Schönhausen l

Hier, in seiner alten Heimat,  betreut Ralf Euker ab November nun eine kleine Kirchgemeinde. Anke Schleusner-Reinfeldt hat mit ihm über die zehn Jahre in Schönhausen geplaudert.

Welches Auge tränt mehr – das weinende oder das lachende?

Ralf Euker: Zur Zeit mehr das weinenden Auge. Meine Frau und ich, wir sind jetzt sehr in Abschiedsstimmung und viele Menschen um uns herum auch. Wir spüren viele enge Bindungen, die entstanden sind und nun so nicht weiterleben können. So gut wie alles, das wir hier gerade erleben, geschieht zum letzten Mal … Aber wir freuen uns natürlich auch auf den Neuanfang in Hamburg-Neuenfelde, und die Gemeinde freut sich dort auf uns. Wir blicken sehr zuversichtlich auf das, was vor uns liegt.

2009 hatten Sie nach dem Vikariat ihre erste Pfarrstelle in Schönhausen angetreten. Welche Erinnerungen haben Sie an die erste Begegnung mit den Menschen in Schönhausen, Hohengöhren, Neuermark-Lübars und Molkenberg-Schollene?

Ich erinnere mich, dass es meistens relativ viele waren. Die Menschen hier haben Lust auf Kirche und Gottesdienst. Das war mir vom ersten Tag an eine große Freude, die immer geblieben ist. Sie sind mit Ernst, aber auch mit großer Freude Christen. Sie sind sehr engagiert und leicht motivierbar. Ich spürte, dass ich es hier gut haben würde als Pfarrer – und genau so ist es gekommen.

Der Pfarrbereich Schönhausen ist von der Anzahl der Gemeindeglieder her überschaubar, aber das Gebiet ist weiträumig und es gibt sieben Kirchen – ist es das, was die Arbeit als Pfarrer zur Her- ausforderung macht?

Die überschaubare Anzahl von Gemeindegliedern, gut 700 Seelen, ist ein Segen. Ich habe viele von ihnen persönlich kennen gelernt. Den meisten bin ich wohl mal begegnet. Ich konnte wissen, für wen ich hier Pfarrer und Seelsorger war. Die Weitläufigkeit ist ein Problem. Als Pfarrer träumte ich immer von einer großen Gemeinde. Über die weiten Entfernungen kommen die Menschen aber nicht so gut zusammen, wie ein Pastorenherz es sich wünscht.

Und inzwischen ist es ja auch nur noch eine halbe Pfarrstelle. Schafft man die Arbeit gut und ist Schönhausen somit überhaupt noch attraktiv für Pfarrer, sich auf diese Stelle zu bewerben?

Die Arbeit gut zu schaffen, ist natürlich eine Frage der Organisation – egal wie klein oder wie groß und mit wie vielen Dienstbereichen die Pfarrstellen ausgestattet ist. Es gibt Pfarrer, die sehnen sich nach dem reinen Gemeindedienst. Die anderen haben ein Steckenpferd, wie zum Beispiel ich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Für solche Typen ist die Schönhauser Pfarrstelle mit ihren Stendaler Dienstbereichen wie geschaffen. Die Fortbildung Ehrenamtlicher, die ja auch noch dazu gehört, macht sehr viel Spaß. Es sind ja grundsätzlich die Engagiertesten, die die entsprechenden Bildungsveranstaltungen wahrnehmen.

Hinter Ihnen standen engagierte Gemeindekirchenräte?

Das muss ich korrigieren: Extrem engagierte Gemeindekirchenräte! Zwanzig Menschen mit sehr unterschiedlichen Begabungen. Alle Fähigkeiten, die es braucht, waren und sind vorhanden – ein großer Schatz. Und auch Durchhaltevermögen und Loyalität, wenn es mal dicke kam. Der liebe Gott meinte es gut mit mir und uns, als er unsere beiden Gemeindekirchenräte (per Gemeindekirchenratswahl natürlich) so gut „bestückt“ hat. Zu vielem trug aber auch im unsichtbaren Hintergrund das engagierte Wirken meiner Frau Kerstin bei. Auch sie war hier eine gefragte Seelsorgerin. Und natürlich hauchte sie auch Lissi in den Geschichten-Gottesdiensten das Leben ein.

Auch um Spenden für diverse Restaurierungen mussten Sie vor allem in Schönhausen nicht lange bitten ...

Ja, so ist es. Nicht zuletzt die Schönhauser, doch nicht nur sie, sind ein sehr großzügiges Völkchen. Sie fühlen sich mit ihrer Kirche und auch mit ihrer Kirchengemeinde verbunden, unabhängig davon, ob sie Mitglied sind oder nicht. Es rührt mich regelrecht, wenn ich daran denke.

Welche Bauprojekte zählen zu den Meilensteinen Ihrer Schönhausen-Zeit?

Auweia – unser überaus patenter Bauausschuss hat ja die ganze Zeit Bauprojekte vorangetrieben, oftmals bis zu zehn gleichzeitig, von denen sich dann jeweils die meisten aber natürlich im Status der Vorbereitung befanden. Auf jeden Fall ist es mir eine große Freude, wenn mir der vor allem von innen sanierte Schönhauser Kirchturm mit den wieder vergrößerten Fensterlaibungen, den Schallluken und der schönen Treppenanlage ins Auge fällt. Immer noch geht mir regelmäßig das Herz auf, wenn ich den restaurierten Schönhauser Barockaltar, das Augustus-Epitaph oder die Friedenskapelle betrachte.

