Magdeburg/Erfurt (dpa) - Seit ihrem Entstehen 2009 hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland mehr als 200 000 Mitglieder verloren. Der Hauptgrund: Es sterben mehr Mitglieder als neue hinzukommen. Es treten jährlich aber auch Tausende aus der Kirche aus. Dagegen will der neue EKM-Landesbischof Friedrich Kramer verstärkt angehen. "Die Austrittsphase ist nicht zu unterschätzen, weil die interessanterweise nicht nachlässt. Das finde ich etwas Beunruhigendes." 4500 bis 5000 Menschen träten pro Jahr aus der EKM aus.

Die Mitgliederzahl der EKM ist seit ihrem Entstehen 2009 von etwa 910 000 auf aktuell rund 700 000 gesunken. Hält diese Tendenz an, könnte die Zahl im nächsten Jahrzehnt auf unter 500 000 sinken.

Die Bindungskräfte zu stärken, sei eine Aufgabe, so Kramer. "Das ist eine grundsätzliche Frage, weil die traditionellen Bindungskräfte familiär und gesellschaftlich kaum noch da sind. Wir müssen stärker darüber nachdenken, wie wir plausibilisieren, dass ich auch etwas davon habe, wenn ich in der Kirche bin. Das spielt heute eine Rolle."

Kramer sagte: "Wir müssen stärker in der Seelsorge und dem Besuch der Kirche werden. Gerade der Besuch ist das, was bei ständiger Strukturreform und der Vergrößerung der Pfarrbereiche als erstes hinten runterfällt." Es stelle sich die Frage, wie dieser Bereich besser abgesichert werden könne. "Da denke ich darüber nach, ob das am besten mit einer Spezialisierung im Pfarramt funktioniert. Dass wir also die Seelsorge, die wir sehr professionell in Krankenhäusern, bei der Polizei, in der Notfallseelsorge organisiert haben, auch in die Gemeindeseelsorge als eine feste, verlässliche Struktur implementieren."

Einen einfachen Weg erwartet Kramer da aber nicht. Zu einen sei die EKM ein schweres Schiff, dessen Kurs nicht schnell zu ändern sei. Zum anderen: "Das ist ein dickes Brett, weil man damit an Grund-Pfarrbilder rangeht." Der Landesbischof geht auch davon aus, dass die Entwicklungen in den Regionen sehr unterschiedlich verlaufen. Er hob die recht autonome Ebene der Kirchenkreise innerhalb der Landeskirche hervor. "Das gibt uns die Chance, sehr unterschiedlich zu agieren." Kramer erklärte: "Das heißt, es gibt massive Veränderungen an vielen Stellen, an manchen vielleicht auch gar nicht. Und es kann sein, dass in manchen Kirchenkreisen sich ein völlig neues Pfarrerbild entwickelt und in anderen es noch ist, wie bisher." Schon heute gebe es große Unterschiede: "Wir haben ja Pfarrstellen mit 25, 30 Kirchen und wir haben Orte, wo ein Pfarrer noch in zwei Dörfern unterwegs ist. Der geht wirklich noch in den Konsum und der besucht jeden, der ist einfach da. Warum soll sich das ändern, das macht gar keinen Sinn."

Zum Thema Neuerungen sagte Kramer: "Änderung funktioniert ja entweder, wenn jemand kräftig brennt und wirklich Lust hat, also die Begeisterung groß ist, oder wenn die Not groß wird. Und ich bin begeistert dafür, dass wir die Kirche so bauen, dass sie fröhlich und funktional ist und ich hoffe, dass die Not an manchen Stellen so groß ist, dass wir da zusammenkommen."