Wernigerode (dpa) - Ein Hauch von Nebel liegt über den Fichtenwipfeln - in der Nase der Geruch von Sommerregen. Während sich die Sonne langsam über den Baumkronen erhebt, füllt sich die Straße mit grün uniformierten Wanderern. Hier und da steigt Rauch der ersten Zigaretten des Tages in die Höhe - leises Vogelzwitschern mischt sich in die gedämpften Gespräche.

Was zunächst aussieht wie eine Militärübung ist ein Gedenkmarsch. Auf den ersten Blick erinnert nichts daran, dass hier am Harzer Brocken vor fast 30 Jahren ein wichtiges Kapitel des Kalten Krieges geschlossen wurde. An diesem Tag ändert die Bundeswehr das jedoch deutlich. Die Reservisten, aktive Soldaten und Zivilisten kann man nicht übersehen.

"Guten Morgen" schallt es im Chor, als Oberstleutnant Uwe Ried vor die Teilnehmer tritt. In Reih und Glied stehen Dutzende Uniformierte in der morgendlichen Sonne. "Wie jedes Jahr erinnern wir an die Überwindung der Teilung", erläutert Ried zu Beginn des Marschs am Samstag. Von 1961 an war das Gelände nahe der deutsch-deutschen Grenze (heute Sachsen-Anhalt/Niedersachsen) militärisches Sperrgebiet. Zu DDR-Zeiten wurden hier etwa westdeutsche Telefon- und Funkverbindungen abgehört.

Mit dabei ist auch Lokalmatador Benno Schmidt - besser bekannt als Brocken-Benno. Für seinen 88. Geburtstag hat er ein klares Ziel: die 1141 Meter zum 8888. Mal zu erklimmen. "Ich war sogar einen Tag nach der Grenzöffnung in Berlin", erzählt der Wanderführer. Das sei ein enormes Glücksgefühl gewesen, woran nur die Öffnung des Brockens herangekommen sei. "Ich konnte ja 28 Jahre hier nicht hoch", sagt der Guinness-Weltrekordhalter. Er war mit dabei, als am 3. Dezember 1989 der Brocken erstmalig wieder von Besuchern bestiegen werden konnte. "Das vergesse ich nie. (...) Da bin ich nach Hause in den Trabant, meine Frau rein und wir sind zum Brocken."

Sie seien dann bis zur Sperrzone gelaufen, doch ein Offizier habe ihnen den Weg versperrt. "Tor auf, Tor auf", riefen die Wanderer damals. Hunderte waren es. Nach längeren Verhandlungen habe der Offizier dem Druck der Massen nachgegeben.

Die 258 Teilnehmer des Marsches erinnern nun an diesen historischen Tag vor fast 30 Jahren. Unter ihnen ist auch Reservist Lothar Koch. Früher war er Berufssoldat bei der Nationalen Volksarmee. Der Kalte Krieg habe ihm damals keine Angst gemacht - die Zeit der Wende sei jedoch eine der größten Herausforderungen seines Berufslebens gewesen. "Keiner wusste, was wird mit einem", erinnert er sich.

Doch der heute 64-Jährige wurde von der Bundeswehr übernommen. In die aktuelle Zukunft blickt er dennoch mit Bedenken: "Wenn man die heutige Politik sieht - überall Krisen und Krisen und keine Lösungen in Sicht..." Das bereite Probleme, genau wie das Auslaufen des INF-Vertrags.

Seine junge Kameradin Christin Jaffke, Zeitsoldatin seit 2014, sieht das gelassener: Sie verfolge mit ihren Kameraden die politische Lage, doch selbst Auslandseinsätze, von denen die Bundeswehr derzeit konkret betroffen ist, seien in ihrem "kleinen" Landeskommando kein großes Thema. Auch die Vergangenheit wiegt bei ihr nicht all zu schwer: "Ich fühle mich nicht unwohl, wenn ich hier bin", sagt die 28-Jährige. Ob sie anders über ihre Berufswahl oder die Zukunft denkt, wenn sie hier an einem Schauplatz des Kalten Krieges steht? "Eher nicht, weil man das ja nicht miterlebt hat."

Kurz bevor alle Teilnehmer am Gipfel angelangt sind, verschwindet die Sonne und dichter Nebel verhüllt für kurze Zeit die Sendemasten auf der Kuppe. Nach einer kurzen Stärkung geht es wieder nach unten - bevor es nächstes Jahr wieder diese Tour gibt. Damit Menschen wie Benno Schmidt und die vielen anderen friedlichen Revolutionäre nicht in Vergessenheit geraten.