Sanierungsstau, Schülermangel, hohe Betriebskosten - kleinen Grundschulen droht die Schließung. Von Thomas Pusch und Andreas Stein

Zwergschulen: Der letzte Schultag rückt näher

In den Grundschulen auf dem Land ist die Welt in Ordnung - noch. Wenn es in der heute im Landtag beratenen Schulentwicklungsplanung einen Paradigmenwechsel gibt, droht kleinen Schulen mit weniger als 60 Kindern ab 2014 das Aus. Die Volksstimme hat drei "Zwergschulen" besucht.

Magdeburg/Stendal l Fast scheint der Inhalt der Schulstunde zur Schulentwicklungsplanung des Landes zu passen. In der ersten Klasse der Grundschule Werben (Landkreis Stendal) geht es um Gleichungen und Ungleichungen, "größer als" und "kleiner als". Die Erste ist mit ihren zwölf Schülern zwar größer als die anderen drei Klassen der Schule, die aber wiederum mit 41 Kindern kleiner als fast alle anderen in Sachsen-Anhalt. "Schaut doch mal, wie schwer die Mäuse Bausteine schleppen müssen, um die Waage auszugleichen", sagt Klassenlehrerin Renate Schimmelpfennig.

Bei den Schulen geht es nicht um Bausteine. Und jongliert wird von Politikern. Schon zweimal hat Renate Schimmelpfennig erlebt, wie es ist, wenn die Waage zu Ungunsten einer Schule ausgeschlagen hat. "Ich habe vorher in Geestgottberg und Krüden unterrichtet", erzählt sie. Beide wurden geschlossen, mit weitreichenden Folgen. "Wenn die Schule weg ist, stirbt auch der Ort", lautet die Überzeugung der 60-jährigen Lehrerin.

"Wenn die Schule in Werben stirbt, stirbt auch der Ort."

Renate Schimmelpfennig, Lehrerin

Das soll in Werben nicht passieren. "Das Schöne an kleinen Schulen ist die Umgebung, man hat viel Grün und eigentlich auch immer einen Bolzplatz", zählt Schimmelpfennig auf. Es sei viel familiärer und man könne Probleme auf kurzem Wege lösen. Und die gute Atmosphäre überträgt sich auch auf die Schüler. "Ich mag die Schule, weil\'s mir Spaß macht und wir auch spielen", meint beispielsweise Chantal (7). Dem achtjährigen Felix gefällt der Fußballplatz am besten und Konrad (9) ist vor allem vom Storchennest auf dem Dach der Schule angetan.

Auch in der Grundschule Solp- ke (Altmarkkreis Salzwedel) herrscht gute Stimmung. Das liegt auch daran, dass dieser Tage das 60-jährige Bestehen gefeiert wird. "In den 1950er Jahren waren hier knapp 200 Schüler", erzählt Schulleiterin Britta Hebler. Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute passen alle 32 Schüler in einen Klassenraum. "Das sind wir", sagt sie beim Blick auf die musizierenden Mädchen und Jungen. Sie meint damit aber auch das harmonische Miteinander und das Familiäre. "Im Kleinen für das Große lernen", lautet das Motto der Schule und die 40-Jährige weiß, dass sie die Viertklässler ruhigen Gewissens auf die weiterführenden Schulen entlassen kann. Das aktuelle Schlagwort Binnendifferenzierung, also die individuelle Förderung sei nicht nur ein Begriff, sondern werde auch umgesetzt. "Ich geh gern zur Arbeit", sagt sie und nennt die Herzlichkeit an der Schule und die gute Teamarbeit als weitere Gründe. Solpke ohne Schule, das wäre ..., "Solpke ohne Seele".

"Dass wir so nette Lehrer haben", ist für Bruno (6) das Schönste an seiner Schule. Die zehnjährige Jette mag, dass nicht so viele Kinder an der Schule sind und für Phillis (8) ist es das Größte, "dass wir so schöne Sachen basteln". Die sind aber auch schwer begeistert, als Dutzende bunte Luftballons in die Höhe steigen. "Wir schicken sie mit guten Wünschen in den Himmel", sagt Hebler.

Die Wünsche sind im Stendaler Ortsteil Möringen ähnlich. "Die Schule geht wie ein Herzstück durch die Geschichte des Dorfes", sagt Schulleiterin Kerstin Ohmenzetter. Ohne Schule könne man sich Möringen nicht vorstellen, das wäre ein großer Verlust. Die Vorteile, die sie aufzählt, ähneln denen der anderen beiden Schulen. Die familiäre Atmosphäre, der enge Kontakt zu den Eltern, die Möglichkeit schnell Probleme aus der Welt zu schaffen, die idyllische Lage und das viele Grün in der Umgebung. "Die Kollegen arbeiten sehr gerne hier", sagt Ohmenzetter, "denn der Druck ist nicht so groß wie an anderen Schulen."

Allen Lehrern und Schulleitern gemein ist eben aber auch das Bangen um die Zukunft. Wenn es mit der neuen Schulentwicklungsplanung im Schuljahr 2014/15 keine Ausnahmegenehmigungen mehr für Grundschulen mit weniger als 60 Schülern gibt, könnte vielen Zwergschulen das Aus drohen. 82 Grundschulen in Sachsen-Anhalt haben derzeit weniger als 60 Schüler. Sie erhielten vor Jahren großzügige Ausnahmegenehmigungen, um die Gemeindegebietsreform nicht zu erschweren und die Abwanderung aus dem ländlichen Raum zu bremsen (Volksstimme berichtete).

"Die Landespolitiker müssen sich der Problematik stellen."

Torsten Mehlkopf, Schulamtsleiter

Doch mittlerweile müssen die ohnehin klammen Kommunen für den Betrieb der Schulgebäude immer mehr Geld ausgeben - ein im Auftrag des Finanzministeriums erstelltes Gutachten nennt 25 Millionen Euro pro Jahr. Für die neu entstandenen riesigen Einheitsgemeinden ist so jedes zusätzliche Schulgebäude ein schmerzhafter Schlag ins Kontor. Gleichzeitig sollen die Geburtenzahlen Prognosen zufolge im kommenden Jahrzehnt deutlich in den Keller gehen. Auch die Schulsanierung wird immer schwieriger, denn EU-Fördermittel aus dem Stark-III-Programm gibt es nur noch für Schulen mit 100 oder mehr Kindern, in dünn besiedelten Regionen reichen 80. "Das ist eine Problematik, der sich die Landespolitiker stellen müssen", fordert deshalb Stendals Schulamtsleiter Torsten Mehlkopf.

Haben die kleinen Grundschulen mit ihrem Charme und ihren pfiffigen Schülern eine Zukunft? Das liegt nun in den Händen des Kultusministeriums und der Landtagsabgeordneten. Es scheint jedoch fast sicher, dass für viele Traditionsschulen der letzte Schultag immer näher rückt.