Gelsenkirchen (dpa) - Wieder kaum Torgefahr, erneut keine Meisterreife - bei Borussia Dortmund wächst die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Beim schmeichelhaften 0:0 im Revierderby auf Schalke erwies sich die eigentlich hochkarätig besetzte BVB-Offensive erneut als harmlos.

Dass der gegnerische Strafraum für Marco Reus und Co. zum wiederholten Mal zur Tabuzone wurde, sorgte selbst bei Schalkes Torhüter Alexander Nübel für Verwunderung. "Dortmund hatte einfach gar keine Chance, weil keiner in der Box war und keiner in die Box wollte", rätselte der nur selten geprüfte Schlussmann und verwies so auf das derzeitige Dilemma der Borussia.

Nur mit viel Glück entgingen die Dortmunder drei Tage nach dem deprimierenden 0:2 bei Inter Mailand einem weiteren Rückschlag. Das verschaffte dem in die Kritik geratenen Trainer Lucien Favre zwar eine Atempause, nahm ihm aber nicht die Sorge um seinen Arbeitsplatz. Nach nur zwei Siegen in den vergangenen acht Pflichtspielen stehen alle Beteiligten in der Bringschuld. Kapitän Reus gab sich kämpferisch: "Wir müssen aus dieser Situation herauskommen, die ich nicht als Krise betiteln würde. Wir werden zurückkommen, auch was das Spielerische angeht, selbst wenn wir davon momentan weit entfernt sind."

Anders als noch in Mailand kam diesmal zumindest niemand auf die Idee, den tristen Auftritt schönzureden. Schließlich war der Erzrivale aus Gelsenkirchen rund 70 Minuten die spielbestimmende Mannschaft und bei zwei Aluminiumtreffern von Salif Sané (28.) und Suat Serdar (35.) dem Sieg nahe. "Für uns ist der Punkt eher glücklich", gestand Sportdirektor Michael Zorc, "es wirkt alles ein bisschen zäh und verkrampft." Trainer Favre bewertete das Remis ähnlich: "Vorher hatten wir mehr erhofft, jetzt können wir das Ergebnis akzeptieren."

Der ehemalige Schalke-Kapitän Olaf Thon hält Favre nicht für den richtigen Trainer für Dortmund. "Favre ist kein Typ wie Klopp, da fragt man sich, warum hat Aki Watzke diesen Trainer verpflichtet? Da braucht man in Dortmund wie auf Schalke Emotionen, da braucht man einen, der Gas gibt, die Leute mitnimmt", sagte Thon am Sonntag in der Fußball-Talksendung "Doppelpass" bei Sport1. Seiner Ansicht nach passt der stets ruhig und besonnen auftretende Schweizer Favre nicht zum emotionalen Verein wie Dortmund.

Der wieder in die Startelf beorderte Mario Götze konnte das lahme BVB-Angriffsspiel nicht beleben. Bei seiner Auswechslung in der 58. Minute würdigten sich der Edelreservist der vergangenen Wochen und Favre keines Blickes. Das werteten viele Beobachter als Indiz für das angespannte Verhältnis der beiden. Die anschließende Aufregung im Internet, dass der Weltmeister von 2014 daraufhin das Stadiongelände mit einem Privatwagen verlassen haben soll, entpuppte sich jedoch als Sturm im Wasserglas. Vielmehr wurde Götze in ein Krankenhaus gefahren, in dem seine lädierte Hand geröntgt, aber kein Bruch festgestellt wurde.

Ein Torjäger wie Paco Alcácer könnte helfen, die Probleme zu beheben. Doch wie Sportmanager Zorc bestätigte, wird der Spanier auch am Mittwoch im Pokalspiel gegen Mönchengladbach nicht zur Verfügung stehen. Diese Partie bildet den Auftakt zu einem schweren Programm mit Duellen gegen Wolfsburg, Mailand und Bayern München binnen nur zehn Tagen, die über die Zukunft von Favre entscheiden könnten.

Ungleich entspannter kann dessen Kollegen David Wagner die kommenden Aufgaben angehen. Der einstige Coach der zweiten BVB-Mannschaft hat die noch in der vergangenen Saison vom Abstieg bedrohten Schalker zu neuem Leben erweckt. Mit gnadenlosem Pressing bereiteten sie dem nur einen Punkt besseren BVB große Probleme, belohnten sich aber nicht für den starken Auftritt. "Wir nehmen viel richtig Gutes aus dem Spiel mit, nur das Beste nicht, die drei Punkte", resümierte Wagner.

Wie schon beim 0:2 vor einer Woche in Hoffenheim war Schalke das bessere Team, konnte aber seine Abschlussschwäche erneut nicht ablegen. Zwar werden in neun Bundesliga-Spielen 14 Treffer für die Knappen notiert, doch darunter waren gleich zwei Eigentore der Berliner Niklas Stark und Karim Rekik, ein verwandelter Elfmeter (Amine Harit) und insgesamt nur zwei Stürmer-Tore (Ahmed Kutucu und Rabbi Matondo). "Diesmal hatte es auch einfach mit Pech zu tun", kommentierte Wagner die beiden Alutreffer. Gleichwohl überwog nicht nur beim ihm die Zufriedenheit. "Wir haben das Spiel dominiert, das hat jeder gesehen", sagte Nationalspieler Serdar. "Es macht einen stolz, dass wir uns so entwickelt haben."

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