Magdeburg l Die schlechten Nachrichten am Weltnichtrauchertag, der diesmal unter dem Motto „Tabakkonsum und Lungengesundheit“ steht, zuerst: 2018 starben in der Europäischen Union rund 430.000 Menschen an Lungenkrebs, in Sachsen-Anhalt sind es jährlich 1200 Frauen und Männer. Acht von zehn Fälle waren nach Angaben des Gemeinsamen Krebsregisters der ostdeutschen Bundesländer auf das Rauchen zurückzuführen. Genauso bedenklich ist, dass Passivrauchen das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken, deutlich erhöht. Schätzungen gehen von jährlich über 3 300 Todesfällen in Deutschland unter Nichtrauchern aus.

Doch es gibt auch Fakten, die belegen, dass sich spätestens seit Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes in Sachsen-Anhalt 2008 einiges zum Guten gewendet hat. So ist der Anteil der Raucher unter den 15- bis 25-Jährigen erstmals seit Jahren rückläufig, wie das Statistische Landesamt aus dem Mikrozensus 2017 schließt. Seit der letzten Befragung 2013 hat sich der Anteil in dieser Altersgruppe um 39 Prozent verringert. Damit griff nur noch jeder fünfte junge Mensch im Land zum Glimmstängel. Der Anteil der Raucher in Sachsen-Anhalt insgesamt sank von 27,9 Prozent (2013) auf 24,8 Prozent (2017).

Mehr Kontrolle nötig

„Der leichte Rückgang bei der Gruppe der jüngsten Raucher im Land ist zwar ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber längst noch kein Grund zur Entwarnung. Denn insgesamt liegen wir immer noch über dem Bundesdurchschnitt“, sieht die Leiterin der Landesstelle für Suchtfragen, Helga Meeßen-Hühne, Licht und Schatten. „Wenn ich beispielsweise sehe, wie viele Kinder und Jugendliche, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen müssen, dem blauen Dunst an Haltestellen schutzlos ausgesetzt sind, dann ist noch viel Luft nach oben“, so die Suchtexpertin, die zudem nicht müde wird, mehr Überprüfungen durch die Kommunen einzufordern: „Ein Nichtraucherschutzgesetz ohne Kontrolle ist nicht viel wert.“

Dazu erklärt Michael Reif, Sprecher der Landeshauptstadt, in der es über 80 Kneipen, Gaststätten, Bars und Restaurants gibt, auf Volksstimme-Anfrage: „Unser Ordnungsamt hat 2018 65 Gaststättenkontrollen vorgenommen. Fünf Kontrollen erfolgten aufgrund von Hinweisen auf Verstöße gegen das Nichtraucherschutzgesetz des Landes.“ 2019 gab es bislang 29 Kontrollen. Geahndet wurden im Vorjahr zwei Verstöße, 2019 bislang drei. Reif: „Für Magdeburg kann insgesamt festgestellt werden, dass der Nichtraucherschutz in Gaststätten mittlerweile auf eine breite Akzeptanz stößt.“

Eine kleine Umfrage der Volksstimme zum Thema ergab folgendes Bild: Im Espresso-Kartell in Magdeburg wird nur draußen auf der Terrasse geraucht. „Es gab anfangs auch einen separaten Raucher-Raum, aber der wird schon seit Jahren nicht mehr genutzt“, erzählt Mitarbeiterin Maria Schupochka. Inzwischen hätten sich die Raucher daran gewöhnt, dass sie „außen vor“ sind. „Da beschwert sich keiner mehr. Außer vielleicht, wenn es frostig ist.“ Für sie und die anderen Angestellten habe die rauchfreie Zone nur Vorteile: „Das Gros der Gäste findet es gut so, und auch vom Arbeiten her ist das natürlich viel angenehmer und gesünder.“ Und wie sieht es mit den Kontrollen durchs Ordnungsamt aus? „Ich bin seit vier Jahren dabei und habe nicht eine einzige Kontrolle erlebt.“

Die Cocktailbar „One“, mitten in der Landeshauptstadt, hat zwei getrennte Räume für Raucher (100 Plätze) und Nichtraucher (40). Seit acht Jahren arbeitet Christian hier. In der Zeit habe er nur eine offizielle Kontrolle erlebt. Für ihn ist das Nichtraucherschutzgesetz trotz der „Lockerung“ vor zehn Jahren „nach wie vor ein Gesetz, das Raucher diskriminiert“. Einen Erwachsenen in seinem Persönlichkeitsrecht einzuschränken „und vorzuschreiben, wann und wo er rauchen darf, ist grenzwertig. Und der Gastronom muss sehen, wo er bleibt“. Denn nicht zuletzt habe das Ganze auch Auswirkungen auf den Umsatz: „90 Prozent unserer Kundschaft sind Raucher und es „schmerzt zu sehen, dass es im Raucherbereich manchmal brechend voll und im Nichtraucherbereich leer ist“.

Bevormundung durch Gesetz

Clint Montag betreibt seit 2010 in Halberstadt das „ARS Videndi“. Der Club ab 21 Jahren hat ebenfalls einen getrennten Nichtraucher- und Raucher-Bereich. Letzterer ist deutlich kleiner. „Anfangs hat uns das neue Gesetz Gäste und Umsatz gekostet. Viele haben geschimpft, einige kamen nicht wieder. Heute gehen die meisten freiwillig raus zum Rauchen“, so der Disko-Betreiber. Das Gesetz ist und bleibe für ihn aber ein Reizthema: „Ich bin kein Freund von Bevormundung. Die Entscheidung, ob man eine Raucher- oder Nichtraucher-Kneipe betreiben will, sollte doch jedem Gastronomen selbst überlassen werden.“