, „Belitzki“ und „Karlsson“.

Herzstück des Festivals ist die Kunst-Ausstellung mit zehn Künstlern ganz verschiedener Genres wie Bildhauerei, Film, Malerei, Fotografie. Außerdem Ausstellung „Eine Schule. Zwei Geschichten“ des Vereins Forum Großer Ziegenberg.

Sonnabend, 15. Juni, gibt es jeweils 10.30 Uhr und 15 Uhr das Theaterstück „Ich will das, was du nicht willst“, jeweils 12 und 16.30 Uhr die Buchlesung „Verführte Elite im Harz“. 15 Uhr beginnt „Eisenhans“ mit Kerstin Reichelt und 16 Uhr „Die Fahne von Kriwoj Rog“, gespielt von Benjamin Zock. Beides sind Theaterstücke für Erwachsene. Zudem: Auftritte von Performance-Künstlerinnen. Ab 22 Uhr ist Hokus Pokus auf dem Zauberberg mit DJs auf verschiedenen Floors.

Sonntag ist ab 10 Uhr Bürgerpicknick mit Bürgerfrühstück und Flohmarkt, jeweils 10.30 und 15 Uhr „Angst vor gar nix?“, eine Buchlesung für Kinder. 15 Uhr: Vortrag „Auf dem Land nix los!“.

Ballenstedt l Manch Wanderer, der den Abzweig ins Selketal verpasst, hat sich schon auf dem weiten Areal des Großen Ziegenbergs verlaufen. Dort, mitten im Wald und hoch über Ballenstedt, zwitschern die Vögel. Alles ist sattgrün und dicht. Am Ende einer schmalen Asphaltstraße öffnet sich der Wald und gibt den Blick frei auf monumentale, geradlinige, symmetrische Bauten. Man steht vor einem riesigen Komplex, den die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren als Ausbildungsstätte erbauen ließen. Es war eine der sogenannten Nationalpolitischen Bildungsanstalten, die kurz „Napola“ genannt wurden. Hier lernte die Elite des „Dritten Reiches“, später zu DDR-Zeiten Tausende Genossen. Die „Napola“ wurde nur wenige Jahre nach Kriegsende SED-Parteischule und wieder eine Kaderschmiede. Die Räumlichkeiten passten – nur der Appellplatz erhielt Sitzbänke und eine Bepflanzung.

Längst wuchern Gras und Unkraut, sind manch kaputte Glasfenster nur notdürftig mit Spanplatten geschlossen. In den langen Gängen im einstigen Lehrgebäude bröckelt der Putz. Leerstand pur. Am Wochenende aber wird sich das ändern. Der Ballenstedter Verein „Heimat bewegen“ hat sich gemeinsam mit dem Magdeburger Kulturprofi Karsten Steinmetz eine ganze Menge vorgenommen für die Belebung des geschichtsträchtigen, ideologisch geprägten Ortes. Drei Tage werden Kunst und Kultur einziehen.

Verfallenen Bauernhof reaktivieren

Wenn man der Ballenstedterin Anneke Richter vom „Heimat bewegen“-Verein sagt, das sei mutig, was sie mit ihren Vereinsmitgliedern (es sind 28 an der Zahl) stemmt, schaut sie einen etwas verdutzt an. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, gibt sie zur Antwort und erzählt von den Orten für Dialog, auf den der Verein seit seiner Gründung Ende 2017 so sehr setzt. Mitten in Ballenstedt reaktivieren die Mitglieder schon einen verfallenen Bauernhof. Gedacht wird auch an generationsübergreifendes Wohnen. „Wir wollen den ländlichen Raum gestalten. Wir wollen den Menschen sagen: Ihr habt hier Perspektiven“, meint die 42-Jährige. Wenn man mit ihr spricht, fallen Wörter wie Visionen, Heimat, Zukunft, Miteinander der Generationen. Der Verein ist Neuland-Gewinner der Robert-Bosch-Stiftung, ein Programm, das auf Lebensqualität in Dörfern und Kleinstädten Ostdeutschlands setzt.

Anneke Richter arbeitet in Magdeburg. Die Universität ist Arbeitsplatz der Medienwissenschaftlerin. Die Ballenstedterin ist fast täglich in der Landeshauptstadt mit all der Hektik, aber auch dem jungen Unileben.

