Güstrow/Neubrandenburg (dpa) - 30 Jahre nach der deutschen Einheit wird das Verständnis der Ost- und Westdeutschen füreinander seit Donnerstag bei den Uwe-Johnson-Literaturtagen in Neubrandenburg und Güstrow näher beleuchtet. Sie tragen diesmal das Motto "Besondere Mischungsverhältnisse? - Uwe Johnson und die Deutschen vor und nach 1989". Geplant sind bis Ende Oktober Lesungen, Gesprächsrunden und Buchpremieren sowie die Verleihung des mit 20 000 Euro dotierten Johnson-Literaturpreises.

"Wir wollen versuchen, "die andere Seite mit ihren eigenen Augen zu sehen", wie es Johnson getan hätte", erklärte der Vorsitzende der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft (MLG), Carsten Gansel, die Thematik für 2020 in Anspielung auf einen Ausspruch Johnsons. Die Wirklichkeit in Ostdeutschland sei deutlich komplexer, als dies in politischen und medialen Darstellungen zu finden sei. Erwartet werden Autoren wie Kathrin Gerlof, Tom Müller, Kenah Cusanit und Birk Meinhardt.

Vorgestellt wird zudem der Roman "Wir selbst" des wolgadeutschen Autors Gerhard Sawatzky (1901-1944), der 1938 geschrieben worden war und lange als verschollen galt. Die sowjetische Staatsführung hatte das Buch vernichtet und den Autor verhaftet und töten lassen. Der Literaturwissenschaftler Gansel hatte das versteckte Urmanuskript aber in Russland aufgespürt und neu aufgelegt.

Ein Höhepunkt soll am 9. Oktober die Übergabe des Johnson-Literaturpreises an Irina Liebmann ("Die Große Hamburger Straße") in Berlin sein. Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben und würdigt deutschsprachige Autoren, in deren Werken sich Anknüpfungspunkte zur Poetik des Schriftstellers Uwe Johnson (1934-1984) finden, dessen bekanntestes Werk "Jahrestage" war.

Zum Auftakt der Johnson-Tage, die wegen der Corona-Krise deutlich weniger Gäste haben dürfen, wurden am Donnerstag Gerlof und Müller in der Bibliothek in Güstrow erwartet.

Roman Sawatzky