Magdeburg l Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, ganz genau, wieviele Menschen aus wievielen Haushalten Sie zu Weihnachten treffen dürfen? Nein? „Im engsten Familienkreis können Treffen mit vier über den eigenen Hausstand hinausgehenden Personen (zzgl. Kinder bis 14 Jahre) möglich sein, auch wenn dies mehr als zwei Hausstände ...“ Wir unterbrechen an dieser Stelle die Lektüre der staatlichen Verordnung und wenden uns dem Leben zu.

Unser Ministerpräsident Reiner Haseloff – jeder, der ihn kennt, weiß, wie sehr er seine beiden Söhne und vier Enkelkinder liebt – macht in diesem Jahr keinen Weihnachtsbesuch. Er beläßt es also nicht bei der staatlichen Verordnung. Was ihm von einem unserer Leser zum Vorwurf gemacht wird. Das sei herzlos, schließlich seien Besuche ja erlaubt. Dieser Leser hat nicht verstanden, dass Herr Haseloff zu der Mehrheit der Bürger gehört, die schlicht so viel tun, wie sie können, um das Coronavirus im Zaum zu halten. Aus Respekt vor den Mitmenschen und Liebe zu seiner Familie. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder ihr Handeln allein nach staatlichen Regularien ausrichten, würde untergehen. Nein, man darf nicht alles tun, was erlaubt ist. Und zeichnet sich aus, wenn man mehr tut als nötig.

Wir werden die Corona-Krise überwinden, weil es viel mehr Menschen gibt, die nach diesen Grundsätzen eigenverantwortlich handeln, als gemeinhin angenommen wird.

Die Pandemie zeigt allen, die dauernd vom allgemeinen Werteverfall reden, aber nur die eigenen meinen, dass unsere Gesellschaft durchsetzt ist von stillen Helden. Lehrer, die nicht auf Direktiven aus dem Ministerium warten, sondern mit Elternexpertise Clouds einrichten. Krankenpfleger und Ärzte, die an Bord bleiben, obwohl der Dienst zu Ende ist, die mit Alten und Kranken Weihnachten feiern, obwohl „Treffen mit vier über den eigenen Hausstand hinausgehenden Personen ... usw.“ Wenden wir uns dem Leben zu.

Die stillen Helden schicken mir Bilder. „Wegen Corona machen wir viel häufiger lange Spaziergänge“, schreiben sie und zeigen, was sie in der Natur entdeckt haben, wie schön es nebenan ist.

Und es gibt die anderen, die ihren Blick auf jede Einzelheit des staatlichen Regulatoriums richten. Meistens hämisch. Oder auf das Verhalten anderer Menschen. Meistens denunziatorisch. Es geht ihnen nicht um Verbesserung, sondern um Rechthaben. Nicht die Sorge treibt sie, sondern das Verlangen nach Bestrafung. Sie merken nicht, dass ihre Enttäuschung über die Rolle der Obrigkeit in viel zu großen Erwartungen begründet liegt. Nicht alle Regeln sind gut. Und nicht jedes Foul wird geahndet. Was soll´s, sagt der Stürmer und schießt trotzdem sein Tor. Wenden wir uns dem Leben zu.

Die stillen Helden hadern nicht wegen des verpassten Skiurlaubs. Sie basteln zum Vergnügen ihrer Nachbarn Schneekanonen (Anleitungen gibt es zuhauf). Die stillen Helden teilen den speziellen Humor, den jede Krise hervorbringt, auf Whatsapp und löschen die Fake-News. Sie kaufen ein für die gestresste Krankenschwester von nebenan, sie richten alten Menschen Videokonferenzen ein, sie melden sich freiwillig als Schnelltest-Helfer. Die stillen Helden bauen ihre Betriebe um, damit sie überleben. Kantinenköche organisieren Essen auf Rädern. Konstruktionszeichnungen oder Zeitungsartikel entstehen in der Wohnzimmerecke.

Die stillen Helden sind in der Mehrzahl. Und was sie leisten, übertrifft jede „Bazooka“, jedes „Corona-Paket“ von Finanzminister Olaf Scholz. Dabei gibt es keine Verordnung für Heldentum und kein Bußgeld für Kleinmut. Niemand braucht so etwas.

Wenn außer Zoom, Teams oder Go-to-Meeting etwas Gutes nach dieser Krise bleibt, dann hoffentlich die Gewissheit, dass das Fundament unseres Gemeinwesens intakt ist, weil die meisten nicht nach Paragrafen handeln, sondern nach gut und richtig.

Im Namen von Verlag und Redaktion wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein frohes Weihnachtsfest.