Halle (dpa/sa) - Für seine umstrittenen Äußerungen zum Polizeischutz für jüdische Einrichtungen wird Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) jetzt auch vom Antisemitismusbeauftragten des Bundes kritisiert. Juden als privilegierte Menschen hinzustellen, für die Maßnahmen auf Kosten der Allgemeinheit ergriffen würden, schüre tatsächlich Antisemitismus, sagte Felix Klein in einem Interview der Tageszeitung "taz" (Freitag) anlässlich des ersten Jahrestags des Anschlags von Halle. "Leider brauchen jüdische Gemeinden eine erhöhte Sicherheit, aber das liegt doch nicht an den Juden, sondern an der Bedrohung gegen sie."

Auch der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) warf Stahlknecht vor, den gesellschaftlich weit verbreiteten Ressentiments von einer vermeintlichen Bevorzugung von Jüdinnen und Juden Vorschub zu leisten. Der Innenminister sei seiner besonderen Verantwortung für den adäquaten Schutz jüdischer Sachsen-Anhalter nicht gewachsen, teilte Rias am Freitag mit.

In einem Bericht der "Mitteldeutschen Zeitung" war der Minister nach einem Besuch in einem Polizeirevier damit zitiert worden, dass die Einsatzstunden zum Schutz jüdischer Einrichtungen an anderer Stelle fehlten. Seit Anfang der Woche reißt die Kritik nicht ab. Zunächst hatte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, Stahlknecht vorgeworfen, dem Antisemitismus Vorschub zu leisten, indem er den Eindruck erwecke, Juden seien gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen privilegiert. Er legte dem Minister den Rücktritt nahe.

Viele Landespolitiker schlossen sich der Kritik an, auch aus den Reihen der schwarz-rot-grünen Koalition. CDU-Politiker verteidigten den Minister. Stahlknecht fühlt sich missverstanden. Er habe bei dem Besuch am Freitag klar gemacht, dass der Schutz jüdischer Einrichtungen für ihn nicht verhandelbar sei und höchste Priorität habe. Damit habe er um Verständnis bei den Bürgerinnen und Bürgern werben wollen. "Wenn das missverstanden worden ist, tut es mir leid."

Am 9. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Mann erst die Synagoge in Halle, dann einen nahen Döner imbiss angegriffen. Er erschoss zwei Menschen und verletzte weitere, bis er gefasst wurde. Schon damals hatten Kritiker moniert, dass vor der Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur kein Streifenwagen postiert war, sondern nur unregelmäßig eine Streife vorbeifuhr. Nach dem Anschlag hatte Stahlknecht Rundumüberwachung für jüdische Einrichtungen angeordnet.

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Interview der Tageszeitung Taz mit dem Antisemitismusbeauftragten des Bundes