Und Ballenstedt? Der Ort ist schön saniert, das Schlossensemble, der Marktbereich. Der Ort am Nordharzrand kann sich wahrlich sehen lassen. Aber man sieht eben auch die heruntergezogenen Rollos, Leere in manchen Schaufenstern, eine oft menschenleere Innenstadt. „Heimat bewegen“, so sagt Richter, setze da an, will Räume schaffen zum Wohlfühlen, zur Identitätsfindung. Das Projekt auf dem Großen Ziegenberg gehöre mit dazu. „Kunstkurort Zauberberg“ ist es überschrieben.

Inszenierung des gesamten Areals

Es wird Musik, Lesungen Theater, Performances, Workshops, Angebote für Familien geben. Am Sonntagvormittag ein Bürgerpicknick. 90 Kulturschaffende sind geladen, allein zehn Künstler wie der Fotograf Hans-Wulf Kunze, der Formgestalter Ulrich Wohlgemuth, der Bildhauer und Maler Thomas Andrée. Sie bekommen in außergewöhnlichen Räumen ein Atelier auf Zeit. Vor der Tür gibt es Bühnen. „Wir wollen das gesamte Areal inszenieren“, sagt Anneke Richter.

Um Künstler ins Boot zu holen, gab es den Zusammenschluss mit dem Magdeburger Verein Kulturanker um seinen festivalerfahrenen Vorsitzenden Karsten Steinmetz. Steinmetz ist nicht nur gut vernetzt, er hat beste Erfahrungen, verlassene Orte mit Kunst zu beleben. Sein Verein hatte unter anderem den einstigen Knast in Magdeburg und das Altstädtische Krankenhaus in riesige Ausstellungshäuser verwandelt. Steinmetz kennt sich aus mit den organisatorischen Herausforderungen. Parallel zur Mitorganisation in Ballenstedt plant sein Verein längst das „Kunstfest der Moderne“. Ab 13. September wird die Stadthalle in Magdeburg zum Kunstraum.

Sein Verein half bei der Akquise, bei Fördergeldanträgen, sagt er. Unter die Arme griff auch der „Rockharz“-Veranstalter. Für den jungen Ballenstedter Verein seien diese Zusammenarbeiten ein Glücksgriff gewesen, meint Richter mit Blick auf die vielen Anträge, die Fördergeldeinwerbung von Land, Bund, Stiftungen, Unternehmen. Die Nutzungserlaubnis von zwei chinesischen Investoren, die auf einem Teil des Geländes in Zukunft wohl traditionell chinesische Gesundheitsangebote planen, musste eingeholt werden. Und dann das Mühen um Strom und Wasser. Schließlich ist auch die Infrastruktur aus dem Dornröschenschlaf zu holen.

Führungen durch Gebäude

Dem Verein „Heimat bewegen“ geht es um Zukunft, aber auch um das Erinnern. Der Ort als Zeitzeugnis verschiedener politischer Systeme wird Baustein im Wochenende. Vom Verein Forum Großer Ziegenberg gibt es eine Ausstellung sowie Führungen durch die Gebäude. Im Haupthaus mit dem großen Veranstaltungssaal ist trotz des Verfalls typischer DDR-Charme erlebbar. Vom Turm hat man den besten Blick auf das Areal mit den Flügelbauten, die einst als Wohnheime dienten und architektonisch an zwei Runen-S erinnern.

1936 war Baubeginn für die Nazi-Schule. Hitlers Lieblingsneffe Heinrich wurde dort gedrillt. Hitler soll es auch gewesen sein, der den Turm am Lehrgebäude anbauen ließ. Er ragt aus den Baumwipfeln empor und erinnert von weitem an einen Glockenturm. Glocken gibt es aber nicht, überhaupt hatte der Turm bei den Nazis keine Nutzung, er sollte nur höher sein als das askanische Schloss- ensemble auf der anderen Seite Ballenstedts. Später nutzte die Staatssicherheit die Höhe.

Kunstkurort Zauberberg

Anneke Richter läuft über das Gelände. Am Freitag beginnt das Festival. Die drei Tage sollen der Start sein für das Projekt Kunstkurort Zauberberg, das 2020 weitergehen soll. „Wenn alles klappt“, sagt die Ballenstedterin. „Die Premiere muss erst einmal gelingen. Und das Wetter muss mitspielen.“

Der Wetterbericht sagt Kaiserwetter bei besten Festivaltemperaturen mit Sonne satt voraus.