Heilbronn (dpa/lsw) - Leipziger Nikolaikirche, früheres Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Brandenburger Tor - zu einer Radtour über Hunderte Kilometer und durch Jahrzehnte deutscher Geschichte sind Schüler in Heilbronn aufgebrochen. "Es ist mehr als eine Radtour", erklärte Organisator Ortwin Czarnowski. 30 Jahre nach dem Mauerfall hat der ehemalige Radrennfahrer für die 11-bis 16-Jährigen auf der Fahrt nach Berlin Zwischenstopps an geschichtsträchtigen Orten und Gespräche mit Zeitzeugen eingeplant. Der 78-Jährige ist selbst ein Zeitzeuge: 1960 flüchtete er aus der DDR nach Baden-Württemberg und lebte zwei Jahre in einem Flüchtlingslager. "Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, aber in Freiheit."

Die am Samstag begonnene Reise der 37 Kinder und Jugendlichen nennt Czarnowski "Das rollende Klassenzimmer": "Die Schüler sollen raus aus dem Klassenzimmer und den Unterrichtsstoff erleben, Geschichte erleben." Neun Tage sind sie unterwegs und rund 710 Kilometer wollen sie zurücklegen. Etappenziele sind Niederstetten im Main-Tauber-Kreis, Ebrach und Niederfüllbach (Bayern), Saalfeld (Thüringen), Naumburg (Sachsen-Anhalt), Leipzig (Sachsen), Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) sowie Potsdam (Brandenburg) und schließlich Berlin.

Auch die Rathäuser will Czarnowski dort mit der Gruppe besuchen: "Wir bringen eine Botschaft aus Heilbronn mit." In dem Brief richtet sich Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) an seine Amtskollegen und spricht von einem "wertvollen und wegweisenden Projekt". Denn die Schüler sollen nicht nur ein Stück deutscher Geschichte erfahren, sondern setzten gleichzeitig auch "ein Zeichen für den Klimaschutz".

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) lobte das Projekt: "Am liebsten würde ich selber mitradeln. (...) Für mich ist das die tollste Bildungsreise für junge Menschen, die es in Deutschland gibt." Er selbst habe vor 50 Jahren mit Czarnowski trainiert, sagte Strobl, der selbst aus Heilbronn kommt.

Vor 15 Jahren organisierte Czarnowski die erste Radtour nach Berlin: "Die Schüler waren nach dem Mauerfall geboren und konnten ja gar nicht mehr erleben, wie wir da gelebt haben", sagt der 78-Jährige. Das wollte er ändern. Im Jahr danach seien Schüler auf ihn zugekommen und wollten wieder fahren - also habe er jedes Jahr aufs Neue eine Tour organisiert. Im 30. Jahr nach dem Mauerfall wollte er den Schwerpunkt wieder auf die Geschichte legen.

Anders als in den Vorjahren fahren die Schüler deshalb nicht mit dem Zug zurück Richtung Heilbronn, sondern in einem eigens gemieteten Bus. "Wir wollen auf der Rückfahrt unbedingt noch Mödlareuth besuchen." Das kleine Dorf liegt zu einem Teil in Bayern und zum anderen in Thüringen. Über Jahrzehnte trennte die innerdeutsche Grenze die Bewohner.