Flensburg l Was sich ab der 55. Minute am Sonntagnachmittag in der Flens-Arena abspielte, ist an Tragik kaum zu überbieten. Gisli Kristjansson, Neuzugang des SC Magdeburg, geht in den Zweikampf und wird vom Flensburger Michael Jurecki niedergerungen. Der Isländer hält sich sofort die linke Schulter, bricht in Tränen aus. Zeljko Musa führt ihn zum Seitenrand. Dort steht das gesamte Team des SCM, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Kristjansson wird sofort in die Kabine gebracht, nach Spielende dann ins Klinikum. Dass Jurecki für das Foul die dritte Zeitstrafe und somit die Rote Karte sah und das Spiel am Ende verloren ging, wurde für den SCM zur Nebensache. „Ich bin emotional gerade sehr stark betroffen“, sagte Trainer Bennet Wiegert.

Ergebnis wird Nebensache

Das Auswärtsspiel gegen Flensburg war für den SCM der Auftakt in einen Hammer-Monat mit insgesamt acht Spielen. Die 23:29 (12:14)-Niederlage wirft sie im Titelkampf in der Bundesliga vorerst zurück – Flensburg dagegen bleibt dem THW Kiel auf den Fersen. Folgenschwerer aber könnte der befürchtete längere Ausfall von Kristjansson sein. Erst vor wenigen Wochen verpflichtete ihn der SCM vom THW Kiel, um den Ausfall von Spielmacher Marko Bezjak, der an der Schulter operiert werden musste, zu kompensieren. „Das Spiel hier – bitte nicht falsch verstehen – ist mir im Moment völlig egal“, sagt Wiegert, „das Schicksal von Gisli steht über allem. Ich habe das erste Mal, seitdem ich beim SCM Trainer bin, nach der Partie nicht zur Mannschaft gesprochen – ich konnte das nicht.“

Der sichtlich angefasste Trainer hielt sich während der Pressekonferenz zeitweise die Hände vor beide Augen. Wiegert: „Ich muss jetzt erst einmal sehen, wie wir durch diesen Monat kommen.“

SCM kommt gut ins Spiel

Dabei schien es erst so, als ob der SCM die lange EM-Unterbrechung gut weggesteckt hat. Michael Damgaard führte die Magdeburger an, erzielte gleich die ersten drei Treffer. Dagegen zeigte die SG Nerven und musste, als sie gerade beim 4:3 durch Marius Steinhauser erstmals in Führung gegangen war, schon früh rotieren. Steinhauser verletzte sich bei einer Abwehraktion, Holger Glandorf rückte auf die für ihn ungewohnte Rechtsaußen-Position.

„Das ist für uns bitter. Da müssen gerade alle Mannschaften durch“, meinte SG-Coach Maik Machulla zu den Verletzten auf  beiden Seiten.

Damgaard kontra Buric

Doch während die SG immer mehr an Fahrt aufnahm, vermisste die Rückraumreihe des SCM schmerzlich Ideengeber Bezjak. Christoph Steinert, Christian O‘Sullivan und Damgaard fehlte es an Lösungen im Angriff, auch an Tiefe. „O‘Sullivan wirkte überspielt, das hat man ihm angesehen“, meinte danach Wiegert. Zu oft verließ man sich auf die Abschlussstärke von Damgaard. Und den hatten die Flensburger nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser im Griff – auch weil Benjamin Buric im Tor etliche Würfe parierte.

Aufholjagd kostet Kraft

„Wir waren heute in allen Punkten etwas langsamer als Flensburg“, konstatierte Torhüter Jannick Green, „und dann kannst du hier nicht gewinnen.“ Zur Halbzeit (10:12) war noch alles offen. Und die Grün-Roten bewiesen selbst nach einem Sechs-Tore-Rückstand (15:21/40.) große Willensstärke und kämpften sich schnell wieder auf (18:21/42.) heran. „Nur ist das eben sehr anstrengend, wenn du ständig einem Rückstand hinterherläufst“, sagte Green.

Der bittere Höhepunkt war dann die Verletzung von Kristjansson. „Dass er Probleme machen kann, dass er im Eins-gegen-eins sehr stark ist, das hat er heute hier gezeigt“, sagte Machulla. Die Worte sind aber nur ein schwacher Trost für den SCM – denn es ist ungewiss, wie es bei Kristjansson und im Rückraum weitergeht.