Magdeburg l Das „Organ für das werktätige Volk von Magdeburg und Umgebung“ begann im deutschen Kaiserreich bescheiden. Die SPD-Zeitung Volksstimme startete nach einer Probeausgabe am 15. Juni 1890 offiziell zwei Wochen später mit einer Auflage von 2000 Exemplaren. Sie erschien aber sechsmal in der Woche und sicherte sich ihren Platz in der mitteldeutschen Medienlandschaft, zum Ärger der Monarchisten.

Die deutsche Sozialdemokratie war nach dem Fall der Sozialistengesetze im Aufwind, was der Volksstimme ordentlich Leser brachte. Vor dem Ersten Weltkrieg erreichte die Auflage bereits beachtliche 34  000 Exemplare.

Die Nazis verboten 1933 die sozialdemokratische Volksstimme. Die Presse wurde gleichgeschaltet.

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Nach Deutschlands finsterster Zeit gab es von 1947 an wieder eine Volksstimme aus Magdeburg. Der Herausgeber war nicht mehr die SPD, sondern die SED. Deren Bezirksorgan wurde die Volksstimme nach Auflösung der Länder 1952.

Zwischen den Zeilen lesen

Doch die SED-Herrschaft stand noch auf wackligen Beinen. Am 17. Juni 1953 kam es zu Streiks und Demonstrationen gegen Normerhöhungen und Diktatur. „Der Spitzbart muss weg“ riefen die Protestler und meinten Parteichef Walter Ulbricht. Auch ins Volksstimme-Hochhaus in Magdeburg drangen Demonstranten ein. Der Chefredakteur bezog Prügel – ansonsten ging der Händel glimpflich ab. Sowjetpanzer schlugen den Volksaufstand schließlich nieder.

Die DDR konsolidierte sich, die Volksstimme blieb eine der wichtigsten Informationsquellen im Bezirk Magdeburg – trotz SED-Propaganda. Insbesondere die Lokalseiten, der Sportteil und Kulturberichte fanden neben dem Anzeigenteil ihre Leserschaft. „Zwischen den Zeilen zu lesen“ – darin entwickelten auch die Menschen zwischen Harz und Havel eine wahre Meisterschaft.

Schließlich wurde wieder auf den Straßen in Magdeburg, Stendal oder Halberstadt protestiert, im historischen Herbst 1989. Und wieder forderten Demonstranten eine freie Presse – sprich eine unabhängige Volksstimme. Diesmal mit Erfolg. Redakteure, Drucker und Verlagsmitarbeiter zogen mit: Das Blatt sagte sich am 15. Januar 1990 von der SED-Herausgeberschaft los und erschien fortan als unabhängige Tageszeitung für den Bezirk Magdeburg.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands zog auch im Osten die Marktwirtschaft ein. Die Zeitung musste finanziert werden.

Die Treuhand bot die ostdeutschen Bezirkszeitungen an, für die Volksstimme erhielt der Hamburger Heinrich-Bauer-Verlag, heute Bauer Media Group, den Zuschlag. Es flossen Investitionen von Hunderten Millionen DM für die notwendige Modernisierung. Zunächst wurde Offsetdruck eingeführt. Dann flossen Millionen in ein neues Druckzentrum vor den Toren Magdeburgs. Seit 1995 wird die Volksstimme in dem markanten Bau an der A 2 gedruckt, 1998 zog auch die Zentralredaktion nach Barleben. Lokalredaktion Magdeburg und Verlagsleitung blieben im Hochhaus in der Bahnhofstraße.

Um das Blatt herum, das sich als volksstimme.de und E-Paper digital erweitert hat, entstand die Mediengruppe Magdeburg unter anderem mit dem General-Anzeiger, der 30. Geburtstag feiert, und der Biberpost, die in diesem Jahr 20 Jahre alt wird. Über alle Marken erreicht die Mediengruppe jede Woche mehr als 600.000 Haushalte.