Jena (dpa) - Die Corona-Krise lässt nach Einschätzung des Jenaer Sozialpsychologen Wolfgang Frindte bei Ostdeutschen Erinnerungen an die schwierige wirtschaftliche Zeit in den 1990ern wach werden. "Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt gerade im Osten erinnert wird und unbewusst mitschwingt", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Gerade die Ostdeutschen seien krisenerprobt und hätten schon früher gelernt, mit Zeiten des Mangels umzugehen.

Frage: Der Titel Ihres jüngsten Buches lautet "Halt in haltlosen Zeiten". Die tiefgreifende Corona-Krise hatten Sie beim Schreiben aber noch nicht erahnen können.

Antwort: Nein, das war nicht der Anlass. In den Jahren, in denen ich als Hochschullehrer und Forscher tätig war, gab es ganz verschiedene Bedrohungen. Da waren die Nachwirkungen von DDR und deutscher Einheit, die hohe Arbeitslosigkeit, neue Formen des Antisemitismus und Rechtsextremismus. All das hat meine Frau und mich bekümmert und wütend gemacht - und schließlich zu dem Buch veranlasst.

Frage: Sie sprechen die alten Wunden in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung an. Durch die Corona-Krise stehen nun wieder Unternehmen still. Brechen jetzt alte Sorgen wieder auf?

Antwort: Diese alten Wunden sind immer in unterschiedlicher Weise tradiert worden. Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt gerade im Osten erinnert wird und unbewusst mitschwingt. Und wir können da optimistisch sein: Wir kriegen das hin, damals haben wir es ja auch selbst hinbekommen. Dieses Selbstbewusstsein muss gestärkt werden.

Frage: Sind Ostdeutsche angesichts dieser Erfahrungen krisenerprobter und damit besser für die jetzige Situation gewappnet, wie es kürzlich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) attestierte?

Antwort: Ich vermute und hoffe das. Als ich mit Freunden telefoniert habe und wir darüber sprachen, dass Klopapier ausverkauft ist, sagte einer: Kannst du dich erinnern, wie wir uns früher mit Zeitungspapier den Hintern abgewischt haben. Das ist ein kleines Beispiel dafür, wie wir hier Zeiten erlebt haben, wo man mit Mangel umgehen musste. Ich hoffe, dass dies nicht nur meine Generation bewältigen kann, sondern dass wir unseren Kindern und Enkeln die Fähigkeit mitgegeben haben, das zu schaffen. Die Ostdeutschen erzählen gern Geschichten über das Improvisieren früher. Daran sollten wir uns jetzt erinnern.

Frage: Gerade in Ostdeutschland hatten Rechtspopulisten à la AfD und Pegida in den vergangenen Jahren Aufwind. In der aktuellen Krise gewinnen dagegen die Volks- und Regierungsparteien an Zustimmung. Sehen Sie eine Trendwende oder ist das nur ein kurzfristiger Effekt?

Antwort: Der Fokus der Bevölkerung liegt momentan auf den handelnden Akteuren, die einen starken Staat verkörpern, ob uns das passt oder nicht. Die Rechtspopulisten haben da im Moment sehr wenig Angriffsfläche. Also verbreiten sie - wie gewohnt - krude Verschwörungstheorien. Trotzdem dürfen andere Probleme, die es zu bewältigen gibt, nicht aus dem Blick verloren werden. Denken Sie etwa an den Klimawandel und die Situation von Flüchtlingen auf den griechischen Inseln der östlichen Ägäis. Und dazu gehört nach wie vor die Bedrohung von Rechts. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung scheinen mit den Rechtspopulisten zu sympathisieren.

Frage: Sie sprechen von einem Zeitalter diverser Bedrohungen. Was gibt Menschen Halt in dieser "haltlosen Zeit"?

Antwort: Das sind zum einen wir selbst: Unsere Erwartungen, unsere Haltungen, unsere Erinnerungen. Es sind auch die Gruppen, in denen wir verankert sind, wie unsere Familien und Freunde - auch wenn Begegnungen von Angesicht zu Angesicht gerade schwierig sind. Und es sind Religionen und Ideologien, aber auch unsere übergreifenden Gemeinschaften. Das zeigt sich aktuell in den vielen kleinen Aktionen: Wenn Menschen sich hinsetzen, um Mundschutzmasken zu nähen, oder sie für Nachbarn in Quarantäne einkaufen. All das gibt uns Halt.

Frage: Welche psychologischen Folgen wird diese Krise langfristig haben? Werden Ängste und Verunsicherung bleiben?

Antwort: Wenn man auf andere Seuchen in der Vergangenheit blickt wie die Pest oder die Spanische Grippe, dann zeigt sich in Berichten von damals eins: Die Angst war sehr ausgeprägt. Angst ist eine unserer Grundemotionen und sie hilft, gefährlichen Situationen auszuweichen. Wenn Menschen Angst vor einer Pandemie haben, ist das etwas Normales. Es zeigt sich aber in der Geschichte, dass dieses Angstniveau danach sehr schnell wieder zurückgeht und sich die Menschen wieder in ihren Alltag stürzen. Das legt die Vermutung nahe: Die Angst vor Ansteckung wird vielleicht bleiben, gleichzeitig werden viele Menschen beginnen, sich ihren alltäglichen Herausforderungen zu stellen.

Frage: Was sollten wir aus Ihrer Sicht aus dieser Krise lernen?

Antwort: Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft besser wird, wenn wir die Pandemie irgendwann überwunden haben. Nach der Finanzkrise 2007/2008 sind Politik und Finanzwelt wieder in ihren vorherigen Trott zurückgekehrt; sie haben wenig daraus gelernt, wie man mit solchen wirtschaftlichen Krisen anders umgehen kann als bisher.

Aber eines sollten wir lernen: Dass es Berufsgruppen - ich denke etwa an Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen - gibt, die in der Vergangenheit gesellschaftlich viel zu wenig wertgeschätzt wurden. Das muss sich ändern. Und da geht es auch ganz konkret um Geld.

Was uns, meiner Frau und mir, aber noch wichtiger ist: Wir sollten aus der jetzigen Krise lernen, dass wir auf Vieles verzichten können, nur nicht auf die wechselseitige Solidarität und aktive Mitmenschlichkeit.

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