Berlin/Cottbus l Der elfte Platz von Union Berlin in der Bundesliga-Premierensaison ist schon eine kleine Sensation. „Ich glaube, dass wir dafür gesorgt haben, dass der ohnehin schon positiv besetzte Name Union innerhalb Deutschlands mächtig an Image gewonnen hat“, frohlockt Unions Geschäftsführer Oliver Ruhnert.

Der Verein ist – wenn man RB Leipzig außen vor lässt – der große Lichtblick im zurzeit arg gebeutelten Ost-Fußball. In der Zweiten Liga hält nur noch Erzgebirge Aue die Fahne hoch. Und in der 3. Liga war die Erleichterung groß, dass neben Chemnitz und Jena nicht auch noch der 1. FC Magdeburg und der Hallesche FC den Gang in die Regionalliga antreten mussten. Was sind die Gründe dafür? Energie Cottbus und Union Berlin zeigen beispielhaft auf, woran Ost-Clubs scheitern – oder eben nicht.

Kürzlich hat Nils Petersen bei Energie Cottbus vorbeigeschaut. Das Bild mit dem in Wernigerode geborenen Bundesliga-Stürmer auf der Tribüne im Stadion der Freundschaft sorgte in den sozialen Netzwerken für Aufregung. Ein Anhänger fragte sich: „Kehrt Nils Petersen jetzt zu uns zurück?“

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Natürlich nicht! Die Zeiten, als Energie als damaliger Zweitligist Petersen für eine Ablösesumme von 300 000 Euro von Carl Zeiss Jena in die Lausitz geholt hat, liegen Jahre zurück. Petersen glänzt inzwischen beim SC Freiburg – Cottbus ist fußballerisch gesehen nur noch viertklassig.

In Cottbus ist niemandem zum Feiern zumute

In der Regionalliga Nordost startet der FCE einen weiteren Versuch, um in den Profifußball zurückzukehren. Doch die wirtschaftlichen Bedingungen vor dem Hintergrund des Strukturwandels machen die Mission Aufstieg zu einer Mammutaufgabe. Die Gegenwart des einstigen Bundesligisten ist ein stark verjüngtes Team, das ohne echte Stars die Mission 2022 erfüllen soll. Spätestens da will der Verein in die 3. Liga zurückkehren.

Der eingeleitete Generationswechsel ist vor allem finanziellen Gründen geschuldet. „Wir haben im Rahmen unserer Vision 2022 eine sportliche Philosophie entwickelt, die wir mit jungen talentierten, aber auch erfahrenen Spielern unterhalb der 30 Jahre umsetzen möchten“, sagt der Sportliche Leiter Sebastian König.

Ausgerechnet im Jahr des 20-jährigen Jubiläums des ersten Aufstiegs in die Bundesliga ist in der Lausitz niemand zum Feiern zumute. Was bleibt, ist die Erinnerung. Am 26. Mai 2000 schaffte der FCE das Unfassbare: Das kleine Cottbus machte den Bundesliga-Aufstieg perfekt. Nur drei Jahre nach dem Zweitliga-Aufstieg staunte ganz Deutschland über den FC Energie, der unter dem knorrigen Trainer Eduard Geyer plötzlich gegen Bayern, Dortmund und Schalke spielte.

Erste Zäsur für Cottbus

Danach bewegte sich Energie Cottbus im Dreijahres-Rhythmus durch die beiden höchsten Spielklassen. Drei Jahre Bundesliga, drei 2. Liga, danach wieder drei Jahre Bundesliga. Der Abstieg in die 2. Liga im Jahr 2009 bedeutete im Rückblick die erste große Zäsur und leitete den Abschwung ein. Mit der Teilnahme am DFB-Pokalhalbfinale unter Trainer Claus-Dieter Wollitz im Jahr 2011 gab es immerhin noch einen sportlichen Höhepunkt. Doch der Absturz war nicht aufzuhalten: 2014 Abstieg in die 3. Liga, 2016 Absturz in die 4. Liga.

Es rutschten zwar viele Ostclubs in dieser Zeit ab. Und dennoch ist die Geschwindigkeit im Fall von Cottbus besonders hoch. Innerhalb eines Jahrzehnts stürzte der FCE von der Bundesliga in die 4. Liga ab. „Damals haben wir immer gesagt: Jedes Jahr in der Bundesliga ist ein Jahr Urlaub von der 2. Liga“, erinnert sich Ehrenpräsident Dieter Krein. Inzwischen sind die sportlichen Ansprüche deutlich kleiner. Krein, der nach wie vor ein Mann der markanten Worte ist, betont: „Noch vor einigen Jahren war der Ostfußball mit mehreren Teams in der 2. Bundesliga zu Hause, dann nur noch in der 3. Liga. Und jetzt ist er mittlerweile im Freizeitbereich, also der Regionalliga, angekommen.“

Der sportliche Absturz war ein schleichender Prozess. Der Verein glaubte zu lange, ausschließlich von seiner Vergangenheit leben zu können. Selbstzufriedenheit, eine falsche Personalpolitik und der fehlende Mut, zukunftsträchtige Strukturen zu schaffen, begleiteten den Niedergang. Ein starker Sportlicher Leiter, der für Konstanz hätte sorgen können, wurde fatalerweise nicht installiert.

