Halle (dpa/sa) - Das auf der mehr als 3600 Jahre alten "Himmelsscheibe von Nebra" abgebildete Wissen stammt mit großer Sicherheit aus dem Nahen Osten. Ein Team von Wissenschaftlern des Landesmuseums Halle rekonstruierte die Herkunft des Wissens anhand von Funden, die während einer Expedition an der Adriaküste in Süditalien gemacht wurden. "Die Forschungsergebnisse geben einzigartige Einblicke in die Infrastruktur der Bronzezeit", sagte Landesarchäologe Harald Meller der Deutschen Presse-Agentur.

Die bronzene Scheibe mit rund 30 Zentimetern Durchmesser und goldenen Symbolen wurde in Mitteldeutschland gefertigt. Zwei Raubgräber entdeckten die Himmelsscheibe als Teil eines Bronzeschatzes 1999 bei Nebra mit Metallsuchgeräten. Die Schweizer Polizei stellte 2002 den Fund sicher. Seit 2008 befindet sich die Scheibe in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle.

Sie zeigt Horizontbögen, Mond, Sterne und ein Schiff. Es ist zugleich ein Bildprogramm. Archäologen fanden heraus, dass die Scheibe als kombinierter Sonne- und Mondkalender benutzt wurde und sich mit ihr der kürzeste Tag des Jahres damit bestimmen ließ.

Inzwischen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass dies absolutes Geheimwissen war. Ein Reisender aus einer Herrscherfamilie "erlangte dieses Wissen im Nahen Osten und brachte es zurück in seine Heimat", sagte Landesarchäologe Meller. "Mit Sicherheit war es ein naher Verwandter eines bronzezeitlichen Fürsten, der in den Nahen Osten reiste." Auf dessen Wissensgrundlage habe ein erfahrener Handwerker die Scheibe gefertigt.

Während der Expeditionen in Süditalien seien eine Hafenanlage und zwei Schiffe entdeckt worden, "die vermutlich in die Zeitstellung passen", sagte Unterwasserarchäologe Sven Thomas. "Funde, wie Amphoren deuten auf intensive Kontakte mit dem alten Griechenland hin." Zudem wurde in früheren Ausgrabungskampagnen das Skelett eines 18 bis 20 Jahre alten Mannes geborgen. Bei dem Toten lagen als Beigaben ein Bronzedolch sowie ein Vogelkopf, geschnitzt aus dem Knochen eines Flusspferdes. "Die Stücke stammen aus der Ägäis, also gab es dorthin Kontakte", sagte Thomas.

Während bisher die bronzezeitliche Siedlung bei Punta di Zambrone an der tyrrhenischen Küste Süditaliens als Station einer möglichen, 2100 Kilometer langen Reiseroute in Richtung Griechenland und Kreta in Frage kam, lassen die neuen Erkenntnisse den kürzeren, etwa 1500 Kilometer, entlang der Adriaküste bei Roca Vecchia plausibel erscheinen. Der Reisende aus Mitteldeutschland hat wahrscheinlich vor fast 4000 Jahren diesen Weg an Bord eines Schiffes in den Nahen Osten genommen. Von dort brachte er das astronomische Wissen mit, das auf der "Himmelsscheibe von Nebra" verschlüsselt wurde.

Die Ergebnisse basieren auf einer Forschungsmission im Sommer 2019 im Rahmen eines deutsch-italienischen Kooperationsprojektes. In einer Unterwassergrotte wurden auf etwa 600 Quadratmetern Tausende Inschriften und Gravuren fotografiert. Darunter ist auch eine Schiffsdarstellung. Ein Schiff ist auch auf der Himmelsscheibe zu sehen. Die Entzifferung aller Felszeichnungen am Computer wird Jahre dauern.

"Die Forschungsmission wird im nächsten Jahr fortgesetzt. Eine im Sommer neu entdeckte Unterwasserhöhle soll aufgrund der Einsturzgefährdung ausschließlich mit einer Drohne erkundet werden", sagte Meller.

Die Forschungsmission ist ein Kooperationsprojekt zwischen Halle, der italienischen Denkmalbehörde von Lecce, Brindisi und Tarent, dem staatlichen Naturschutzgebiet Riserva naturale dello Stato und des Meeresschutzgebietes Area Marina Protetta di Torre Guaceto sowie der Gemeinde Melendugno.

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte