Magdeburg l Sie leben noch immer zwischen den Welten – die „Madgermanes“. So werden im ostafrikanischen Mosambik all diejenigen genannt, die nach 1979 zur Arbeit in die DDR geschickt wurden. Es kam ihnen vor, als würden sie von der Hölle in den Himmel wechseln. Zuhause Bürgerkrieg mit Tod und Zerstörung, in Ostdeutschland ein Leben in dem Komfort, den das Gastland eben zu bieten hatte. Dafür mussten die Mosambikaner hart arbeiten, was der DDR-Wirtschaft an Know-how fehlte, sollte mit Muskelkraft ausgeglichen werden.

Die Erinnerung daran ist noch heute wach in Mosambik und steigert sich zu einer Verklärung, die von Jahr zu Jahr ein Stück zulegt. Mit dem Ärger über das Unrecht, das den ehemaligen Vertragsarbeitern widerfahren ist, verhält es sich ähnlich.

Einen Teil ihres Lohnes sollten sie in der DDR erhalten, den Rest in Mosambik. Doch darauf warten sie, wie der Rückkehrer José Alfredo Cossa, bis heute vergeblich. Sein Schicksal und das seiner Kameraden bewegt den Fotografen und Filmemacher Malte Wandel.

Bilder

Rückkehrer protestieren

Wandel hat die Verbitterung von Cossa, der im thüringischen Zeulenroda lebte und arbeitete, in seinem Bildband „Einheit, Arbeit, Wachsamkeit“ aufgezeichnet: „Die deutsche Regierung sagt, sie hätte alles Geld nach Mosambik überwiesen. Die Frage ist, wie viel hat die deutsche Regierung überwiesen? Auf welches Konto hat sie es überwiesen? Wenn sie jemandem das Geld überwiesen hat, wie heißt der Mann? Gibt es Dokumente, die beweisen, dass die Regierung es überwiesen hat?“ Genau daran krankt es. Die Regelung sah vor, dass zunächst 25, später 60 und nach 1988 40 Prozent des Lohnanteils der Mosambikaner, der über 350 DDR-Mark lag, einbehalten wurden. Die Vertragsarbeiter sollten das Geld bei ihrer Rückkehr erhalten.

Nichts geschah. Die einkassierten Prozente dienten zum Schuldenabbau des bettelarmen Landes. Bis heute schuldet die Regierung Mosambiks den ehemaligen Vertragsarbeitern mehr als 90.000 US-Dollar an Lohngeldern und Sozialversicherungsbeiträgen.

Cossa und andere „Madgermanes“ (Bedeutung: die, die in Deutschland gearbeitet haben; frotzelnd abgeleitet von Made in Germany) haben das nie klaglos hingenommen. Von deutschen Behörden wurde ihnen versichert, das Geld sei nach Mosambik überwiesen worden. Von der eigenen Administration in Maputo aber bekamen sie nur Polizeiknüppel zu spüren. 2010 versuchten die wütenden Ex-Vertragsarbeiter gar das mosambikanische Parlament zu stürmen. Die „Madgermanes“ bleiben Außenseiter der mosambikanischen Gesellschft.

Hans-Joachim Döring vom Kreyssig-Zentrum der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland beklagt: „30 Jahre nach der friedlichen Revolution ringen die ehemaligen mosambikanischen Werktätigen der DDR immer noch um Respekt und Anerkennung. Während in der deutschen Öffentlichkeit heftige Debatten um die Höhe der DDR-Elite-Renten geführt werden, demonstrieren wöchentlich Vertragsarbeiter oder ,Madgermanes‘ in der mosambikanischen Hauptstadt für minimale Rentenansprüche, die ihnen verwehrt werden.“

Döring spricht von Menschen, „die durch System­brüche und systematischen Betrug staatlicher Stellen in der DDR und in Mosambik zu einer Opfergruppe wurden, der bisher Respekt und Anerkennung verwehrt wurde.“ Die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, findet, dass „Solidarität und die Völkerfreundschaft der DDR“ bis heute überbewertet würden. „Spätestens seit 1977 wurde internationale Solidarität gegenüber ausgewählten Entwicklungsländern den erheblichen kommerziellen Interessen der DDR untergeordnet.“

Bund muss intervenieren

Der Versuch der historischen Aufarbeitung allein hilft den „Madgermanes“ allerdings nicht weiter. Sie wollen ihr Recht in Form des ihnen zustehenden Geldes. Das traurige Kapitel wird ohne weitere Intervention der Bundesregierung bei den Mächtigen im afrikanischen Maputo nicht zu schließen sein. Der Afrika-Beauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, kann beweisen, dass dieser Posten mehr als ein Alibi ist. Gute Worte gab es genug.