Und was sind die dringlichsten Projekte, die bereits angeschoben sind beziehungsweise nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden sollten?

Ich bin sehr erleichtert, dass wir gerade mit der wunderbaren Hohengöhrener Kirche ein spürbares Stück weiterkommen und dass sich das äußere und innere Antlitz der kostbaren kleinen Lübarser Kirche schon deutlich verbessert hat. Ich empfinde es als Meilenstein für die Gemeindearbeit, aber auch für das zukünftige Vereinsleben in Schollene und Umgebung, dass wir mit Hilfe des Leader-Programms das Schollener Pfarrhaus zu einem „Haus der Begegnung“ weiterentwickeln und das Gebäude grundlegend sanieren können. So gut wie am Start befindet sich die Restaurierung der barocken Kanzel und der Patronatsloge in Schönhausen. Dadurch wird das Erscheinungsbild dieser geschichtsträchtigen Kirche noch ästhetischer und geschlossener.

Abgesehen von den Bauprojekten gab es viele andere Dinge, die strahlendes Licht auf den Pfarrbereich geworfen haben ...

Ja, alle paar Jahre gab es ein schönes Großereignis – das große Schönhauser Kirchweihjubiläum zum Beispiel mit Altarwiedereinweihung und Willebrord-Musical 2012, den 200. Bismarck-Geburtstag 2015 und gewissermaßen als „Krönung“ 2018 den 10. Altmärkischen ökumenischen Kirchentag neben vielen, vielen kleinen Ereignissen, zum Beispiel die schönen Kinderfeste. Nichts davon wäre gelungen, wenn nicht viele, viele Menschen – wir kirchlichen zusammen mit den anderen Engagierten in den Vereinen, in den Feuerwehren und in den Gemeinden – mitgewirkt hätten. Und Gottes kräftiger Segen! Ich bin glücklich über all das und staune auch wirklich über die Fülle dessen, was möglich war.

Aber es gab auch Schattenseiten ...

Deutliche Zäsuren auch im Leben der Kirchengemeinden stellten natürlich die Flut 2013 und auch das Engagement rund um die Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge von 2015 bis 2018 dar. Durch die Flut habe zunächst einmal ich als Seelsorger viele Menschen kennen gelernt, denen ich sonst nicht begegnet wäre. Die Verteilung von mehreren Hunderttausend Euro Spendenmittel hat weitere Verbindungen geschaffen. Generell hat die Naturkatas­trophe auch für uns kirchliche Engagierte die Zeit in eine Zeit vor und eine Zeit nach der Flut geteilt … Die Flüchtlingshilfe hat uns, die wir anfangs alle ziemlich „unbeleckt“ waren auf diesem Gebiet, sehr herausgefordert. Wieder sind viele in den Gemeinden deutlich über sich hinausgewachsen. Der Unglücksfall, zu dem es in diesem Zusammenhang kam, zeigte auch, mit wie viel Solidarität unser Engagement in den Dörfern begleitet wurde und wird.

Die Konfirmandenprojekte suchen ihresgleichen im Land und sind wirklich bemerkenswert ...

… und lagen mir sehr am Herzen, so wie die Konfirmandenarbeit überhaupt. Die hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mich gefragt habe: Wie kann es sein, dass man für so viel Spaß auch noch Lohn bezahlt bekommt. Normalerweise hätte ich Eintritt entrichten müssen. Die Jugend ist einfach spitze! Kein Wunder, dass auch die Sportvereine und die Feuerwehren so aktiv sind in der Arbeit für den Nachwuchs. Das macht einfach nur Spaß!

Nun beginnt die Zeit der Vakanz. Pfarrer Seidenfaden übernimmt die Vertretung, bis ein neuer Pfarrer gefunden ist. Volkstrauertag, Martinsspiel, Krippenspielproben ... wie ist all das zu bewältigen?

Wieder nur gemeinschaftlich. Pfarrer Johannes Seidenberg, ein sehr aktiver Ruheständler, wird ab November viel Unterstützung aus den Gemeinden brauchen und ganz sicher auch bekommen. Die Krippenspiele liegen in allen Orten in den guten Händen von Ehrenamtlichen-Teams.

Was nehmen Sie noch mit aus Schönhausen?

Viele, viele Erinnerungen auch an freundschaftliche Beziehungen, an Erlebnisse und Erfahrungen – ein unüberschaubares Feld an Gutem.

Zum Abschiedsgottesdienst kommen Sie noch einmal wieder ...

Ja, zum Abschlussgottesdienst am Sonntag, 27. Oktober, ab 14 Uhr kommen wir noch einmal wieder und können hoffentlich viele, viele Freunde, Bekannte und Weggefährten noch einmal treffen. Es wird mit Sicherheit ein sehr feierlicher und auf jeden Fall ein besonders musikalischer Gottesdienst. Der Posaunenchor bereitet sich intensiv darauf vor. Die beiden Singkreise des Pfarrbereiches aus Schollene und Schönhausen treten gemeinsam auf. Domkantor Johannes Schymalla aus Stendal entlockt der Scholtze-Orgel ein sicherlich furioses Vor- und ein ebensolches Nachspiel. Der Flötenkreis leistet einen Beitrag und auch die Band der Jungen Gemeinde wird dabei sein. Die Predigt halte ich. Für die Entpflichtung ist natürlich Superintendent Michael Kleemann aus Stendal zuständig. Im Anschluss wird noch herzlich zu einem Stehcafé ins Gemeinschaftshaus eingeladen.