Magdeburg l Seit Jahren lebt die ältere Dame im Haus ihrer Kinder. An diesem Abend steht sie plötzlich mit Koffer und Wintermantel im Flur: „Ich fahre nach Hause zu meinen Eltern“, sagt die 78-Jährige. Die Familie blickt sich fassungslos an. „Was hat Oma denn?“, fragen die Enkelkinder.

Die Antwort: Die Großmutter leidet an der Alzheimer-Krankheit, einer tückischen und zugleich besonders häufigen Form der Demenz. Fast neun Prozent aller Europäer im Alter über 65 Jahre waren Ende 2018 betroffen.

Bundesweit entspricht das bis zu 1,9 Millionen Erkrankten. Trotz intensiver Forschung gibt es bislang keine zugelassenen Medikamente, die die Krankheit des Vergessens wirksam aufhalten könnten. Die Alzheimer-Erkrankung verkürzt die Lebenszeit dabei teils erheblich.

Wegen einer immer älter werdenden Bevölkerung nehmen die Zahlen auch in Sachsen-Anhalt zu. Fast 50 000 Menschen in der Gruppe der über 65-Jährigen waren nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft zuletzt zwischen Arendsee und Zeitz an einer Demenz erkrankt – viele von ihnen an Alzheimer.

Die Erkrankung führt dabei zunächst zu Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis, später raubt sie Betroffenen selbst Fähigkeiten und Erinnerungen, die diese ihr Leben lang besaßen – für Patienten und Angehörige oft eine kaum zu ertragende Tragödie.

Ganz hoffnungslos ist die Lage indes nicht. Das ist eine der positiven Botschaften, wenn heute rund um den Globus Organisationen wie die Alzheimer-Gesellschaft den Welt-Alzheimertag begehen:

● Medikamente: „Im Idealfall könnte es schon bald – zumindest auf dem amerikanischen Markt – ein Medikament gegen die Erkrankung geben“, sagt Emrah Düzel, Sprecher des Magdeburger Standorts des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

Die zuständige Behörde (die U. S. Food and Drug Administration) prüfe derzeit eine Zulassung, sagt Düzel. Zum Einsatz kommen dabei Antikörper. Der Mechanismus: Die Wirkstoffe lösen schädliche Ablagerungen der Proteine Amyloid und Tau an den Zellen des Gehirns auf. Nach allem, was man heute weiß, sind diese Ablagerungen maßgeblich am verhängnisvollen Gedächtnisverlust beteiligt. „In Studien haben die Antikörper die Protein-Plaques auf Bildaufnahmen nahezu verschwinden lassen“, sagt Düzel.

Einsetzbar wäre das Medikament vor allem in der Frühphase der Erkrankung – also noch bevor deutliche Demenz-Symptome auftreten. Was Antikörper nicht leisten könnten, sei eine bereits geschädigte Gehirnleistung zu regenerieren, sagt Düzel. Auch wenn deutliche Symptome schon bestehen, brauche es andere Wirkstoffe. Auch daran arbeite die Forschung aber.

● Diagnose-App: Einen weiteren Ansatz – in enger Abstimmung mit der Forschung an DZNE und Uniklinik – verfolgt das Startup „neotiv“. 2017 als Ausgründung der Uni von vier Magdeburger Gründern ins Leben gerufen, hat das Unternehmem ein „Programm zur Unterstützung der Diagnose von Gedächtnisproblemen entwickelt“, wie Julian Haupenthal, einer der Gründer, sagt.

„Mit der Handy-App werden sich Probleme des Gedächtnisses im Kontext der Alzheimer-Erkrankung zuverlässiger als bislang diagnostizieren lassen“, ergänzt Haupenthal.

Das Prinzip: „Das Programm zeigt dem Handynutzer über einen längeren Zeitraum regelmäßig beispielsweise Bilder oder Räume, die dieser sich merken muss und die später abgefragt werden“, so Haupenthal. Die Daten werden gespeichert und nach Abschluss der Tests ausgewertet.

Der Vorteil: Während übliche Testungen in der Arztpraxis oft einmalig erfolgen und meist auf Symptome einer fortgeschrittenen Demenz zugeschnitten sind, ermöglicht die App eine in den Alltag integrierbare Messung über Wochen. Die Methodik wurde mit Experten der Uni und des DZNE entwickelt. Nach groß angelegten Studien könnte die App 2021 auf den Medizinmarkt kommen – „gewissermaßen als App auf Rezept“, sagt Haupenthal.

Für Ärzte und Patienten dürfte die Methode zu mehr Sicherheit bei der Diagnose führen, glaubt der Gründer. Dem Medizinstandort Magdeburg hat das Startup bereits heute 22 Arbeitsplätze für Hochqualifizierte beschert.

● Sport und Lernen: Kann der Einzelne etwas tun? Möglicherweise – ein Großprojekt der Uni Magdeburg untersucht aktuell die Effekte von Sport und geistiger Anregung durch Lernen auf die Erkrankung. In einem EU-Forschungsprojekt konnten Wissenschaftler unter Leitung des Teams um den Magdeburger Physiologen Volkmar Leßmann zuvor bereits zeigen, dass Sport und Lernprozesse den Ausbruch einer Demenz bei Mäusen verzögern kann. Positiv auswirken könnte sich auch Ernährung: Dunkle Schokolade und Blaubeeren etwa gelten als förderlich für die Gesundheit des Gehirns.

Beratungen zum Thema bietet die Alzheimer-Gesellschaft Sachsen-Anhalt auf an, mehr Informationen hier.