Magdeburg (dpa/sa) - Sachsen-Anhalts Landesregierung will nach monatelangen Einschränkungen schrittweise wieder größere Veranstaltungen zulassen und hält wenig von bundeseinheitlichen Vorgaben. Ein Bußgeld für Maskenverweigerer will das Land ebenso wenig einführen wie eine generelle Maskenpflicht im Unterricht oder schärfere Bestimmungen für private Feiern, wie die Ministerriege nach einer Kabinettssitzung am Dienstag in Magdeburg klarstellte. Stattdessen könnten bald wieder Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit mehr als 1000 Besuchern möglich sein.

Am Donnerstag schalten sich die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen, um über den weiteren Umgang mit der Corona-Krise zu beraten. Dabei soll es auch um die Frage gehen, ob und welche Bereiche bundeseinheitlich geregelt werden sollten. Merkel hatte bei einem Besuch in Nordrhein-Westfalen vor einer Woche angemerkt, dass sie angesichts der gestiegenen Fallzahlen derzeit keinen Spielraum für Corona-Lockerungen sehe. Eigentlich gilt eine bundesweite Verabredung, dass bis zum 31. Oktober keine Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern möglich sind.

Es sei gerade die Chance des Föderalismus, dass die Länder beim Management der Corona-Pandemie differenziert vorgingen, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Die Infektions- und Faktenlage sei regional sehr unterschiedlich. Sachsen-Anhalt gehöre zu den Regionen mit den geringsten Fallzahlen europaweit und es sei ihm sehr wichtig, dass die geltenden Regeln in der Bevölkerung auch akzeptiert würden. Die Neuinfektionen der letzten Wochen seien größtenteils Reiserückkehrer. Dieses Problem werde es nach Ende der Hauptreisezeit nicht mehr geben. Haseloff zitierte den Chef der Staatskanzlei Rainer Robra (CDU), der zu sagen pflege: "Wir müssen ermöglichen, was man machen dürfen kann."

Bei größeren Veranstaltungen komme es im einzelnen Fall darauf an, wie Räume belüftet werden könnten, wie viele Ein- und Ausgänge und wie viele sanitäre Einrichtungen es gebe, zählte Haseloff auf. Deswegen seien auch immer die zuständigen Gesundheitsämter involviert, um einzelne Hygienekonzepte samt Zuschauerzahlen abzusegnen. Was hingegen bis auf weiteres nicht gehe, seien Volksfeste unter Einfluss von Alkohol wie das Oktoberfest, so Haseloff. Was das für die Karnevals- und Weihnachtsmarktsaison heißt, in der es in der Vergangenheit auch nicht ohne Gedränge und Alkoholausschank ging, ließ die Landesregierung offen. Eine Entscheidung soll im Laufe des Septembers fallen.

Damit schlägt Sachsen-Anhalt einen ähnlichen Weg ein wie der Nachbar-Freistaat Sachsen. Dort beschloss das schwarz-grün-rote Kabinett am Dienstag neue Corona-Regeln, die Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern prinzipiell zulässt. Bei einem guten Hygienekonzept und niedrigen Infektionszahlen in der Region sind auch gut gefüllte Stadien denkbar, wie Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) am Dienstag sagte. Allerdings führen die Sachsen ab nächsten Dienstag ein Bußgeld für Maskenverweigerer ein.

In Sachsen-Anhalt läuft die aktuelle Corona-Verordnung noch bis zu, 16. September. Sie erlaubt derzeit nur im Freien Veranstaltungen von bis zu 1000 Teilnehmern, wobei die Mitwirkenden mitgerechnet werden. Mit der neuen Verordnung soll es auch in Hallen, Sälen und geschlossenen Räumen eine stufenweise Rückkehr von Fans, Zuschauern und Besuchern geben. Details will die Landesregierung nächste Woche festlegen.

Innenminister Holger Stahlknecht schlug im Kabinett am Dienstag vor, dass mit der neuen Corona-Verordnung ab Mitte September bis zu 2500 Besucher ermöglicht werden, solange es wenig neue Infektionen gibt. Die Schwelle, ab der die Obergrenze sinkt, soll bei 15 Infektionen je 100 000 Einwohner und Woche eingezogen werden. Der CDU-Politiker hat dabei vor allem den Profi-Sport im Blick. "Zum Sporterlebnis gehören Fans, aber es ist auch eine wirtschaftliche Frage", sagte er. 2000 Zuschauer sei eine Größenordnung, bei der die Vereine wieder wirtschaftlich arbeiten könnten.

In Sachsen-Anhalt profitierten nicht nur die Fußball-Drittligisten FC Magdeburg und Hallescher FC kaum von den üppigen Geldern für Fernsehrechte wie die Vertreter aus der ersten und zweiten Liga, betonte Ministerpräsident Haseloff. Auch Top-Teams wie die Bundesliga-Handballer vom SC Magdeburg und die Basketball-Bundesligisten vom Mitteldeutschen BC seien dringend auf Zuschauer und Ticketverkäufe angewiesen.

Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) stellte klar, dass die höheren Besucherzahlen für alle Veranstaltungen gelten müssen, nicht nur für den Sport. "Wir ermöglichen alles, was wir verantworten können." Wie das konkret aussehen kann, soll auch die Studie mitbeantworten, die Forscher der Unimedizin Halle voriges Wochenende mit einem Konzert von Tim Bendzko in der Leipziger Arena durchgeführt haben.

In verschiedenen Szenarien versuchen die Wissenschaftler herauszufinden, wie nahe sich Besucher bei Großveranstaltungen kommen und auf welchen Wegen sich ein Virus verteilen könnte. Ergebnisse sollen laut Willingmann in vier Wochen vorliegen. Die könnten auch den Clubs und Diskotheken helfen, für die in der neuen Verordnung laut Willingmann ebenfalls eine Perspektive eröffnet werden soll.