Köln l Seit dem „Sommermärchen 2006“ ist Public Viewing bei Fußball-Großereignissen nicht wegzudenken. Das Verhalten der Fans hat sich allerdings gewandelt.

Das schwarz-rot-goldene Fan-Meer am Brandenburger Tor wird auch bei dieser WM eines der prägenden Bilder sein. Die Organisatoren des Public Viewings in Berlin richten sich bei Spielen der deutschen Weltmeister wieder auf bis zu 300.000 Menschen ein, die gemeinsam jubeln und zittern wollen. Bundesweit jedoch hat das Rudelgucken, das seit 2006 zur WM gehört wie der Ball, seinen Zenit überschritten. Die Zahlungsbereitschaft beim Public Viewing liege durchschnittlich nur bei 2,08 Euro pro Person, so das Ergebnis einer Umfrage. 44 Prozent der Deutschen sind gar nicht bereit, für ein Gemeinschaftserlebnis in die Tasche zu greifen.

In vielen Großstädten werden keine Marktplätze mehr für Fanmeilen gesperrt, das Public Viewing auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg steht wegen fehlender Sanitäter massiv auf der Kippe und selbst in Berlin werden die Tore erst ab dem Achtelfinale an jedem WM-Spieltag geöffnet.

Der schleichende Rückgang hat Gründe. „Die Veranstalter müssen natürlich im Auge haben, dass sich ein Public Viewing amortisiert“, sagt Fanforscher Gunter A. Pilz: „Hinzu kommt die Sorge vor Terroranschlägen bei solchen Ereignissen. Bei den massiven Sicherheitsvorkehrungen überlegen sich viele zweimal, ob sie das auf sich nehmen.“ Das Gemeinschaftserlebnis verlagert sich eher in (Open-Air-)Kneipen oder aber in den heimischen Garten. Der Zirkel wird insgesamt kleiner und persönlicher. Dies liegt auch daran, dass Großbildfernseher immer erschwinglicher werden. „Jede Kneipe oder jede Kirchengemeinde kann ein Public Viewing im kleineren Kreis veranstalten“, sagte Pilz.

Michael Schmidt, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands in Sachsen-Anhalt, begrüßt diese Entwicklung im Interesse der Gastronomie. „Es ist doch gut, dass nicht immer nur die großen Caterer bei Mammut-Veranstaltungen Geld verdienen.“ Er drückt dem deutschen Team die Daumen. Auch deshalb: „Jedes Weiterkommen bedeutet Umsatz für unsere Gaststätten.“ Dass es aufgrund der WM-Wochen in Sachsen-Anhalt einen spürbaren Einbruch bei Hotel-Übernachtungen geben könnte, befürchtet Schmidt nicht.

Besonders die Brauereien setzen auf das Zugpferd Fußball. Immerhin stieg der Bierumsatz sowohl bei der WM 2014 als auch bei der EM 2016 jeweils um 14 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr.

Die Colbitzer Geschäftsführerin Petra Haase sagt: „Bei Fassbier sind wir flexibel. Bisher haben wir alle Public Viewings gewuppt.“ Beim Flaschenbier könne es Probleme geben wegen des schleppenden Leergutrücklaufs. Claudia Hauschild von „Hasseröder“ meint: „Je weiter Deutschland kommt, desto mehr Fans genießen die Spiele – und davon profitiert naturgemäß auch unser Absatz.“

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