Stendal l 3. Mai 2015. Tobias Gerlach sitzt gerade bei der Jugendweihe-Feier im Familienkreis, als er einen Anruf erhält. Ein Kind wollte bei einer Grillfeier im Wald zusammen mit anderen Kindern Holz suchen und wird nun vermisst. „Ich kann mich noch wie heute an den Fall erinnern“, sagt Gerlach. Die folgenden 26 Stunden ist Gerlach Einsatzleiter für die DRK-Rettungshundearbeit, fordert Kräfte aus allen Teilen des Landes an. 24 Rettungshunde und 56 DRK-Einsatzkräfte suchen nach der vermissten Inga.

Mit Kräften der Polizei und Feuerwehr suchen insgesamt 500 Menschen nach dem Mädchen. Erfolglos. Bis heute wird das Mädchen vermisst. „So ein Fall hängt einem nach“, sagt Gerlach, der sich seit 2009 beim DRK engagiert, Landesfachberater für Rettungshundearbeit in Sachsen-Anhalt ist und seit 2016 die DRK-Rettungshundestaffel „Östliche Altmark“ leitet.

Mantrailing

In zwei Wochen absolviert Gerlach zusammen mit Scout, seinem eineinhalbjährigen Hannoverschen Schweißhund, die Prüfung zum Rettungshundeführer für Mantrailing. Im Gegensatz zur Flächensuche, bei der der Hund ein bestimmtes Waldgebiet nach menschlicher Witterung absucht, wird dem Hund beim Mantrailing ein Geruchsgegenstand einer bestimmten Person präsentiert, welchen er dann anhand des Individualgeruches verfolgen kann.

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Auch Fabienne Bögel, Leiterin der Rettungshundestaffel Schönebeck, ist an diesem Abend nach Stendal gekommen, um mit ihrem dreijährigen Beagle Pico für die Prüfung in zwei Wochen zu trainieren. Neben einem Theorieteil erwartet Bögel und ihren Hund damit auch eine anspruchsvolle Praxis-Prüfung, bei der Pico einen mindestens 24 Stunden alten Trail von 2,5 km Länge innerhalb einer Zeit von maximal 80 Minuten abgesucht und die Person am Ende korrekt angezeigt haben muss.

Corona-Pause erschwert Prüfungsvorbereitung

Gerade pustet Bögel Seifenblasen in die kalte Stendaler Abendluft, um zu sehen wie der Wind steht. Damit unterstützt Bögel ihren Hund bei der Geruchsaufnahme und bestimmt, wo sich der menschliche Geruch sammeln könnte. Sobald die Windrichtung ausgemacht ist, hat Bögel ihre Startposition ermittelt und zieht einen kleinen Plastikbeutel aus der Tasche. Inhalt: eine Atem-Schutz-Maske, der Geruchsträger. „Und, such“, weist Bögel ihren Hund an. „Wir haben den Geruch aufgenommen“, schreit Bögel in Richtung Gerlach.

Mit schnellen Schritten bewegt sich Pico vorwärts, immer der Spur nach. Wenige Minuten später findet Pico die versteckte Person hinter dem Gebäude. „Prima, das hast du gut gemacht“, ruft Bögel ihrem Vierbeiner zu.

Geruchsvernarrt

Die 37-Jährige ist zufrieden. Drei Wochen musste Pico zuletzt krankheitsbedingt pausieren. Zudem ermöglichte die Corona-Pause kein Gruppentraining zwischen März und Juni. „Das merkt man den Hunden dann schon an“, erzählt Bögel. Ein Hund in ihrer Rettungshundetstaffel hat in dieser Zeit alles verlernt. „Da mussten wir wieder bei Null anfangen“, sagt Bögel, die auch Ausbildungsanwärterin ist.

Bereits seit 2017 bereiten sich Bögel und der sechsjährige Pico auf die anspruchsvolle Mantrailing-Prüfung vor. Zunächst wollte Bögel ihren Hund als Flächenhund ausbilden lassen, doch der geruchsvernarrte Jagdhund war prädestiniert für das Mantrailing. „Sobald er einen Geruch aufgenommen hat, bekommt er die Nase nicht wieder hoch“, erzählt Bögel. Pico ist mit seinen sechs Jahren ein Spätzünder.

Jeder Hund kann Rettungshund werden

Denn: Grundsätzlich kann jeder Hund Rettungshund werden. Lernbereite, arbeitswillige und agile Hunderassen eignen sich besonders gut für die Ausbildung. Neben der sozialen Verträglichkeit mit Artgenossen und fremden Menschen ist aber eben auch das Alter der Hunde entscheidend. Die Hunde dürfen zur ersten bestandenen Prüfung maximal sechs Jahre alt sein. Insgesamt engagieren sich in Sachsen-Anhalt derzeit 76 Ehrenamtliche in den fünf DRK-Rettungshundestaffeln – entweder als angehende bzw. bereits ausgebildete Rettungshundeführer oder Suchgruppenhelfer.

Auch Andreas Speck, Leiter der Rettungshundestaffel in Salzwedel, ist an diesem Abend beim Training. Er engagiert sich bereits seit elf Jahren in der DRK-Rettungshundestaffel und hat erst am vergangenen Wochenende zusammen mit seinem Labrador Mex erfolgreich die Flächenprüfung bestanden. Alle zwei Jahre müssen Rettugshundeführer beim DRK erneut eine Prüfung bestehen. Auch Speck trainiert mehrmals wöchentlich mit Mex. Das Wichtigste dabei: Das Vetrauen zwischen Mensch und Hund. „Das wird in jedem Fall gestärkt, wenn man sich so intensiv mit seinem Hund beschäftigt“, sagt Speck. „Und ich habe einen ausgelasteten Hund, der sich wohlfühlt.“