Magdeburg l Seit einigen Wochen wird im Handball fleißig darüber diskutiert, welche Regeln abgeschafft werden sollten und welche helfen könnten, die Sportart noch attraktiver zu machen. Heißestes Thema dabei ist die 7-gegen-6-Regel. Was früher mit einem Leibchen gerne zum Ende des Spiels genutzt wurde, um in Überzahl noch ein Tor zu erzielen, wird heute fast bei jeder Strafzeit angewendet, um im Angriff den fehlenden Spieler auf der Platte zu ersetzen. Richtig bestraft wird die in Unterzahl spielende Mannschaft eigentlich nur in der Abwehr, weil dann schlecht der Torwart durch einen Feldspieler ersetzt werden kann.

Online-Symposium der IHF

Mit dieser im Juli 2016 eingeführten Regelung beschäftigte sich am Wochenende auch die Internationale Handball Föderation in einem Online-Symposium. Mit dabei war auch Dietrich Späte, Vorsitzender der Trainer- und Methodikkommission. Der hatte im vergangenen Jahr bei insgesamt 24 Mannschaften in 95 Spielen die 7-gegen-6-Regel genau analysiert. Sein Ergebnis: Ein Team hat davon in jedem Spiel Gebrauch gemacht, zwei Teams in 95 Prozent und sieben Mannschaften in der Hälfte ihrer Spiele. Zwölf Teams griffen auf die Möglichkeit eines zusätzlichen Feldspielers gar nicht zurück. Späte wertete auch die WM 2019 aus. Da griff das deutsche Nationalteam in 75 Prozent ihrer Spiele auf das 7-gegen-6 zurück, Norwegen und Frankreich in ihren Partien dagegen überhaupt nicht.

7-gegen-6 hilft eher schwächeren Teams

Auch der SC Magdeburg spielt dieses System eher selten. „Als die Regel eingeführt wurde, mussten wir uns alle erst einmal darauf einstellen und im Training auch regelmäßig aufs leere Tor werfen. Und bitte nicht falsch verstehen – aber es ist vor allem ein taktisches Mittel für individuell nicht so stark ausgeprägte Teams. Deshalb bin ich der Meinung, dass man die Verantwortlichen von Clubs, die mit dieser Taktik spielen, viel mehr in die Diskussionen einbeziehen müsste und nicht diejenigen fragt, die dieses System nur selten gespielt haben“, erklärt Trainer Bennet Wiegert.

Offensive Deckung in Unterzahl kaum möglich

Bei einer Umfrage vom Internetportal „HandballWorld“ unter 39 internationalen Top-Trainern sprachen sich sogar 30 Verantwortliche gegen die Regel aus. Zu den schärfsten Kritikern gehört Alfred Gislason. „Ich glaube nicht, dass der Handball attraktiver wurde, im Gegenteil. Die Regel macht das Spiel viel langsamer. Trainer verlieren besonders in der Abwehr ihre taktischen Varianten. Durch den zusätzlichen Feldspieler gibt es keine Überzahl mehr, der Vorteil ist dahin“, erklärte der Bundestrainer bei der Umfrage.

Offensive Deckungsvarianten funktionieren beim 6 gegen 7 kaum und sorgen für ein eintöniges Spiel. Deshalb würde auch Flensburgs Coach Maik Machulla die Regel abschaffen und sagte bei der Umfrage: „Die Mannschaften, die gegen sieben Feldspieler verteidigen müssen, sind zu einer sehr defensiven Abwehr gezwungen. Und im Angriff sind diese Überzahlsituationen langweilig, weil nur lange gespielt wird, um irgendwann eine Überzahlsituation zu erreichen. Zudem ist es ganz schlimm, wenn es vier, fünf Treffer ins leere Tor gibt.“

Dänemarks Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen, hält indes dagegen: „Die Trainer, die jetzt sieben gegen sechs spielen, würden dann mit einem extra Leibchen spielen, um den Torwart herauszunehmen. Von daher würde sich nicht viel ändern.“

Deshalb wird auch darüber nachgedacht, die Regelung zumindest bezüglich der Zeitstrafen einzugrenzen. Wenn ein Team also wegen einer Zeitstrafe in Unterzahl spielt, sollte sie den Torwart nicht durch einen Feldspieler ersetzen dürfen.

Top-Teams brauchen Überzahl nicht zwingend

Nicht zu vergessen, dass es gerade beim Von-der-Bank-ins-Tor-Stürmen der Torhüter auch zahlreiche unschöne Szenen gab. Einige sind böse mit dem Kopf oder anderen Körperteilen beim Rettungsversuch gegen die Pfosten geknallt. Auch beim letzten Spiel des SC Magdeburg vor der Corona-Pause in Stuttgart gab es so eine Schrecksekunde. Die Gastgeber hatten Jogi Bitter aus dem Tor genommen. Und als der wieder zurück zwischen die Pfosten wollte, prallte er mit Sascha Pfattheicher zusammen, der sich dabei eine Gehirnerschütterung zuzog.

Von einer Grundsatzdiskussion hält Wiegert nicht viel und bemerkt schmunzelnd: „Ich wurde auch nicht offiziell befragt und gehöre scheinbar nicht zu den Top-Trainern.“ Aber zu den Trainern, die eher mal bei Strafzeiten auf den zusätzlichen Feldspieler zurückgreifen. Wiegert: „Wir brauchen dieses taktische Mittel nicht unbedingt, weil wir Spieler haben, die mit ihrer individuellen Klasse auch so eine Überzahl schaffen können, indem sie einen Gegenspieler ausspielen und einen weiteren binden.“

Wiegert nimmt Regeln gelassen hin

Teams aus unteren Tabellenregionen haben solche Spieler kaum und setzen permanent auf Überzahl. Wiegert: „Gegen Balingen haben wir uns mal richtig schwer getan, standen oft 70 bis 80 Sekunden in der Abwehr, trafen dann das leere Tor des Gegners nicht und waren wieder ohne Ballbesitz. Da hatten wir um die 20 Angriffe weniger. Aber das ist alles müßig. Ich gehe mit den Gegebenheiten um, die sich mir bieten.“