Naumburg (dpa/sa) - Das Oberlandesgericht Naumburg (OLG) wird voraussichtlich nicht darüber entscheiden, ob das antijüdische Relief "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche abgenommen werden muss. Das Gericht beabsichtige, die Berufungsklage zurückzuweisen, erklärte Richter Volker Buchloh am Dienstag in dem Zivilverfahren. Die Schmähplastik, die im 13. Jahrhundert entstanden ist, sei heute eingebettet in ein Mahnmal. Eine Beleidigungswirkung sei nicht mehr gegeben, sagte er. Am 4. Februar will das OLG seine Entscheidung verkünden, ob auch eine Revision möglich ist.

Die Berufung vor dem OLG richtete sich gegen das Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau, das Relief an der Kirche zu belassen. Geklagt hat ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde gegen die evangelische Stadtkirchengemeinde von Wittenberg, die heute Eigentümer der Schmähplastik ist. Die "Judensau" ist nach Auffassung des Klägers eine Beleidigung von Menschen jüdischen Glaubens und verletze sein Persönlichkeitsrecht.

Das Sandsteinrelief an der Stadtkirche zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein. Seit 1988 ist die Schmähplastik Teil einer Stätte der Mahnung, mit einer in den Boden eingelassenen Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus. Zudem gibt es eine Erklärtafel zum Relief.

Die Stadtkirchengemeinde erklärte, sie sei für den Verbleib des Reliefs. "Um mit dem Originalstück an Geschichte zu erinnern, Geschichte aufzuarbeiten und Menschen zu Geschichtsbewusstsein zu erziehen", sagte Pfarrer Johannes Block. Auch wenn man das Relief an der Kirche wegnehmen würde, werde man die Geschichte nicht beseitigen. Es gebe niemanden, der die Gefühle des Klägers nicht teile. Die Gemeinde sei Erbin eines Geschichtszeugnisses. Block sagte, es sei angedacht, die Stätte der Mahnung im Gespräch mit der jüdischen Gemeinde zu einer Stätte der Versöhnung weiterzuentwickeln.

Der Kläger, Michael Dietrich Düllmann aus Bonn, forderte dagegen in seiner emotionalen Rede vor Gericht, das 700 Jahre alte Relief abzunehmen. Bereits vor der Verhandlung am OLG kündigte er an, notfalls vor den Bundesgerichtshof, das Bundesverfassungsgericht und bis zum Europäischen Gerichtshof ziehen. Er verwies zudem gegenüber Medienvertretern auf das Attentat auf eine Synagoge in Halle im Oktober vergangenen Jahres, das die Auslöschung und Vernichtung einer ganzen jüdischen Gemeinde zum Ziel gehabt habe.

Mit der Plastik an der Stadtkirche Wittenberg werde das Judentum diffamiert, sagte Düllmann. Sie symbolisiere täglich den Antisemitismus in der Kirche und in der Gesellschaft. Es sei ein Skandal, dass die "Judensau" noch an der Kirche sei. "Schämen Sie sich!", rief er den Vertretern der evangelischen Stadtkirchengemeinde im voll besetzten Gerichtssaal zu.

Nach Ansicht von Düllmann gehört das Relief in das Museum Lutherhaus in Wittenberg. Dort habe Martin Luther (1483-1546) gelebt und seine antijüdischen Schriften verfasst, argumentierte er.

Die Stadtkirche gilt als Mutterkirche der Reformation. Luther verbrachte den Großteil seines Lebens in Wittenberg. In der Stadtkirche hatte der Theologe gepredigt. Seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel schlug er der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 an die Wittenberger Schlosskirche an. Dieses Ereignis gilt als Beginn der Reformation. Kritiker sprechen von der Spaltung der Kirche.