Magdeburg/Hafnarfjördur l Wenn Gisli Kristjansson in seiner Heimat spazieren geht, muss sich der Isländer warm anziehen. Denn auf den Bergen liegt immer noch Schnee. Als er sich erstmals in Magdeburg den SCM-Fans präsentierte, bekam er auch im kurzärmeligen Polo-Hemd ordentlich Gänsehaut. „Wie mich die Fans da gefeiert haben, das werde ich nie vergessen. Ich habe nicht einmal in Magdeburg spielen können und wurde trotzdem so toll begrüßt. Da war ich sprachlos. Denn das war wirklich nicht normal und berührt mich noch heute“, sagt der 20-Jährige, der sich Anfang Februar gleich bei seinem Debüt für den SCM in Flensburg an der linken Schulter verletzt hatte.

Die Operation liegt schon wieder neun Wochen zurück und er macht auch die erhofften Fortschritte. Kristjansson: „Da ich mich an der Schulter leider nicht zum ersten Mal verletzt habe, weiß ich natürlich genau, wie der Verlauf sein muss. Und da bin ich hochzufrieden. Es wird von Tag zu Tag immer besser. Jetzt kommt so die Phase, wo die Reha anfängt, Spaß zu machen.“

Reha-Übungen vorerst noch daheim

Genau wie in Deutschland sind die Fitnesscenter auch auf Island geschlossen. Kristjansson: „Aber nach und nach werden die Beschränkungen gelockert. Anfang Mai soll es auch wieder möglich sein, regelmäßig zum Physiotherapeuten zu gehen. Ich habe mir aber genug Übungen zeigen lassen und zu Hause auch alles, um die Reha ordentlich zu absolvieren.“

Die Manschette hat er längst abgelegt und kann sogar schon wieder mit Hanteln arbeiten. Kristjansson: „Noch sind aber nur Übungen für die Stabilität möglich. Um auch mit dem Muskelaufbau zu beginnen, muss ich mich noch drei Wochen gedulden. Dann kann ich auch wieder leicht joggen und mit Sprungtraining beginnen.“

Bis dahin holt sich der Rückraumspieler die Kraft auch durch lange Touren in den Bergen Helgafell und Skálafell. Kristjansson: „Klettern ist natürlich nicht möglich. Aber die Spaziergänge mit meiner Freundin Rannveig und unserem Labrador Birta tun richtig gut. Frische Luft ist wichtig für den Kopf.“ Beim Wandern sind die drei aber nicht allein. „Wir sind wenige Leute in einem großen Land. Da können alle raus und trotzdem genug Abstand voneinander halten. Die Zahl der Infektionen hält sich bei uns auch in Grenzen. Als Insel können wir das natürlich auch viel besser kontrollieren“, berichtet Kristjansson, dessen Freundin übrigens in der obersten isländischen Frauen-Fußball-Liga bei FH Hafnarfjordur spielt.

Kristjansson: „Normalerweise wäre jetzt Saisonstart gewesen. Aber das verzögert sich auch alles.“ Die Handballsaison auf Island wurde dagegen am 7. April vorzeitig abgebrochen. Bitter für Gislis Ex-Club Hafnarfjördur, der nach 20 von 22 Spieltagen nur zwei Punkte hinter Valur Reykjavik lag.

Kristjansson lernt Gitarre spielen

Neben dem Wandern und den Rehaübungen hat Kristjansson auch noch ein neues Hobby entdeckt. „Ich habe angefangen, Gitarre zu spielen. Da ich mich an der linken Schulter verletzt habe, ist das Spielen mit der rechten Hand ja kein Problem. Und es macht auch Riesenspaß, obwohl ich noch ganz am Anfang bin“, erzählt er stolz und ist froh, dass er das im Gespräch mit der Volksstimme auf Deutsch tun kann. Kristjansson: „So bleibe ich in der Übung. Außerdem schaue ich mir über Netflix regelmäßig deutsche Filme an.“ Viel lieber wäre ihm allerdings, wenn er in der Kabine wieder mit den Teamkollegen reden kann.

Dass der Verein großes Vertrauen in ihn setzt, zeigt die vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2023. „Gisli Kristjansson hat uns in den zwei Wochen, in denen er bei uns war, überzeugt – sportlich wie menschlich passt er zum SC Magdeburg. Er bringt als Handballer ein großes Potenzial mit und ist nicht umsonst mit 20 Jahren bereits Nationalspieler“, begründete SCM-Trainer Bennet Wiegert die Entscheidung.

Kristjansson: „Auch das hat mir nach meiner Verletzung unheimlich viel Mut gemacht. In so einer Situation einen neuen Vertrag zu bekommen, ist nicht alltäglich. Das fand ich ganz stark und will deshalb so schnell wie möglich wieder hundertprozentig fit sein, um dem Verein und den Fans auch etwas zurückgeben zu können.“