Warmsdorf/Staats l Die Glocke der einstigen evangelischen Kirche von Warmsdorf, einem Ortsteil von Güsten im Salzlandkreis, schlägt elfmal. Aber nicht im Turm des 134 Jahre alten Gebäudes, sondern draußen im parkähnlichen Vorgarten – an einem eigens dafür errichteten Gerüst.

In dem ehemaligen Gotteshaus wohnen heute Christina und Klaus Gerner im Parterre. Die übrigen Etagen, einschließlich des Turmes mit der Uhr, bietet das Ehepaar als ungewöhnliche Pension an.

Die jüngere Geschichte des Baus ist geprägt von Höhen und Tiefen. 1973 fand die letzte Trauerfeier für eine Beerdigung auf dem nahen Friedhof statt.Ein Jahr später wurde die Kirche entwidmet.

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Klaus Gerner zeigt Fotos, die den stetigen Verfall dokumentieren. „Die Leute in der Umgebung haben sich bedient: halbewegs erhaltene Dachbalken für den Garagenbau, Fußbodenfliesen wurden herausgerissen sowie die Bänke.“ Keine Fenster, das Dach mehr als marode, Balken mit Pilzen durchsetzt, innen der Nistplatz von gut 30 Tauben. Über und über mit Vogelkot übersät.

Das Protokollbuch des Kirchengemeinderates belegt, dass das Gremium 1985 bereit war, das Kirchenschiff zum Abriss freizugeben. Nur der Turm sollte eventuell stehenbleiben. Abgedacht war auch eine kleine Beerdigungskapelle.

Denkmalschutz stand auf der Matte

„Mein Sohn erfuhr nach der Wende über die Junge Gemeinde davon und auch, dass der Pfarrer der Meinung ist: Das wäre etwas zum Ausbauen.“

Der Maschinenbauingenieur war interessiert und nahm die Schenkung an. „Dafür habe ich allerdings einen nicht geringen Obolus für den Erhalt der Kirche im Nachbardorf gespendet“, so der 79-Jährige. Der neue Eigentümer legte ein Nutzungskonzept vor.

Gerner ärgert sich noch heute darüber, dass die Denkmalpflege „die ganze Zeit vor der Schenkung nichts mit der Kirche am Hut hatte“. Erst als sich „ein paar Dumme gefunden haben, stand 1993 das Landrats-amt Staßfurt auf der Matte.“ Seitdem gehe jede Veränderung an dem Bau über den Tisch der Behörde.

Acht Jahre lang richtete Familie Gerner die Kirche wieder her. Sie schaute sich bei zwei Urlauben in Schottland um und sah sich besonders gotische Bauwerke an. Der Diplomingenieur machte sich fleißig Notizen, um Anregungen fürs eigene Projekt zu bekommen.Die Turmuhr wurde erhalten. Allerdings muss sie heute nicht mehr täglich per Hand aufgezogen werden, das geschieht elektrisch.

Die Fenster wurden denkmalgerecht verändert und neue eingebaut. Kreditverhandlungen waren gescheitert: „Das Risiko war den Bankern wohl zu groß.“ Erst nach dem Richtfest, als für jeden sichtbar gewesen sei, dass der Kirchen-Umbau kein Hirngespinst war, stieg die Kreissparkasse ein.Eine spezielle Geschichte hat das Bleiglasfenster im unteren Wohnbereich der Kirchen-Besitzer. Gerner erzählt: „Die alten Fenster waren längst nicht mehr vorhanden. Bei einem Besuch im englischen York entdeckten wir in einer Kirche die Darstellung ,Jesus und die Samariter‘ aus dem Johannes-Evangelium. Das Fenster hatte es den Gerners so angetan, dass sie eine leicht abgewandelte Kopie für das Fenster über ihrem Kamin anfertigen ließen.

Neben ihrer eigenen Wohnung gibt es in dem ehemaligen Sakralbau heute acht Pensionszimmer.

Sehnsucht nach autarkem Leben

Der Anstoß dafür, dass die Holländer Frank Hendriks und Desiree Books in einer alten Wassermühle heimisch geworden sind, die breits 1324 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde, ist nicht spektakulär. „Ich wollte ins Grüne, um ein autarkes Leben zu führen“, sagt der 56-Jährige aus Nijmegen. „Doch sich einen Hof mit Grundstück in meiner Heimat leisten zu können, muss man Millionär sein.“

Hendriks sah sich 2007 sich im Netz um und war von einer Wassermühle in den Ardennen begeistert. „Meine Mutti kommt aus einer Schifferfamilie und alles, was sich im Wasser dreht, hat es mir schon immer angetan.“ Aber: Die belgische Mühle stand unter Denkmalschutz und hatte kein Wasserrecht mehr.

Dann stieß der Holländer auf die Wassermühle im Stendaler Ortsteil Staats. „Schon nach der ersten Besichtigung habe ich mich in das Mühlengehöft und die Umgebung verliebt.“­

Allerdings war das Wasserrad 30 Jahre alt und dementsprechend undicht. „Wir wollten ein Edelstahlwasserrad einbauen, das 100 Jahre hält und nicht nur 20 wie ein hölzernes“, sagt Hendriks. Aber die Dekmalpflege war dagegen. „Erst, als ich anhand von Fotos nachweisen konnte, dass es in ähnlichen Mühlen auch Stahlräder gab, bekamen wir die kostensparende Erlaubnis.“

2015 war alles fertig. „Fertig?“, sieht Desiree Books ihren Partner schmunzelnd an. Und sie erzählt von ihren Vorhaben: eine kleine Landmaschinenausstellung, Backen von selbst gemahlenem Bio-Brot, denn zum Hof gehört auch eine Bäckerei mit zwei Öfen, die Gründung eines Heimatvereins und vielleicht ein paar Gästezimmer.

Schon heute sind die netten Holländer von nebenan eine gute Adresse für Nachbarn und Durchreisende. Und wenn sie zum Tag der offenen Tür frisches Brot unter dem Motto „Vom Acker zum Bäcker“ anbieten, stehen die Menschen Schlange.