Marienborn (dpa) - Musik bis Mitternacht, Erinnerungen und ernste politische Worte: Sachsen-Anhalt und Niedersachsen haben am ehemals größten deutsch-deutschen Grenzübergang in Marienborn die Grenzöffnung vor 30 Jahren gefeiert. Am Samstag besuchten Tausende die heutige Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

Die Besucher machten Rundgänge und berichteten von Erlebnissen in der Zeit der Grenzöffnung. Bis kurz vor Mitternacht spielten Wolfgang Niedecken und das Bundesjazzorchester vor gut 700 Zuschauern, wie Gedenkstättenleiterin Susan Baumgartl am Sonntag sagte. "So viel Freude gab es hier wahrscheinlich seit 30 Jahren nicht."

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach von Mauerfall und Grenzöffnung als einem "unfassbaren Wunder": "Das ist vor allem Hunderten aufrechten Bürgern der DDR zu verdanken, die den Mut und die Zivilcourage hatten, etwas Besseres aus ihrem Leben und der Gesellschaft zu machen. Sie gehören in den Mittelpunkt des heutigen Tages."

Am 9. November 1989 gelang der Magdeburgerin Annemarie Reffert am Grenzübergang Marienborn schon um 21.27 Uhr die Ausreise nach Helmstedt. Kurz darauf wurde der Berliner Grenzübergang in der Bornholmer Straße geöffnet. Viele weitere Grenzöffnungen folgten.

An vielen Orten wurde die Grenzöffnung gefeiert, darunter auch im Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen. An einer Podiumsdiskussion nahmen dort Thüringens Kultur- und Europastaatssekretärin Babette Winter und der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) teil. Der Grenzübergang Teistungen zwischen dem thüringischen Worbis und dem niedersächsischen Duderstadt war im November 1989 der erste auf Thüringer Gebiet, der freigegeben wurde. Genau um 0.35 Uhr hatte er sich dort am 10. November 1989 geöffnet. Wenig später rollten die ersten Autos aus Thüringen nach Niedersachsen.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte in Marienborn: "Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeiten." Die Demokratie sei eine große zivilisatorische Errungenschaft der Geschichte: "Uns dessen stets bewusst zu sein, sind wir den Opfern von Mauer, Stacheldraht und Diktatur schuldig." Haseloff erinnerte auch an die Pogromnacht vor 81 Jahren und an den Anschlag in Halle, bei dem am 9. Oktober ein bewaffneter Mann versuchte, in die voll besetzte Synagoge in Halle zu gelangen, als das misslang, erschoss er zwei Unbeteiligte.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hob die Bedeutung der Arbeit der Gedenkstätten und die wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der SED-Diktatur hervor. Umfragen zeigten teils erhebliches Unwissen, beklagte sie. Grütters hatte zuvor mit den beiden Ministerpräsidenten ein neues Besucher-Informationssystem auf dem Gelände eröffnet. Begehbare Informationselemente - sogenannte Zeitschleusen - bieten mit Bildern und Texten Einordnung des historischen Ortes. "Marienborn lässt niemanden gleichgültig zurück", sagte Haseloff.

Thema vieler Gespräche in Marienborn war die Zerstörung eines Grenzdenkmals am Nordrand des Harzes. In Wülperode schraubten die Täter in der Nacht zum Samstag drei Gedenktafeln ab und warfen sie umher, wie die Polizei mitteilte. Ein Metall-Hinweisschild zur früheren deutsch-deutschen Grenze in dem Ortsteil der Stadt Osterwieck wurde abgeflext. Lothar Engler vom Grenzerkreis Abbenrode, der sich um die Erinnerungsarbeit an der ehemaligen Grenze kümmert, sagte: "Wir sind geschockt."

BAP-Sänger Niedecken erinnerte in Marienborn an die abgesagte DDR-Tournee 1984. Er habe immer wieder überlegt, ob es richtig gewesen sei. Inzwischen sei er der festen Meinung: ja. Die Kölner reisten damals am Vorabend des ersten Konzerts in Ostberlin aus Protest ab. Die DDR-Führung hatte von ihnen verlangt hatte, auf pazifistische Texte wie "Macht eine SS 20 zu einem Traktor und eine Pershing zu einer Lok" zu verzichten.

Die Grenzübergangsstelle Marienborn war die größte und bedeutendste an der innerdeutschen Grenze außerhalb Berlins. 1985 passierten fast 4,5 Millionen Fahrzeuge den Grenzübergang, täglich wurden durchschnittlich 12 320 abgefertigt. Rund 1000 Menschen leisteten auf dem rund 35 Hektar großen Gelände zu DDR-Zeiten ihren Dienst. Warten und Schikane waren Teil des Systems. 1996 wurde das Gelände an der Autobahn 2 (Hannover-Berlin) zur Gedenkstätte. Im vergangenen Jahr kamen gut 136 000 Besucher.

Ministerpräsident Weil berichtete von einem Gespräch mit seinem Amtskollegen Haseloff, in dem er diesem erzählt habe, wie viele Stunden er hier selbst zugebracht habe. Haseloff habe ihm entgegnet: "Die Möglichkeit hätte ich auch gern gehabt." Für DDR-Bürger war Marienborn quasi unerreichbar.

Infos zum Festival "Grenzenlos" in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn