Expedition Wetterfee im Ewigen Eis
Meteorologin Andrea Rau aus Calbe trotzte 14 Monate lang Sturm und Kälte in der Antarktis.
Calbe l Schönheit kann kalt sein. Wie die Antarktis. Dennoch ging für Andrea Rau aus Calbe ein Kindheitstraum in Erfüllung, als sie 2015 vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven ausgewählt wurde, 14 Monate als Meteorologin auf der Forschungsstation Neumayer III zu arbeiten. Monatelange Dunkelheit, eisige Temperaturen, heftige Schneestürme und die Isolation mit einem Team aus nur neun Leuten schreckten sie nicht ab. Sie war fasziniert von dem weißen Kontinent. Nun ist Andrea Rau zurück in Deutschland, bei ihrer Familie in Calbe (Saale).
Die Außentemperatur um die Neumayer-Station beträgt im Winter häufig minus 40 Grad Celsius. Deshalb sind die Überwinterer draußen immer von Kopf bis Fuß eingepackt – nur ein Schlitz für die Augen bleibt frei. Trotz der Kälte verließ Andrea Rau regelmäßig die Station. So war eine ihrer wichtigsten Aufgaben, täglich gegen 11 Uhr Mittag einen Wetterballon mit einer Radiosonde in den antarktischen Himmel steigen zu lassen.
„Die Radiosonde misst meteorologische Größen wie Luftfeuchte, Luftdruck, Temperatur und Wind in der Höhe und übermittelt während des Fluges jede Sekunde die gemessenen Werte an die Bodenstation“, erläutert Rau. Bis zu 35 Kilometer steigt der mit Helium gefüllte Ballon hoch, bis er schließlich in der Stratosphäre platzt. Die übermittelten Daten werden aktuell in das internationale Global Telecommunications System der Wetterdienste eingespeist, wo sie für aktuelle Wettervorhersagen auf der ganzen Welt genutzt werden.
Doch war die Radiosonde nicht immer allein am Ballon: In der Zeit des antarktischen Frühlings ließ Rau regelmäßig eine Ozonsonde mitfliegen. „In diesen Monaten bildet sich das so genannte Ozonloch über der Antarktis“, sagt sie. „Mit den Messungen wird geschaut, wie groß der Ozonabbau in der Stratosphäre jedes Jahr ist und wann der Ozongehalt wieder ansteigt.“ Die Daten werden seit 1992 erhoben.
„In der Zeitreihe sieht man, dass der Ozonverlust in der Tendenz geringer wird. Allerdings fluktuiert er jährlich, da auch dynamische Prozesse wie Vulkanausbrüche den Abbau von Ozon beeinflussen“, berichtet Rau. „Ich habe ein verhältnismäßig kleines ,Ozonloch’ gehabt, das bereits Mitte November wieder geschlossen war. Meine Vorgängerin musste dagegen bis Mitte Dezember Ozonsonden steigen lassen“, berichtet die gebürtige Magdeburgerin.
Die Wetter- und Ozondaten zu bekommen, war jedoch nicht immer leicht. Bei Sonne und Windstille ist es zwar sehr einfach die Messgeräte fliegen zu lassen, doch sind diese idealen Umstände in der Antarktis selten. Bei Wind wird aus dem friedlichen Ballon, der rund einen Meter Durchmesser hat, schnell ein schwer zu haltendes Ungetüm. „Bei Windgeschwindigkeiten bis zu 90 Kilometer pro Stunde war es noch möglich, ihn in die Luft zu bekommen ohne die Kontrolle zu verlieren“, sagt Rau. Aber selbst wenn sie es geschafft hatte, war bei Sturm die Gefahr gegeben, dass der Ballon nach dem Start durch Böen zerfetzt wird. In diesem seltenen Fall musste sie trotz Sturm und Schneewehen den Ballon und die Sonde suchen gehen und einsammeln. „Eine der wichtigsten Regeln in der Antarktis ist nämlich, dass wir keinen Müll hinterlassen dürfen“, sagt Rau.