Abstieg in die Regionalliga

Der Abstieg in die Regionalliga 2016 war ein Meilenstein des Niedergangs, weil sich Cottbus damit von der Landkarte des Profifußballs verabschieden musste. Dazu kamen dann noch die sich immer weiter verschlechternden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zu Bundesliga-Zeiten war Cottbus der Leuchtturm im Osten. Inzwischen sind andere Clubs vorbeigezogen.

Beispielsweise Union Berlin. Selbst in der Sommerpause sorgen die Köpenicker durch die Verpflichtung von Ex-Nationalkicker Max Kruse für Schlagzeilen. Zudem schlug der Verein vor, für ein volles Stadion in der neuen Saison alle Zuschauer vorher auf Corona zu testen. Die Kosten, die pro Spiel bis zu einer Million Euro betragen dürften, wollten die Eisernen selbst tragen.

Lässt man die bei Union-Fans regelrecht verhassten Leipziger von RB außen vor, hat sich der FCU zum Leuchtturm des Fußball-Ostens gemausert. Dabei war Union zu DDR-Zeiten ein kleines Licht. In Berlin stand der Verein sportlich im Schatten des zehnfachen Rekordmeisters BFC Dynamo. In der ewigen Tabelle der DDR-Oberliga rangiert die Fahrstuhlmannschaft Union nur auf Platz 14. Der bis heute einzige Titel ist der FDGB-Pokalsieg von 1968.

Union musste einige Täler und Skandale durchschreiten. In den 1990er Jahren scheiterten die Wuhlheider mehrfach am Aufstieg in die 2. Bundesliga, auch weil der DFB die Lizenz veweigerte. Zu Beginn der 2000er Jahre folgte ein Hoch. Von 2001 bis 2004 spielte der Verein erstmals in der 2. Bundesliga. 2001 zogen die Wuhlheider ins DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04 (0:2) ein. Als unterlegene Mannschaft bestritt Union sogar vier Europacupspiele.

Union war 2005 nur noch viertklassig

Doch nach dem Abstieg 2004 stürzte Union 2005 sogar erstmals in der Vereinsgeschichte in die Viertklassigkeit ab. Dies ist als Wendepunkt anzusehen. Die Fans, die den Verein schon in den 1990er Jahren am Leben erhalten hatten, blieben Union treu. Sie kamen auch in der Oberliga in Scharen. Im Prinzip besteht seit 2004 die Vereinsführung nur aus eingefleischten Anhängern. Zu dieser Zeit übernahm auch der bis heute aktuelle Präsident Dirk Zingler die Geschicke.

Der macht(e) bei Weitem nicht alles richtig. Aber wenn er sich Ziele setzt, bleibt er hartnäckig. Zudem hatte Union Glück, dass Medienunternehmer Michael Kölmel seit 1998 Investor, Sponsor und Fan ist. Zingler schaffte es, dass Union unter Trainer Uwe Neuhaus bis 2009 wieder in die 2. Bundesliga aufstieg und die Alte Försterei nach Jahren des Verfalls endlich modernisiert wurde. Dass 2008/09 mehr als 2000 Fans ehrenamtlich mitbauten, sorgte für eine zusätzliche Identifikation.

Die Anhänger, die ihre Mannschaft nie auspfeifen, sind das größte Gut der Südost-Berliner. Nach dem Aufstieg 2019 rennen die Fans Union die Bude noch mehr ein. Zum 30. Juni 2020 vermeldete Union 36 990 eingetragene Mitglieder.

Finanziell hat sich Union von Jahr zu Jahr gesteigert. Betrug der Etat in dem einen Oberligajahr gerade mal eine Million Euro, waren es beim Zweitligaaufstieg rund 54 Millionen. Für die Bundesliga-Saison waren rund 70 Millionen Euro geplant. Neben den Hauptsponsoren kfzteile24, Layenberger (2016 – 2019) und das Immobilien-Unternehmen Aroundtown (seit 2019) kann Union auch auf viele lokale Sponsoren und einen Wirtschaftsrat mit Fans an der Spitze von mittelständischen Unternehmen bauen.