Neben dem täglichen Kampf mit dem Wetterballon standen regelmäßige Kontrollgänge zur 350 Meter entfernten Mess-Station am Boden auf ihrem Tagesplan. Dort werden Luftfeuchte, Luftdruck und Temperatur zwar automatisch gemessen. „Aber für die dreistündlichen Wettermeldungen werden zusätzlich Umgebungswerte wie Sichtweite, Niederschlag oder Art und Grad der Bewölkung manuell erhoben“, sagt Rau. Diese Angaben sind für eine vollständige Wettermeldung notwendig. Daneben überprüfte Rau jedes Mal die Geräte auf dem Messfeld und entfernte Reif oder löste Eis. Nach heftigen Schneefällen nahm sie einen Kollegen mit zur Wetterstation. Gemeinsam gruben sie die Stangen, an denen die Messgeräte befestigt sind, aus dem Schnee und setzten sie hoch.
Das Sammeln von Daten in der Antarktis ist ein mühsames Geschäft, das durch die ständige Wartung der Geräte und dem Kampf mit Kälte, Eis und Wind erschwert wird. Und doch sind gerade diese Daten sehr wichtig, „denn sie stehen Forschern aus der ganzen Welt zur Verfügung und verbessern unser Verständnis der Erde“, sagt Rau. Sie werden von Klima- forschern genutzt, um die Klimamodelle zu ergänzen und fließen so auch in den regelmäßigen Report des Weltklimarats (IPCC) mit ein. Im Alltag nutzte sie die Daten aber zunächst einmal, um den Wetterbericht für die Umgebung der Neumayer-Station III zu erstellen.
„Ein bis zwei Tage ist das Wetter ganz gut voraussehbar“, erläutert Rau. So wurde sie immer zu Rate gezogen, wenn ihre Kollegen Außenarbeiten planten. Für mehrtägige Fahrten zu weiter entfernt liegenden Messstationen kontaktierte sie zusätzlich den Deutschen Wetterdienst. In dem Fall war es „wichtig, die Vorhersagen abzugleichen und sich über eventuell heraufziehende Sturmtiefs zu informieren.“
Solche Traversen, wie die längeren Fahrten auch genannt werden, waren allerdings eher die Ausnahme. Viel häufiger führte der Weg in die nahe gelegene Aktabucht. Dort bildet sich zu Beginn des antarktischen Winters im März wieder Meereis. „Etwa ab Mai/Juni ist es dick genug, um mit Motorschlitten draufzufahren und es zu vermessen“.
An sechs Punkten bohrte Rau monatlich jeweils fünf Löcher ins Eis. Neben der Dicke des Eises stand dabei das Plättcheneis im Fokus. Das ist wieder gefrorenes Schmelzwasser, das etwa 20 Zentimeter große Platten bilden kann und sich unter dem Meereis sammelt. Die Beobachtung der Menge an Plättcheneis erlaubt Rückschlüsse auf die Schmelzprozesse der Schelfeisflächen und damit auch über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Antarktis.
Ballonaufstiege, Kontrollgänge und Meereis-Messungen – von allen drei Forschungsgebieten auf der Neumayer-Station III hat die Meteorologie den straffsten Arbeitsplan. „Aber so wurde es nie langweilig, es gab immer etwas zu tun“, sagt Rau. Es hat ihr Spaß gemacht, dem eisigen Kontinent wichtige Daten abzutrotzen. „Viele schöne Momente haben sich für lange Zeit eingebrannt. So werde ich nie die Sonnenaufgänge in dem glasklaren Himmel vergessen. Oder den Anblick der Milchstraße. Und auch die Schönheit der großen weiten Ebene wird lange im Gedächtnis bleiben.“ Ihr Kindheitstraum ist wahr geworden.
Eine Rückkehr in die Antarktis wird es für Andrea Rau in absehbarer Zeit nicht geben. Der Arbeitsvertrag der Meteorologin läuft im Sommer aus, sie ist derzeit auf Jobsuche und wärmt sich in Calbe auf.